VI. Heim und Heimat

Königsberg 1922 bis 1933

1922 ziehen die Radoks in die Villa Ottokarstraße 27 um, die 1909 für den Kommandierenden General der Provinz gebaut wurde. Hinter dem Wohnhaus steht ein Stall mit Platz für Kühe, Pferde, Hühner, Tauben, mit einem Dachboden für Heu und Futter, und mit einer Wohnung für den Chauffeur Lemke mit seiner Familie. Während der Nachkriegszeit und folgenden Inflation erfordert allgemeiner Mangel an Nahrungsmitteln für eine so große Familie besondere Maßnahmen. Eine Milchkuh, Hühner und Tauben liefern einen wichtigen Beitrag. Während warmer Jahreszeiten wird die Kuh täglich geweidet. Im Garten wachsen Kirsch-, Apfel- und Birnenbäume wie auch viele Sorten von Beeren und Gemüse. Obst wird in Riesenmengen eingemacht und gelagert. Im Herbst bringen Kähne große Mengen von Kartoffeln den Pregel herunter. Sie werden nach wiederholten abendlichen Proben als Pellfartoffeln mit Matjesheringen und Specksoße in großen Mengen eingekauft und im Keller in Sand gelagert.

Die Villa Ottokarstraße 27

Für viele Jahre sind diese Gebäude und der große Garten die Kulissen für das recht privilegierte Leben der Kinder. Im Hause walten unter Mutters Aufsicht das schlanke Zimmermädchen Anna and die mollige Köchin Berta. Eine Nàherin kommt wöchentlich, um die Kleider der Kinder, die Bettwäsche usw. im Näh- und Plättzimmer im Grundgeschoß zu reparieren. Der Gärtner Labies und seine Angestellten kümmern sich durch das Jahr hindurch um den großen Garten. Der Chauffeur Lemke mäht einmal wöchentlich abends, vom Frühling bis in den Herbst, das Gras und bringt nach einigen Tagen das trockene Heu in den Stall. Früh zu Bett gebracht, lauschen Gundula und ich, wenn er seine Sense schärft. Einmal im Monat zündet er morgens unter dem großen Kessel in der Waschküche im Stall das Feuer an. Zwei starke Waschfrauen kommen und arbeiten schwer bei allen Jahreszeiten mit der Hilfe aller freien Hände. Die Laken flattern dann auf den Leinen im Hinterhof oder trocknen im Winter und bei Regen für Tage auf dem Boden des Wohnhauses. Danach mangeln die Mädchen geräuschvoll für mehrere Stunden auf dem Boden die Bettwäsche und plätten im Nähzimmer alle andere Wäsche mit Plätteisen, die mit glühender Holzkohle gefüllt werden.

Feste wie Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Familienausflüge, Schulausflüge und Schulferien bereichern das Alltagsleben. Das Wohnhaus hat eine große Diele, an deren Seite eine offene Treppe - an einem großen, farbigen Glasfenster mit einer Waldszene und wilden Tieren entlang - in das Obergeschoß mit den Schlafzimmern führt. Einige Wochen vor Weihnachten fährt Vater in den Wald, um eine geeignete Tanne für die hohe Dielenhalle zu finden. Die Tanne wird kurz vor dem Heiligen Abend durch die Sommerveranda aus dem sehr oft tief verschneiten Garten ins Haus gezogen und im Treppenrund aufgestellt. Rote, polierte Äpfel, Lametta, farbige Glaskugeln, ungezählte weiße Kerzen und Schokoladenhänger dekorieren den Baum.

Am Heiligen Abend müssen die Kinder oben in den Schlaf- und Spiel-Zimmern warten, während die Eltern die Geschenke vorbereiten und die Kerzen anzünden. Von draußen hören wir durch die leicht geöffneten Fenster die Bläser der Stadtmusikanten mit ihrem "Vom Himmel hoch, da komm ich her", "Süßer die Glocken nie klingen", "Es ist ein Ros' entsprungen" und anderen Chorälen. Sie ziehen von Haus zu Haus und werden für ihre Musik belohnt. Es schneit oft. Immer ist es sehr kalt. Die Umgebung ist wie in Watte gehüllt, ohne einen anderen Laut außer der Musik und dem gelegentlichen Rollgeräusch der Straßenbahnen auf der nahen Lawsker Allee. Endlich erklingt die Glocke in der Diele. Die Kinder dürfen die Tür öffnen und sind gleich betäubt von dem Duft der durch die brennenden Kerzen erwärmten Tannennadeln und Äpfel. Weihnachten ist wieder einmal da.

Mit fortschreitendem Alter sind diese Stunden im Obergeschoß nicht immer so friedlich. Die Geschwister zanken sich. In einem Jahr werden sie zurück geschickt, weil sie beim Herunterkommen nicht die angemessene Würde zeigten. Ein anderes Mal gibt es eine Boxerei, die bei Bruder Uwe ein Zahnopfer fordert. Haben die Kinder endlich die Diele erreicht, muß ein jeder unter dem Weihnachtsbaum sein Weihnachtsgedicht hersagen, dessen Auswendiglernen zusammen mit dem Malen eines Weihnachtsbogens die letzten Schultage ausfüllte. Beim Aufsagen der Gedichte hält Vater den Vortragenden zwischen seinen Knieen, während die anderen Kinder auf ihre eigene Aufführung warten. Danach werden Choräle gesungen, von Mutter auf dem Klavier begleitet. Schon schauen sich die Kinder ein wenig um, um zu entdecken, was der Weihnachtsmann wohl an Uberraschungen gebracht hat. Ihre Geschenke liegen auf Stühlen, die um die Diele herum aufgestellt sind. Obenauf stehen bunte Teller mit Nüssen, Rosinen, Marzipan, Pfefferkuchen, Pralinees und anderen Süßigkeiten, denn ein verdorbener Magen gehört schließlich zu Weihnachten genau so wie die heilige Musik.

Der Weihnachtsbaum in der Diele

Die meisten Naschereien werden während der Wochen vor Weihnachten hergestellt. Die ganze Familie versammelt sich in der Küche zum Kneten und Ausrollen des Teiges, Formen der Randmarzipanstücke, Dekorieren der Pfefferkuchen mit geschälten Mandeln, Backen des Teekonfekts, Tauchen der Pralinees in heiße Couverture usw. Solange Schwester Gundula und ich noch zu klein sind, um aktiv mithelfen zu dürfen, weil kleine Finger sehr schnell schmutzig werden, werden wir zufriedengestellt mit ein wenig Backmaterial, das wir soviel formen wie wir wollen und dann sogar verspeisen dürfen. So ist jeder zufrieden, und eine warme Familienatmosphäre hinterläßt Erinnerungen für das ganze Leben. Wenn in den späteren Jahren die Brüder Königberg verlassen haben, nur kurz vor Weihnachten zurückkehren, und es viel weniger Hilfe im Haus gibt, fallen die Backarbeiten Gundula und mir zu und machen uns viel Freude. So lernen wir früh, für andere zu arbeiten.

Die Tradition, die Großvater Elias aus Böhmen mitbrachte, bestimmt das Essen am Heiligen Abend: Karpfen in Bier. Weil der Karpfen recht teuer und die Familie sehr groß ist, ist es bereits während Vaters Jugend üblich geworden, den Fisch mit kleinen Würstchen zu umlegen, die jetzt speziell beim Fleischer Radke bestellt werden. Sie sind bei den Kindern sehr beliebt, weil sie keine Gräten haben. Obwohl der Karpfen sorgfältig geschuppt wurde, kann man das Glück haben, eine Schuppe zu finden. Sie wird dann im Geldbeutel aufbewahrt und versichert Reichtum im kommenden Jahr. Einige Male in diesen Jahren klingelt gerade während dieses Festmahles das Telephon und Vater muß weg, weil es in der Fabrik oder in ihrem Sägewerk Kosse brennt.

Waggonfabrik Steinfurt, 1930

Am ersten Feiertag kommen Hausfreunde und ältere Verwandte zum Mittagessen: eine Bratgans mit vier Schenkeln und vier Flügeln, serviert mit Rotkohl und Salzkartoffeln. Dieses zoologisch unwahrscheinliche Geschöpf entsteht durch die Produktion von geräucherten Gänsebrüsten, nach deren Loslösung von den Gerippen leicht ein vielgebeiniger Vogel zusammengenäht wird. Das Innere dieser Supergans enthält große Mengen von Apfeln, Zwiebeln und Majoram, die dem ersten Feiertag seinen Duft verleihen. An diesem Tag essen wir Kinder schon sehr viel weniger, denn die bunten Teller haben ihre Pflicht getan.

Sylvester wird im engen Familienkreis gefeiert. Wir spielen am Spieltisch unter der Treppe in der Diele Karten, Lotto oder andere Gesellschaftspiele. Am späten Abend versammeln sich alle in der Küche im Erdgeschoß zum Glückgreifen und Glückgießen. Unter umgedrehten Tellern liegen kleine, bemalte Tonfiguren, die Phasen des Lebens darstellen sollen, allerdings ohne den Tod, den Mutter jedes Mal vorsorglich aus der Sammlung entfernt. Danach wird Glück gegoßen, wenn jedes Familienmitglied Blei, das auf dem Herd in einem Löffel flüßig gemacht wird, in eine mit Wasser gefüllte Wanne schöpft, auf deren Boden Geld und Tannenzweigchen so gefangen werden können. Das von jedem geschöpfte Gebilde wird dann direkt oder als Schatten auf der Wand interpretiert. Um Mitternacht, wenn die Glocken von der nahen Luisenkirche das neue Jahr ankündigen, wird Sekt getrunken und alle wünschen einander Erfolg, gutes Glück und beste Gesundheit im neuen Jahr.

Gertrud Radok, um 1928

Allmählich, gegen Ostern, meldet sich der Frühling. Oft hat die Sonne schon den Schnee geschmolzen. Krokusse, Schneeglöckchen und Osterlilien sind auf dem Rasen vor dem Hause ausgesprossen. Vater versteckt dann die traditionellen Ostereier aus Zucker, Marzipan und Schokolade wie auch andere Süssigkeiten im Garten und stellt den großen Papiermachéhasen in die Mitte des Rasen. Die große Sorge des Osterfests ist die Schäferhündin mit dem ost-afrikanischen Namen Shenzi, die oft besser beim Ostereierfinden ist als die Kinder.

In einem Jahr hat der Winter noch nicht seine Schlacht verloren, und Vater macht sich das Leben einfach indem er nicht nur die Eier im Haus versteckt, sondern fast alle in ein afrikanisches geflochtenes Gefäß tut, das mit vielen anderen Gegenständen und lokalen Hirschgeweiden die Paneele und Wände der Diele dekoriert. Als die Enttäuschung groß wird, weil die Beute so klein zu sein scheint, hebt er Schwesterchen Gundula hoch und läßt sie die Entdeckung des Tages machen. Als sie ihren Fund teilen muß, gibt es Mißtöne.

Ostpreußens Norden

Pfingsten steht im Zeichen der zarten Birkenblätter, der üppigen Forsythien, des duftenden Flieder und des reichen Goldregen. Bisweilen blühen auch schon die beiden großen Lindenbäume auf dem Hügel vor der Verandatreppe. Es ist die Zeit der ersten Wanderausflüge nach Neuhäuser, Kleinkuhren, Brüsterort, Warnicken, Rauschen, dem Galtgarben, Cranz und auf die Kurische Nehrung.

Königsbergs Westen

In den Zwanziger Jahren wird die Eisenbahn benutzt. Die ganze Familie, Vater mit einem großen Rucksack voraus, wandert die Körteallee entlang zum Ratshofer Bahnhof, um den Zug nach Pillau zu erreichen. Da der Zug vom Südbahnhof herkommt, ist er schon recht voll, und wir quetschen uns in ein Vierte-Klasse-Abteil, das an Werktagen den Marktfrauen zum Transport ihrer Körbe dient. Der Zug hält oft, aber nur wenige Leute steigen aus, denn das Wetter ist gut und die meisten wollen nach Neuhäuser oder Pillau fahren. Hinter Fischhausen sieht man auf die Fischhausener Wiek, und bald danach erscheint die Burg Lochstädt. Es ist Zeit zum Aussteigen. Die Eltern wollen den Menschenmassen entgehen, und das bedeutet, daß wir weit marschieren müssen. Unseren Stammplatz, der ein paar Kilometer nördlich vom Seesteg liegt, erreichen wir am Waldkrug vorbei durch den Wald, dessen Boden mit Anemonen bedeckt ist. Auf den Wegen liegen noch alte Blätter des vergangenen Herbst. Es riecht modrig, bis die Sonne steigt. Als wir den Strand erreichen, löst sich die Familiegruppe schnell auf. Jeder frönt nun seinen Neigungen.

Das wichtigste ist natürlich das Mittagessen. Heiße Würstchen, vom Fleischer Löbell in der Vorstädtischen Langgasse, und Brötchen, vom Bäcker Masuhr gegenüber dem Walter-Simon-Platz, sind Standardproviant. Für das Kochen der Würstchen wird ein Feuer entfacht. Jeder sucht nach einer kleinen Astgabel, mit deren Hilfe das Wurstpärchen aus dem Topf gefischt und im Wind gekühlt wird, bis man es essen kann. Während dieser Vorbereitungen suchen wir schon Bernstein, der durch den Sturm der letzten Tage zusammen mit viel Seetang an den Strand geworfen wurde. Es erfordert Geduld und Glück, aus diesem Geflecht kleinere und manchmal auch größere Bernsteinstücke herauszusuchen. Richtig große Stücke sind sehr selten. Sie werden eher im Winter gefunden, wenn es sogar für die Berufsbernsteinfischer zu kalt ist. Natürlich gehört der Bernstein dem Staat, aber darum kümmert sich niemand.

Die Radok Villa in Neuhäuser

Nach dem Essen wird gewandert, denn es ist noch zu kalt zum Baden und zum Liegen am Strand. Vater, mit einem geknoteten Taschentuch auf dem Kopf, ist immer allen weit voraus. Er hat einen frischgefundenen Stock in der Hand, mit dem er jedes Tangbündel untersucht, ohne sich viel beugen zu müssen. Als er sich schließlich doch umdreht, beginnt die Rückwanderung nach dem Seesteg von Neuhäuser. Gegen Abend wird noch schnell Vaters Schwester Else besucht, der das Radoksche Strandhaus gehört. Müde steigen wir schließlich auf den Zug und müssen wieder die ganze Fahrt über stehen. Es ist immer noch hell, wenn wir die Körteallee entlang nach Hause wandern. Es war ein guter Tag mit guter Luft.

Fritz Radok, um 1928

Bisweilen wird auch noch Pillau besucht. Der Weg von Neuhäuser nach Pillau führt über die Palve zum Denkmal des Großen Kurfürsten. Auf der Palve sammeln wir die kleinen wilden Nelken, die Vater seit seiner Kindheit liebt, aber nie in seinem Garten erfolgreich anpflanzen kann. In Pillau angelangt, werden kleine geräucherte Fische, ähnlich den Kieler Sprotten - in meinen Worten, "Kopf-ab, Schwanz-ab" , weil man sie mit Haut und Gräten verschlingt - auf der Mohle verzehrt.

Andere Ausflüge führen uns nach Cranz und auf die Kurische Nehrung. Wir fahren mit der Straßenbahn zum Cranzer Bahnhof am Hansaplatz. Nach weniger als einer Stunde erreichen wir Cranz, wandern durch die Kopfsteinpflasterstraßen und dann einen Waldweg entlang, der langsam zu einer Art Trampelpfad wird. Hier pflücken wir im Frühling schnell welkende wilde Anemonen und Maiglöckchen. Am Strand treffen wir selten Menschen, die so lange Wanderungen unternehmen. Die Ostsee ist schon warm genug. Eifrig wird eine Sandburg gebaut, um Mutter gegen den Wind zu schützen, der den Strand entlang weht und trockenen Sand in die Augen blasen kann. Müde plätschern kleine Wellen gegen den sauberen Strand mit feinem Sand. Hier und dort gibt es flache Steine, die, wenn richtig geworfen, einige Male auf der Seeoberfläche springen, bevor sie untergehen. Es gibt einen Wettbewerb, wessen Steinchen am weitesten fliegen und am öftesten springen.

Die Cranzer Strandpromenade, um 1930

Auf dem Weg zurück spazieren wir am Strand entlang und erreichen die hölzerne Cranzer Strandpromenade, die fast jährlich nach den Winterstürmen und schwerem Eisgang repariert werden muß. Der Abschluß dieses Ausfluges ist ein Nachmittagskaffee in einer der Konditoreien an der Promenade. Danach werden noch die berühmten Cranzer Flundern von den Fischweibern gekauft, die in einer langen Reihe vor dem "Schloß am Meer" mit den Kunden feilschen. Die leuchtend braunen Fische sind noch fast so warm wie sie aus der mit Zischken geheizten und mit Säcken bedeckten Räucherkiste kamen. An der ganzen Samlandküste werden die Flundern so geräuchert.

Später wird Vaters Dienstauto für diese Ausflüge benutzt. In den zwanziger Jahren ist es ein offener Wagen, vielleicht noch ein Überbleibsel aus dem Weltkrieg, in den alle sieben Familienmitglieder und Herr Lemke hineingequetscht werden. Wenn wir für längere Zeit verreisen, werden Koffer hinten aufgeschnallt. Im Winter werden die in Decken eingewickelten Skier auf den Vorderkotflügeln verstaut. Es ist erstaunlich was so ein Gefährt tragen kann.

Dann ist es ein Horch, ein exklusiver Autotyp, ein wenig wie die Wagen der Chicagoer Unterwelt, in den Vater, wenn er auf ein Begräbnis geht, mit seinem Zylinderhut, ohne sich zu bücken, einsteigen kann. Danach wird es ein Mercedes-Benz mit einer Glastrennscheibe und einem Telefon zwischen dem Chauffeur und Vater. Das Auto ist viele Jahre in der Fabrik in Ratshof untergebracht. Wenn das Wetter zusagt - Sonne im Sommer, guter Schnee im Winter - , laufe ich morgens früh mit Herrn Lemke nach Ratshof, um das Auto zu holen. Die Garage steht am Unterende der Fabrik am Pregelufer, wo es immer etwas zu sehen gibt. Der Schiffsverkehr ist rege, wenn der Pregel keinen Eisgang hat.

Wenn bei uns kein Vieh mehr untergestellt werden muß, hat das Auto seine eigene Garage im Stall und diese Wege nach Ratshof sind unnötig. An einem schönen Sonntagmorgen wird einer von uns Buben von Vater zu Herrn Lemke geschickt, um den drohenden Ausflug anzukündigen. Nach dem Frühstück steht das Auto dann auf der Straße vor dem Hauseingang. Herr Lemke hat es schön geputzt und wartet davor, auf dem Kopf seine Dienstmütze. Als Vater ihm, als Anerkennung für seinen Dienst, zwei Zigarren schenkt, schiebt er sie unter die Kappe, weil er wohl keine andere passende Aufbewahrungsmöglichkeit für solche Kostbarkeiten hat.

Grete Simon, um 1928

Oft ist das Ziel Sarkau, elf Kilometer von Cranz entfernt, am Anfang der Kurischen Nehrung. Es ist Frühjahr und noch nicht sehr warm, obwohl die Birken schon grüne Spitzen haben und auch sonst die Natur wieder Leben zeigt. In Sarkau wird das Auto auf uns warten beim Gasthaus von Herrn Kiehr , einem kleinen kichernden Männchen, mit dem Vater erst einmal einen Schnaps trinken muß. Die Gaststube ist am Sonntag voll von rauchenden und trinkenden Männern. Vater kennt dieses Gasthaus schon vom Anfang des Jahrhundert, als er zum ersten Mal Nidden im Winter besuchte. Unser heutiges Ziel zu erreichen ist nicht so strapaziös. Wir wollen nur an die nackten Dünen, die zu Fuß ungefähr anderthalb Stunden entfernt sind.

Sarkau liegt am Kurischen Haff, das noch teilweise gefroren ist. Am Strand liegt Packeis, aber es gibt schon offenes Wasser, sodaß es schwer ist, auf das Haff hinaus zu wandern. Bei manchen Gelegenheiten fahren wir von hier mit einem Pferdeschlitten, der von Nidden gekommen ist, sechs Stunden lang über das Eis oder über die Poststraße nach Nidden. Bei solchen Gelegenheiten erzählt Vater von seinem ersten Winterbesuch in Nidden, als es so kalt war, daß der Schnapps in des Kutschers Flasche gefror, wenn er sie auf den Sitz neben sich legte. Wenn es wenig Schnee gegeben hat, ist das Haff wie ein Spiegel, auf dem man mit den roh gezimmerten Segelschlitten der Fischer hohe Geschwindigkeiten erreichen kann.

Die ersten Schritte führen uns immer an die See in der Nähe des Rettungsbootschuppen. Am Strand liegen die schwarzgeteerten, offenen Ruderboote der Fischer. Sie sind gerade dabei, eines ins Wasser zu setzen. Mit den Rücken gegen das Boot gestemmt, schieben mehrere Männer und Frauen das schwere Fahrzeug langsam zum Wasser herunter. Wir versuchen zu helfen, aber sie schaffen es allein. Die See ist ruhig, und bald schwimmt das Boot mit seinen Netzen und Fischern dem Horizont entgegen.

Entlang der Poststraße

Nach diesem kurzen Besuch an der See wandern wir die Poststraße entlang durch das recht sumpfige und feuchte Waldgebiet der Nehrung. Wir sehen Hasen und Rehe in der Ferne und viele kleine Vögel. Nach einer Weile zeigen sich schon vor uns über den Bäumen die weißen Dünen. Dann öffnet sich der Blick auf beide Seiten. Nach links gibts es hochstämmige Kiefern, eine Palve mit Gräsern und gerade erwachenden Blumen, nach rechts unterbrechen Erlen, Kiefern und Birken den Blick auf die ersten, langsam ansteigenden, unberührten Sandhügel vor dem hellblauen Himmel. Wir sind vermutlich die ersten Besucher in diesem Jahr oder wenigstens an diesem Wochenende, denn Wind und Wetter verwischen schnell die Spuren früherer Besucher.

Der erste Blick auf die Dünen

Während ein kleines Feuer am Fuße der Dünen gemacht wird, um die Würstchen aufzuwärmen, laufen einige von uns auf den Gipfel der Düne und sehen hinunter auf das Haff mit seinen großen Eisschollen und viel Wasser dazwischen. Der Sand der Düne ist nicht mehr gefroren und zeigt unsere Spuren zwischen denen des Windes. Nach dem Essen geht es an der See entlang zurück nach Sarkau. Zu unserer großen Überraschung treffen wir hier einmal ein Paddelboot mit zwei jungen Männern, die auf dem Weg nach dem 24 Kilometer entfernten Rossitten sind und bei uns für eine kurze Unterhaltung landen . Das ist das einzige Mal in vielen Jahren, daß wir hier auf solchen Ausflügen andere Leute treffen. Ein Grund dafür ist sicher, daß die Nehrungsstraße für jeden Autoverkehr gesperrt ist und Leute nicht so gerne weit laufen. Die Nehrung ist Naturschutzgebiet.

In unserem täglichen Leben spielt Musik eine große Rolle, wohl schon als eine Fortsetzung von Vaters früherem Familienleben. Alle Kinder lernen Klavier spielen, Bruder Uwe auch Violine und Bratsche, und Bruder Jobst Cello. Der Grund war sicher die Absicht eines Familienstreichtrios, in dem Vater die Violine spielen sollte, und das nie realisiert wurde. Einige Jahre lang wird Kammermusik von befreundeten Ärzten und Rechtsanwälten bei gesellschaftlichen Gelegenheiten in unserem Hause aufgeführt. Schwester Gundula und ich hören dann im Nachthemd von oben zu.

Unsere Klavierlehrerin und Pianistin Grete Giedat, Schülerin von Alfred Schröder und später Eduard Erdmann in Köln, kommt regelmäßig ins Haus und arbeitet dann mit jedem Kind für eine halbe Stunde am Bechstein-Flügel. Täglich wird geübt, aber oft unter ein wenig Druck. Nur Bruder Uwe wird annähernd ein Musiker.

Königsbergs Musikleben ist sehr lebendig. Die Eltern nehmen uns mit in Konzerte in der Stadthalle. Wir Jüngeren sitzen dann im Rang auf einer Stufe zwischen den Stühlen in der schon seit Jahren reservierten Loge. Diese Konzerte bieten eine Gelegenheit, Freunde zu treffen, sodaß sie gesellschaftliche wie auch musikalische Ereignisse sind. Ich höre manche der bekannten Solisten der zwanziger Jahre: Arthur Schnabel, Georg Kuhlenkampff, Louis Graveur, Wilhelm Furtwängler, und sehe mit großer Freude Musical-Clown Grock. Der Dirigent Eugen Jochum wohnt bei uns und vergißt seinen Taktstock. Ich muß mit Hern Lemke schnell nach Hause fahren, um den Stock zu holen, und kehre gerade zur rechten Zeit zurück.

Wir Brüder singen im Schulchor unter der Leitung von Hugo Hartung, dem Musiklehrer an unserer Schule, dem Hufen-Gymnasium, Messen und Oratorien von Bach, Händel, Haydn und Beethoven, die jährlich im Winter in der Stadthalle aufgeführt werden. Aber bereits im März 1933 finden die ersten Angriffe der Parteibehörden auf Vater statt, wie ich nach 60 Jahren aus hinterlassenen Dokumenten herausfinde. Ich gehe danach alleine in die Konzerte. Die Eltern zeigen sich dort nicht mehr. Über Nacht verschwinden viele ihnen mehr als mir bekannte Gesichter aus der Öffentlichkeit.

Die Burgkirch

Alle Kinder werden eingesegnet. Bruder Christoph 1929 in der Neuen Altstädtischen Kirche gegenüber der Konditorei Gehlhaar, in die mich Onkel Reinhold aus dem Gottesdienst entführt, wenn er entdeckt, daß ich mich langweile, und er meine Reaktion teilt, Bruder Uwe und Jobst 1932 in der Schloßkirche beim Wehrkreis-Pfarrer Ludwig Müller, dem späteren Reichsbischof der Evangelischen Kirche, im Volksmund als "Reibi" bekannt, ich selbst bei Pfarrer Karl Weder 1936 in der Burgkirche, und Gundula in der Luisenkirche 1937. Es sind Gelegenheiten für festliche Mahlzeiten mit Verwandten und Freunden und Einträgen in das Radoksche, 1875 begonnene Familienbuch, das mir auch heute noch viel Information liefert.

Am Ende der Inflation wird das Leben aller etwas leichter. Es gibt wieder Geld für Neuanschaffungen und Reparaturen. Unsere Küche im Erdgeschoß wird neu eingerichtet, die Diele wird umgebaut und erhält neue Tapeten und frisches Linoleum. In einem Jahr, während die Familie Sommerferien macht, verschwinden die wackligen Waschtische mit großen Schüsseln und Kannen aus den Schlafzimmern und werden durch Basins mit fließendem Wasser ersetzt, ehe die Zimmer neu tapeziert wurden. Der Garten erhält einen Steingarten und ein tiefes Betonbassin, in dem Vater versucht blaue Seerosen, die er in Afrika lieben lernte, zu kultivieren. Die Eltern mit den drei älteren Söhnen unternehmen eine Reise nach Holland und Finnland. Drei neue Fahrräder für die Brüder stehen eines Tages vor dem Haus. Die Eltern fahren zum Skilaufen nach Zürs. In einem Sommer besuchen sie Madeira und kehren mit Bananenstauden zurück, die sie nach Nidden bringen, wo sie hohen Zoll zahlen müssen. Es sind die einzigen Bananen, die ich dort je gesehen habe und die von der Bevölkerung bewundert werden.

In der Stadt werden Straßen asphaltiert. Es gibt mehr Autos und weniger Pferdedroschken. Die Gaslampen an den Straßen werden entferngezündet anstatt durch radelnde Männer unter allen Wetterbedingungen mit einem langen Stock aktiviert. Überall werden neue Wohnhäuser errichtet. Die Straßenbahnen werden modernisiert. Es gibt weniger Bettler.

Feier des 100 Jahre Jubilàums der Waggonfabrik Steinfurt, 1930

Aber diese Periode dauert nicht lange und Armut und Hunger kehren in die Stadt zurück. Im Winter begleite ich Mutter auf ihren Besuchen, um Kohlen- und Lebensmittelkarten den Arbeitslosen und Pensionären von Steinfurt und der Union-Gießerei zu bringen. Die kleinen, schlecht gelüfteten, recht kalten Wohnungen der Besuchten hinterlassen bei mir, vielleicht angesichts unseres eigenen Komforts, einen unvergeßlichen Eindruck. Nach 1933 leiste ich diese Hilfe mit dem Fahrrad allein, weil, wie ich aus Vaters Dokumenten herausfinden werde, meiner Mutter als "Jüdin" diese Hilfstätigkeit untersagt wurde.

Viele Menschen, besonders junge Leute, sind arbeitslos. Sie nehmen an Umzügen teil, die anfangs bunt zusammengewürfelt und weitgehend unorganisiert die Lawsker- und Hufen-Allee entlangziehen. Hitler erkennt die Gelegenheit, diese Menschen mit unbegrenzter Freizeit für seine Zwecke zu organisieren. Allmählich werden manche dieser Umzüge regelrecht nationalsozialistisch und militärisch zackig. Es gibt Straßenkämpfe und Kundgebungen, bei denen führende Männer aller Richtungen im Haus der Technik, dem späteren Schlageter Haus, sprechen. Das Volk gewöhnt sich an die neuen Ideen der Freizeitorganisation und die Beschneidung persönlicher Freiheit im Dienst der Nation, alias Partei.

Zwei neue Erfindungen verändern langsam, aber sicher das Leben aller Menschen. Täglich klettert mittags ein kleiner Doppeldecker, anscheinend über unserem Garten, in engen Spiralen in die Höhe, um Wetterbeobachtungen durchzuführen. Bald gesellen sich fahrplanmäßige, dröhnende Verkehrsmaschinen hinzu. Während eines Eisenbahnerstreiks kehrt Vater von Berlin mit Ferdinand Schulz, einem Pionier des Segelfliegens, in einem Zweisitzer zurück und notlandet in Pommern. Die Brüder verbringen ihre Sommer in Rossitten an der Segelfliegerschule der Rhön-Rossitten-Gesellschaft. Wenige Jahre später landet die Dornier DO-X auf dem Frischen Haff und wird langsam den Pregel heraufgezogen. Vater kehrt von Berlin im Zeppelin zurück und schenkt jedem Kind einen Pergamenttopf, der im Luftschiff allerdings nicht als Kopfbedeckung dient.

Das Radio dringt in alle Häuser ein. Auf dem Spieltisch unter der Treppe in der Diele erscheint ein Kristalldetektor mit Hörern für jeden. Der Tisch wird in Radiotisch umgetauft. Es ist der Anfang des Endes vieler Gemeinsamtätigkeiten. Diese Entwicklung braucht einige Jahre. Das Heim wird weniger privat, die Außenwelt hat Eintritt gefunden. Später reist Bruder Christoph nach Elbing und baut dort mit einem Ingenieur einen Röhrenempfänger mit Lautsprecher. Unter Vaters Führung nehmen wir rasch an neuen Entwicklungen teil.

Im Jahr 1927 organisiert Vater das Jahrestreffen der Deutschen Kolonialgesellschaft in Königsberg. Er hält in der Stadthalle einen Vortrag über seine Zeit in Ostafrika, für den wir seine Glasplattennegative in abendlicher Zusammenarbeit vorbereiten. Ein Modell des während des Weltkrieges versenkten Kreuzers "Königsberg" nimmt an dem Umzug teil und wird danach in unseren Hinterhof gestellt. Wochenlang spielen wir Marine. Bruder Uwe verrät uns bei dieser Gelegenheit seine Absicht Marinbeoffizier zu werden. Als es dann ernst wird, lehnt man seinen Antrag, wie er mir vor Jahren erzählte, wegen "Plattfüssen" ab, obwohl der wahre Hintergrund sicher seine Abstammung ist.