XII. Soldat und Student

Australien 1942 bis 1945

Melbournes Zentrum für die Einstellung neuer Soldaten befindet sich in dem großen Pferderennplatz Caulfield in dem gleichnamigen Stadtteil. Wir kommen auf dem Spencer Straße Fernbahnhof an und wechseln in die Vorortbahn nach Caulfield über. Die Fahrt durch das Zentrum von Melbourne dauert nicht lange. Unser Begleiter erklärt uns Sehenswürdigkeiten wie den Botanischen Garten und den Sitz des Gouverneurs. Mittags stehen wir bereits in der Schlange, die in das System der Australischen Armee führt. Die Musterung dauert nicht lange, und ich bin schon an manches gewöhnt. Meine Augen machen mir etwas Sorge, aber ohne Grund, denn das Ganze scheint nur eine Farce zu sein. Nach Röntgenaufnahmen und dem üblichen Klopfen auf die Nerven, gehen wir zum Lager, wo wir Uniform, Unterwäsche, Seesack, Decken, Strohsack und Eßgerät erhalten. Manche Rekruten bekommen auch Waffen, wir aber nicht. Danach führt man uns zu einer Tribüne, von wo in Friedenszeiten die Leute den Pferderennen zusahen. Wir sollen uns einen Schlafplatz suchen. Dort treffen wir einige der früher Mitinternierten, die gerade von der Arbeit zurückkommen.

Wir schlafen für mehrere Wochen auf dieser Tribüne, praktisch im Freien, während des recht unfreundlichen Melbourner Winters. Nachts gibt es kein Licht, sodaß es leicht passiert, daß "heimkommende" Kameraden auf Schlafende treten. Nach einigen Wochen siedeln wir in Zelte um, die noch kälter sind, weil sie zwischen Büschen auf bloßem Boden stehen.

Rainer Radok in Uniform, Juli 1942

Franz Lebrecht führt uns am ersten Abend zu Freunden, die vor dem Krieg hierher auswanderten. Wir spazieren mit ihm zu der nahen Wohnung durch die schönen, mit Bäumen bepflanzten Straßen und genießen viele lang vermißte Eindrücke. Kaffee aus Rosenthal-Porzellantassen an einem gedeckten Tisch mit Blumen sind für mich der Höhepunkt des Abends. Es dauert erstaunlich kurz, bis man sich an den Szenenwechsel gewöhnt hat.

Schließlich erreichen wir unser Quartier auf der Tribüne und schlafen unter einem sternbedecktem Himmel beim Geräusch der Straßenbahnen und Züge ein. Es ist noch dunkel, wenn wir am Morgen durch das Signalhorn unseres einstmaligen Singapurer Trompeters zum Frühstück und zur Arbeit gerufen werden. Um 6 Uhr findet der Appell mit Einteilung zur Arbeit statt. Die meisten Unteroffiziere sind auch frühere Internierte mit Erfahrung als Offiziere im Ersten Weltkrieg. Jede Arbeitsgruppe wird von einem solchen Vorgesetzten geführt. Ein australischer Offizier oder Unteroffizier begleitet größere Gruppen. Die Arbeit selbst spielt sich in vielen Formen ab wie Laden und Ausladen von Schiffen, Lagerhausdienst, Säubern von Räumen, Ausheben von Luftschutzgraben, Laden von Zügen, usw.

Unser Kommandant ist der Maori Kapitän Broughton, der seit einem Jugendaufenthalt in der Schweiz gut Deutsch spricht. Eine seiner ersten Handlungen war die Berufung von Unteroffizieren, deren selbst konstatierter Status ihres Offiziersgrades in den ehemaligen kaiserlichen Armeen ihren neuen Rang bestimmte. Diese Abkunft unserer niedrigeren Vorgesetzten macht uns bisweilen das Leben sauer, denn zu leicht versuchen sie, die Bedingungen ihrer früheren militärischen Erfahrungen wieder herzustellen. Wir gemeinen Soldaten wissen aber schon zu viel von der recht laxen australischen Armee und widersetzen uns diesem Bestreben.

Die Sonne geht auf, während wir auf offenen Lastwagen stehen und in Melbournes Victoriadocks fahren. Langsam dringt etwas Wärme in unsere unterkühlten Knochen. An diesen ersten Tagen laden wir Schiffe mit Proviant und Munition. Andere Arbeitsgruppen sind in der Stadt in Lagerhäusern mit der Vorbereitung und Absendung dieses Materials beschäftigt. Wenn wir in der Stadt arbeiten, haben wir während der Mittagspause Gelegenheiten, Schaufenster anzusehen, Bier zu trinken, Mädchen zu beäugeln usw. Die ersten Arbeitstage sind mit so vielen Eindrücken angefüllt, daß sie sehr schnell vergehen. Am Abend sind wir sehr müde von der ungewohnten und oft sehr schweren körperlichen Arbeit. Wir haben aber das Gefühl, am Krieg auf eine positive Weise teilzunehmen, obwohl bisweilen in uns der Wunsch entsteht, mit den Australiern gleichberechtigt zu sein und uns freiwillig für den Dienst in Übersee melden zu dürfen.

Manchmal erhalten wir abends Ausgangserlaubnis und finden so Gelegenheiten, Melbourne zu erforschen. Gaststätten, Filmtheater, Soldatenklubs sind die Plätze, wo sich bisweilen Mitglieder unseres Bataillons wiedertreffen. Doch schon nach wenigen Tagen beginne ich meine neue Existenz zu reorganisieren. Ich finde wenig Interesse an diesen Zerstreuungen und bin besorgt um meine Zukunft.

Wir drei Brüder finden eine Art von Heim bei der vierköpfigen Familie Alsen, die am Beginn des Krieges von Königsberg hierher kam. Ich verbringe viele glückliche Stunden in ihrer Etagenwohung in St.Kilda, einem Stadtteil, in dem viele Einwanderer von Deutschland wohnen. Ab und zu erlauben sie mir, auf dem Sofa in ihrer guten Stube zu übernachten. Ausgangserlaubnis mit Übernachtung ist selten, aber bald finden wir einen Weg, uns aus dem Lager ohne Pässe zu entfernen. Wir arbeiten wöchentlich sechs Tage und erhalten zwei Tage Urlaub per Monat.

Melbourne

Am ersten freien Sonnabend besuche ich die Universität Melbourne, nördlich vom Zentrum der Stadt. Margaret Holmes von der Australischen Christlichen Studenten Bewegung hilft mir bei der Aufklärung der Schwierigkeiten mit meinem englischen Examen. Der Beamte an der Universität rät mir, einen Antrag auf spezielle Immatrikulation zu stellen. Ich höre von ihm, daß ich für jedes von den 10 Fächern, die zu einem Diplom nötig sind, sieben Guineas zahlen muß (1 Guinea hat 21 Schillinge). Als gemeiner Soldat verdiene ich sechs Schilling den Tag, das heißt, daß ich 24,5 Tage arbeiten muß, um für ein Fach zu zahlen. Die Straßenbahn kostet für einen Soldaten einen Schilling für sechs Fahrten. Papier, Bücher, Tinte und was ich sonst zum Leben brauche werden finanzielle Probleme.

Jede zweite Woche ist Zahltag. Der Kapitän gibt persönlich das Geld in einem Briefumschlag aus und trägt die Summe in unser Zahlbuch ein. Meine Brüder und ich beantragen, den Eltern in Amerika einen Teil unseres Lohnes zu senden. So habe ich im Alter von 22 Jahren mein erstes Einkommen. Wer hätte gedacht, daß ich in dem Augenblick Soldat sein und australisches Geld erhalten würde?

Unsere Kompanie ist eine sonderbare Einrichtung, die in der Preußischen Armee kaum einen Platz gefunden hätte. Die allgemeine Disziplin ist sehr locker. Allem voraus steht das Ziel billiger und verhältnismäßig tüchtiger Arbeit. Die Beziehungen mit unserem Kapitän sind freundlich und zwanglos. Eines Tages treffe ich ihn in der Stadt. Er sieht, daß meine Stiefel schmutzig sind. Auf seine Frage "Warum gebrauchen Sie nicht Nugget?" antworte ich: "Was ist Nugget, Sir?", und er zuckt nur mit den Schultern. Ich entdecke später, daß Nugget ein populäres Schuhputzmittel ist. Eine ähnliche Antwort bei einem unserer kaiserlichen Unteroffiziere hätte sicher eine andere Reaktion hervorgerufen. Eine Zeitlang putze ich meine Stiefel.

Am 3. Juli 1942 erhalte ich die Entscheidung des Universitätsrates bezüglich meiner speziellen Immatrikulation. Man hat meine Examensarbeit vom März durchgesehen und war zufrieden. Ich kann das Studium beginnen, obwohl ich kein Reifezeugnis erhalten werde, denn offiziell habe ich die Prüfung nicht bestanden! Am nächsten Sonnabend wird mein Name in das Immatrikulationsbuch der Universität eingetragen. Die erste Hürde liegt hinter mir. Ich beantrage die Erlaubnis, mich verspätet in drei Fächern für das laufende Jahr, das im März begonnen hat und im Oktober endet, einzutragen.

Ich habe mich schon früher entschieden, Mathematik zu studieren. Doch muß ich allein studieren und mich auf die Examina vorbereiten. Außer sechs Mathematikfächern wähle ich zwei Deutschfächer als leichte Aufgaben. Zwei weitere Fächer werde ich später aussuchen. Wenn die Erlaubnis für das laufende Jahr Anfang August kommt, habe ich noch vier Monate Zeit, um mich auf die sechs Examen (zwei pro Fach) vorzubereiten.

Zu dieser Zeit zieht die Kompanie vom Caulfield-Rennplatz ins Lager Pell um, das nur einen Zehn-Minuten-Spaziergang vom Zentrum Melbournes entfernt, und noch näher zur Universität liegt. Unsere Zelte stehen auf einem Abhang des Royal Park hinter neuerrichteten Drahtzäunen, die wie die meisten Zäune, aber jetzt ohne Gefahr, überklettert werden können. Die Küche, der Speisesaal und die Verwaltung sind in Wellblechhütten oben auf dem Hügel untergebracht. Unsere Routine ändert sich nicht, außer daß sich langsam immer gleich zusammengesetzte Gruppen bilden, die regelmäßig zu denselben Arbeitsplätzen geschickt werden, und sich daher dort sozusagen häuslich einrichten können. Es ist interessant, wie der Mensch immer wieder nach Regelmäßigkeit sucht.

Das Problem solcher Gruppen ist, daß sie den Feldwebel Jones davon überzeugen müssen, daß diese Regelmäßigkeit nicht nur für sie, sondern auch für die Kriegsführung von Interesse ist. Über die Jahre ergattere ich selbst mehrere Male solche Dauerposten. Der beste ist der des offiziellen Holzhackers: Ein Resultat meiner Spezialisierung im Internierungslager. Für Wochen werde ich jeden Morgen zu dieser Arbeit aufgerufen und verschwinde schnell und zackig um die Ecke der Küche. Nach ein paar Wochen werden eines Tages Extrakräfte gebraucht. Auf diese Weise entdeckt der Feldwebel, daß das Holz schon gespalten kommt und meine Haupttätigkeit darin bestand, es sauber bei den Öfen aufzustapeln. Diese Arbeit, die mir viel Zeit zum Studium gab, findet so ihr Ende.

Besonders während dieses ersten Jahres konzentriere ich meine Aufmerksamkeit mehr auf die Examina selbst als auf den Lehrstoff. Selten komme ich rechtzeitig zu den wenigen Abendvorlesungen, sodaß mir nur alte Examensbögen eine Gelegenheit bieten, herauszufinden, was erwartet wird. Ich sehe bald ein, daß mein Studium - was für mich im Augenblick am wichtigsten ist - mit einem Prüfungspapier abschließen wird, mit dem ich nach dem Krieg Arbeit suchen kann. So hoffe ich, später eine Gelegenheit zum intensiven Studium ohne Nebenbeschäftigung zu finden. Dieses Ziel steht mir während der nächsten Jahre vor den Augen und hält mich davon ab, meine Freizeit an Nebensächlichkeiten zu verschwenden. Nur so gelingt es mir, zwei vollen Berufen nachzugehen.

Ich treffe an der Universität mehrere Studenten, die der Christlichen Studenten Bewegung angehören. Eines Abends fahre ich mit dem Zug nach Carrum an der Port Phillip Bay zu einem ihrer Wochenendetreffen. Zum ersten Mal laufe ich wieder einen Strand entlang. Plötzlich habe ich großes Heimweh nach Nidden, jedoch fängt die australische Küste an, die verlorene Heimat zu ersetzen. Ihre Länge und Breite, ihr Mangel an Menschen, die Gegenwart von starken, hohen Brechern machen sie für mich zu einer der größten Attraktionen dieses Landes. Jeden Tag des Jahres und zu jeder Tageszeit ist sie bereit, Ruhe und Erholung zu bieten.

Ein anderes solches Treffen führt mich nach Healesville in den Bergen nördlich von Melbourne. Die Eukalyptusbäume und Akazien dieser Wälder unterscheiden sich so sehr von den Fichten und Laubbäumen Europas, daß man sich erst an sie gewöhnen muß. Aber wenn die Akazien, auch Mimosen und in Australien Wattle genannt, blühen, dann ist im Frühling die ganze Gegend überschattet von einem leuchtenden Gelb, und man entwickelt sehr bald eine tiefe Neigung zu dieser Vegetation. Ganz ungewöhnlich für Europäer ist auch das dichte Unterholz, das in Kombination mit den während eines großen Waldbrandes 1939 umgestürzten Bäumen das kreuz und quer Spazierengehen zu einem Hindernisrennen erster Klasse macht.

Landkarte des östlichen Teils des australischen Staates Victoria

Ende August werden Bruder Jobst und ich mit einer großen Gruppe unseres Bataillons nach Albury, 300 Km nördlich von Melbourne, geschickt, wo die kleine Spurweite der Eisenbahn von New South Wales in die viel breitere Victorianische wechselt. Unsere Arbeit ist das Hinüberschaffen der Ladungen zwischen den Zügen der beiden Spurweiten und die Vorbereitung von Armeesendungen in Lagerhäusern. Schon vor Albury sehen wir die hohen Berge der Alpen an der australischen Ostküste. In Albury werden wir am Pferderennplatz in Zelten untergebracht. Täglich bringen uns Lastwagen an den Bahnhof oder zu den Armeelagerhäusern von Bandiana in einem tiefen Tal, von wo Vorräte an alle australischen Einheiten versandt werden. Nach dem Krieg wird hier das Einwanderungslager mit dem gleichen Namen eingerichtet.

Es gibt wenig Orte, wo ich ungestört und ohne Lärm kartenspielender Kameraden studieren kann. Aus finanziellen Gründen war es mir unmöglich, alle notwendigen Bücher mitzunehmen. So machen mir mein Studium und die sich nähernden Examina große Sorgen. Ende September bin ich in telefonischer Verbindung mit Bruder Uwe, der in Melbourne verblieb. Schon früher hatte er mir angeboten, mit mir zu tauschen. Ich rufe unseren Kapitän in Melbourne an, der sofort sagt:" Ein Radok ist so gut wie ein anderer". Zwei Tage später, als ich von der Arbeit zurückkomme, empfängt mich Uwe in meinem Zelt. An dem Abend gehen wir zusammen in das Globe-Hotel. Die Familie des Besitzer des Hotels stammt aus Deutschland. Man serviert hier ein sehr gutes Essen. Wir trinken guten südaustralischen Wein und sind einander näher als je zuvor und seitdem.

Am nächsten Tag kehre ich nach Melbourne und zum Lager im Royal Park zurück. Unsere Arbeitszeiten sind jetzt länger, und oft bin ich der letzte, der um zehn Uhr abends aus den Büchereien kommt. Mein Wintermantel hat große Taschen, sodaß ich manches Mal inofizielle Anleihen bis zum nächsten Abend oder über Wochenende mache. Ich schlafe immer weniger und benutze jede Arbeitspause für ein Nickerchen. Eines Tages, während der Mittagspause und nach der nicht sehr appetitlichen Mahlzeit, die von einer zentralen australischen Armeeküche geliefert wird, sitze ich auf meinem Kochgeschirr gegen eine Hauswand gelehnt und schlafe so fest, daß der Korporal Schwierigkeiten hat, mich zur Arbeit aufzuwecken.

Die Universitätsexamina finden in Melbournes Ausstellungsgebäude statt, das 1888 für die erste australische Hundertjahrfeier gebaut wurde, und in dem 1901 das erste australische Parlament eröffnet wurde. Es ist wieder einmal eine neue Erfahrung. Astronomische Mengen von Studenten sitzen an ganz kleinen Tischchen, die in unendlichen Reihen hintereinander und nebeneinander stehen mit genug Platz dazwischen für die beaufsichtigenden Lehrer. Tag für Tag, morgens und nachmittags, arbeiten hier die Studenten an vielen verschiedenen Themen. Jedes Fach hat zwei Sitzungen. Es ist gut organisiert. Beim Eintreten muß man den Tisch mit seiner Nummer finden, auf dem die gedruckten Examensfragen schon bereitliegen. Man darf sie lesen, aber nicht schreiben, bis eine Glocke, wie auf einem Pferderennplatz, den Anfang des Wettbewerbes ansagt. Im November ist es recht kalt in diesem ungeheizten Gebäude mit einer geschätzten Deckenhöhe von zwanzig Metern. Es ist diese Kälte, die mir bei dieser Gelegenheit eine gewisse Ruhe garantiert.

Am Tage nach dem Examen, für das ich die meisten meiner aufgesparten, monatlichen Urlaubstage benutze, gehe ich in die Universität und erkundige mich wegen des Studiums des nächsten Jahres. Bei dieser Gelegenheit treffe ich die Mathematiklehrerin Frau Hutton, die mir sagt, daß ein Fall wie der meine in ihrer ganzen Tätigkeit noch nicht vorgekommen sei. Sie verspricht mir persönlichen Unterricht während der Universitätsferien und leiht mir Bücher. Angenommen, daß ich diese Examina bestanden habe, werde ich mich im nächsten Jahr für vier Fächer einschreiben, und zusätzlich zu zwei Mathematik Fächern Deutsch und Moderne Geschichte studieren. Wenn dann alles gut geht, habe ich eine Möglichkeit, 1944 fertig zu werden, was heißt, daß ich das ganze Studium in derselben Zeit vollenden werde wie es die Vollstudenten tun, abgesehen davon, daß ich das erste Jahr erst im August anfing.

Eine große Überraschung erwartet mich im Dezember, als man mir mitteilt, daß mein Examensurlaub ein Zusatzurlaub war, sodaß ich plötzlich im Besitz von acht Tagen ohne Arbeit bin. Man sagt es mir erst, nachdem man weiß, daß ich alle Examina bestanden habe. Unser Kapitän Broughton kümmert sich wirklich um "seine Studenten"! So habe ich eine Gelegenheit, ein paar Tage engeren Kontakt mit den Studenten an der Universität zu suchen. Wenige von ihnen scheinen zu verstehen, daß ihr Vollstudium statt des Armeedienstes ein Privileg ist. Ich komme langsam zu dem Schluß, daß wahrscheinlich die besten dieser Jahrgänge sich freiwillig zur Armee meldeten. Erstaunlicherweise gibt es eine ganze Anzahl von Studenten, die die Examina nicht bestehen.Es mag sein, daß diese Umstände mir indirekt das Leben erleichtern werden durch Minderung der Ansprüche in den Examina.

In einer Hinsicht unterscheiden sich die Examensmethoden hier radikal von denen in Deutschland. Bücher und Vorlesungsaufzeichnungen dürfen hier nicht ins Examen mitgenommen werden. Man muß alles im Kopf haben, sodaß viel Mühe auf das Auswendiglernen verschwendet wird. So wird der Prüfling weniger nach seinem Verständnis von Zusammenhängen als nach seinem Formalwissen beurteilt. Es war mein Glück, daß die ersten Mathematikvorlesungen in München auf das Verständnis komplexer Zusammenhänge ausgerichtet waren. Für mich ist Auswendiglernen fast unmöglich.

Dazu kommt noch, daß wir in Australien nur Examina am Jahresende haben und nicht in jedem Semester. Daher sind die Gebiete, die in den einzelnen Fächern geprüft werden, viel größer. Eine andere Schwierigkeit erwächst mir daraus, daß ich die meiste Zeit bei der Arbeit Deutsch spreche. Nächstes Jahr muß ich Aufsätze schreiben, wenn dieses Problem akut werden wird.

Vor dem Ende des Jahres 1942 kommen viele amerikanische Soldaten nach Australien, besonders nach Melbourne. Bisweilen erhalten wir teilweise amerikanische Verpflegung und sogar Rationen von ihren Zigaretten. Wo man auch in der Stadt hinkommt, trifft man Amerikaner auf der Suche nach Zeitvertreib. Angesichts dieser Konkurrenz sind die Chancen unserer eigenen Leute in dieser männerknappen Stadt jetzt sehr reduziert. Als die Amerikaner unsere Lagernachbarn werden, werden alle Tore bewacht und Urlaubspäße werden wirklich kontrolliert. Wir klettern immer noch über den Zaun, aber im großen Ganzen müssen wir öfters im Lager bleiben. Jeder Teil des Lagers hat seine eigenen Wachposten. Das Leben wird komplizierter ohne besser zu werden.

Während des Sommers, an warmen Abenden, liegen in dem zentralen Park, Melbournes berühmtem Botanischen Garten, einer Schöpfung des deutschen Barons Ferdinand von Müller (1825 - 1896), ungezählte Pärchen. Zwischen ihnen wandern australische und amerikanische Armeepolizisten und prüfen die Urlaubsscheine. Melbourne ist gewöhnlich eine sehr ruhige Stadt, der ein solcher Trubel fremd ist. Der Krieg erzwingt diese Situationen, die von den jungen Leuten sehr genossen werden. Als Gegenleistung akzeptieren die Amerikaner bald den Morgen- und Nachmittagstee, eine australische, fast religiöse Gewohnheit, die unter keinen Umständen gestört werden darf.

Die Ankunft der Truppentransporte aus Amerika wird geheim gehalten, und doch werden sie von Massen von australischen Mädchen, deren Informationsqellen auch geheim sind, am Landungssteg empfangen. Eines Tages eröffnen unternehmungslustige Buben Stiefelputzstände in dem zentralen Flindersstraßebahnhof. Ihre Preise sind zu hoch für australische Soldaten. Melbourne wird die Residenzstadt von General MacArthur.

Nach Weihnachten 1942 nehme ich wieder mein Studium auf. Zweimal in der Woche habe ich Privatunterricht in reiner Mathematik bei Frau Hutton. Ich verbringe viele Stunden in den Universitäts- und Staats-Bibliotheken mit dem Lesen von Geschichtsbüchern. Mein früheres Interesse an Geschichte ist wieder erwacht, und jetzt habe ich Gelegenheit, zu sehen, was andere Nationen übereinander denken. Ich lese um das Thema "Moderne Geschichte" herum, bevor ich herausfinde, was ich wissen muß.

Die Brüder sind von Albury nach Melbourne zurückgekehrt und wir gehen oft zusammen zur Arbeit. Uwe teilt meine Sorgen um mein Studium und meine Zukunft. Er hofft, daß er bald entlassen wird. Er hat engen Kontakt mit der Meteorologieabteilung der Universität Melbourne aufgenommen, deren Leiter Dr.Fritz Loewe schon mit ihm vor Verlassen des Internierungslager in Verbindung war. Anfang Februar 1943 werden wir informiert, daß es nicht möglich ist, den Eltern einen Teil unseres Lohnes zukommen zu lassen. So erhält jeder von uns plötzlich eine verhältnismäßig große Summe. Ich zahle sofort die 28 Guineas für die Universitätsgebühren und habe dann noch genug Geld, um zum ersten Mal "Ferien" zu machen.

Bruder Uwe schlägt mir Lorne an Victorias Südküste vor. An einem Sonnabend Abend steige ich in den letzten Zug nach Geelong, eine Stunde südlich von Melbourne, wo ich die Nacht im Bahnhof verbringe, um am Morgen auf dem ersten Bus nach Lorne fahren zu können. Es ist mein erster Kontakt mit der Ozeanküste, abgesehen von der Nacht vor drei Jahren, als die "Dunera" an Point Lonsdale vorbei in die Port-Philipp-Bay einfuhr. Rudyard Kipling hat die Straße, die an steilen Felsen und tiefen Tälern voller Sträucher und Bäume, die weit in das Hinterland reichen, vorbeikommt als Erster beschrieben. Am Fuß der Felsen bricht sich die unermüdliche Dünung des Südlichen Ozeans. Wolken und blauer Himmel beeinflussen ständig die Färbung des Wassers. Sogar mitten im Sommer ist die Luft kühl und erfrischend. Nach allen diesen Monaten in Lagern im Landesinnern gleicht diese Ausflug einem Besuch in einem anderen Land.

Vor meiner Abfahrt aus Melbourne habe ich kein Quartier bestellt. Nach der Ankunft in Lorne wandere ich die Hauptstraße, die Große Ozean Straße (Great Ocean Road) entlang. Das Lorne-Hotel scheint mir am geeignetsten zu sein. Später entdecke ich auch, daß es das beste ist. Man sagt mir, daß kein Bett frei ist. Personalmangel hat viele der Hotels gezwungen, nur wenige Zimmer offenzuhalten. Ich bitte den Direktor um eine Wolldecke, damit ich am Strand schlafen kann. Dieser vielleicht etwas ungewöhnliche Vorschlag führt dazu, daß er plötzlich doch einen Bungalow entdeckt und ihn mir mit einer Bevölkerung von ungezählten Moskitos zur Verfügung stellt. Das Zeitalter der Insektengifte steckt noch in den Kinderschuhen, und was es schon gibt, das ist nur in kleinen Mengen auf dem Markt.

Torchie Thwaites

Zu dieser Zeit, und besonders an solchen abgelegenen Plätzen wie Lorne, sind Männer eine Seltenheit. So werde ich trotz meiner Unerfahrenheit Hahn im Korb in einer Gruppe junger Mädchen und lerne schnell, was ich im Leben davor versäumte. Mit Torchie bleibe ich bis ans Lebensende verbunden. Ihr leuchtend rotes Haar brachte ihr einst in der Universitäsrevue die Rolle des "Saucy little redhead of the village school" ein.

Jeder Tag gleicht dem anderen. Bei schönstem Sonnenschein und starker Dünung sind wir am Strand, außer während der Mahlzeiten, und abends, wenn die Moskitos warten. Ich miete ein Surfbrett und lerne Wellenreiten. Jede Mahlzeit ist ein Fest, oft abgerundet mit einer kleinen Flasche Wein. Am Abend versammeln sich alle im Gesellschaftsraum des Hotels zum Tanzen, das nie meine starke Seite war, aber unter den Umständen akzeptiert wird. Ich genieße die vier Tage Abwesenheit von der Armee und ohne Studium wie ein ganz neues Leben. Ich kehre am Wochenende erfrischt nach Melbourne zurück.

Der Krieg ändert sich. Das Ende des Nazismus ist in Sicht. Mit größtem Interesse verfolgen wir die Entwicklungen in Rußland während des zweiten Feldzugsjahres und die Vorbereitungen für die Landung der Alliierten in Nordafrika. Man sammelt als typisch australische Hilfe "Schaffelle für Rußland". Die Gefühle bezüglich Rußland verlieren ihren politischen Geschmack. Plötzlich hat man dort jetzt nicht mehr Kommunisten, sondern Vaterlandsverteidiger. Im Pazifik schwindet die Angst vor den Japanern, jedenfalls was Australien betrifft. Melbourne wird nicht mehr verdunkelt.

Meine Mathematiklehrerin hat mir ein kleines Zimmer im ersten Stock eines Hauses in der Gatehouse-Straße neben dem Lager Pell vermittelt. Ich kann es mir jetzt leisten, die wöchentliche Miete von 10 Schilling zu zahlen. So habe ich endlich eine feste Basis für meinen Privatfeldzug. Ein Tisch, ein Bett, ein Kleiderschrank und eine Kommode sind mehr als ich brauche. Die Außentoilette und das Badezimmer mit einer Wanne auf gußeisernen Beinen vervollkommen die Szene, in der ich in den nächsten Monaten fast alle meine freie Zeit verbringe. Am Wochende ziehe ich meine Flanellhosen an und spaziere im Dunkeln durch die Straßen zu dem kleinen Laden, wo ich meine Hauptmahlzeit, nämlich Eier, kaufe. Europäisches Roggenbrot gibt es in einer Bäckerei auf der anderen Seite der Universität in Carlton. Zur gleichen Zeit mache ich öfters Besuch bei meinem Freund Dick Heyward, der im Queen's College neben der Universität residiert. Dazu kommt noch Kaffee, der um Zeit zu sparen mit demselben Wasser gemacht wird, in dem die Eier gekocht wurden, alles mit Hilfe eines Elektrokessels, eines Geschenkes von Frau Alsen.

Kaffee ist wichtig; wahrscheinlich weil man denkt, daß er einen wach hält, oder ist das eine der vielen Ideen, die man durch das Leben von anderen Leuten akzeptiert. Wenn es kalt wird, schenkt mir Frau Alsen auch einen elektrischen Heizofen, der sofort von der Hauswirtin durch eine Mieterhöhung von 2 Schilling begrüßt wird. Ein paar Wochen später zieht mein guter Freund Walter Würzburger, der Musiker, in einen Bungalow unter meinem Fenster. Er ist auch Soldat und studiert Musik am Konservatorium der Universität Melbourne. Wir haben nur einen Wecker, so fällt mir die Pflicht des Weckens zu, damit wir den Morgenappell nicht versäumen. Eines Tages, um Mitternacht, als ein Haufen Holz in seinem Hinterhof zu brennen anfängt, sehe ich es von meinem Arbeitstisch und alarmiere die Umgebung, die mich danach als eine Sorte von Helden behandelt.

Von meinem Fenster aus übersehe ich eine breite, mit Gras bedeckte Hintergasse und die Lattenzäune der Hinterhöfe auf der anderen Seite der Terrassenhäuser. Eine hohe Silberpappel wechselt im Herbst ihre Farbe. Im Hintergrund überragt das Königliche Melbourner Krankenhaus die ein- oder zweistöckigen Wohnhäuser. Es ist eine sehr friedliche Gegend, die das Studieren sehr erleichtert. Als Besucher mir von der Hintergasse zurufen, gehe ich herunter, um die Haustür zu öffnen. Mein Zimmer wird der Treffpunkt für meine Freunde. Später übernimmt Bruder Uwe, als er Urlaub hat, das Zimmer für ein paar Tage. Im allgemeinen erlaube ich Freunden das Zimmer zu benutzen, wenn ich im Lager Dienst habe. Oft finde ich dann später einen Blumenstrauß auf dem Tisch.

Unsere Arbeit ist eintönig und sehr ermüdend. Weil mein Studium jetzt mehr Konzentration erfordert, ändere ich meine Routine. Wenn ich von der Arbeit zurückkehre, laufe ich in die Universität und dusche heiß ohne wie im Lager anstehen zu müssen. Danach gehe ich in die Bibliothek und hole Bücher und anderes Material. Zwischen 8 Uhr abends und Mitternacht schlafe ich. Danach studiere ich bis zum Morgenappell. So kann ich immer rechtzeitig meine wöchentlichen Hausarbeiten fertigstellen.

Die Vorbereitung zu meinem ersten Aufsatz über die Reformation in Deutschland und ihre soziale Bedeutung erfordert viel Lektüre in der Bibliothek. Ich lese nicht nur das Material, das der Lehrer vorgeschlagen hat, sondern auch andere deutsche und französische Bücher.

Langsam kommt der Herbst. Die Temperaturen sinken. Wir sind weniger müde von der Arbeit. Das Studieren wird leichter. Ab und zu treffe ich mich mit Freunden an der Universität und mit Torchie. Im allgemeinen bin ich immer in Eile und angespannt. Es ist nicht leicht, mit mir auszukommen. Torchie versucht das zu mildern, aber mit wenig Erfolg. Sie hilft mir bei den Aufsätzen und schreibt sie auf der Schreibmaschine in ihrem Büro. Sie besucht mich oft in meinem Zimmer und bringt dann immer etwas Gutes zum Essen mit.

Einmal arbeiten wir im heißen Sommer in den hohen Rohzuckerschuppen in Williamstown, auf der südlichen Seite der Bucht von Melbourne. Die 100-Kilo Säcke werden in Schlingen auf die bis an das Dach der Schuppen reichenden Stapel gehoben. Es ist schwere, schmutzige und mühselige Arbeit. Danach stinken wir tagelang nach Rohzucker. Mittags gehen wir für ein paar Minuten in einem Hotel in der Nähe Bier trinken. Mehrere deutsche Kriegsgefangene sind am Tag davor aus einem Lager bei Tatura ausgerissen. Man sucht nach ihnen überall, und jemand im Hotel informiert die Polizei. Wir werden verhaftet und verbringen einige Zeit in Ruhe, bevor unser Unteroffizier uns zur Arbeit zurückführt.

Unsere Arbeit wird immer besser organisiert und die Arbeitsstunden werden länger. Wir müssen nun auch etwas mit einem Dutzend alter Gewehre exerzieren und unseren Teil des Lagers bewachen. Plötzlich entsteht ein Gerücht, daß wir nach Übersee gehen werden. Dieses Gerücht ist wahrscheinlich nur ein Versuch, uns etwas Disziplin beizubringen. Eines Tages marschieren wir in der Nähe des Lagers durch Melbournes Straßen, geführt an der Spitze von unserem Kapitän mit unserer Tanzkapelle. Aber bald gibt es wieder nur Arbeit und Ruhe.

Mein Studium gerät jetzt unter Zeitdruck, sodaß ich wieder nur für die Examina lerne. Mein Lehrer für angewandte Mathematik, Dr.K.E.Bullen, gibt mir jeden Freitag sein Lehrmaterial der Woche. Das erspart mir sehr viel Mühe und ich kann meine Fortschritte mit denen der anderen Studenten vergleichen. Der Armeeerziehungsdienst kündigt an, daß man bereit ist, die Hälfte der Kosten eines Universitätsstudiums bis zu drei Fächern zu bezahlen. Ich beantrage die Erlaubnis, ein viertes Fach hinzuzunehmen, und erhalte sie nach einigen Wochen. Anscheinend bin ich der erste, dem dies gelungen ist. Aber schließlich hat der Krieg noch nicht so lange gedauert.

Ein besonderer Aspekt der australischen Situation ist die Antipathie gegen Ausländer. Viele von uns haben Gelegenheit, das selbst zu erfahren. Gleich dem Antisemitismus in Deutschland, trägt diese Einstellung keine persönliche Note, denn jeder Mensch kennt einen anständigen Ausländer oder, besser gesagt, einen Neuankömmling, der nicht aus England stammt. Diese Antiismusse sind politische Waffen, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von wichtigeren Problemen abzulenken. Sie sind Gewohnheiten, die eher affenmäßige Nachahmung als menschliches Nachdenken erfordern.

Ich muß weniger Zeit mit der Lektüre zur Modernen Geschichte verbringen und konzentriere mich auf die Aufsätze und die Mathematik. Ich gehe nicht mehr aus. Nur die wöchentlichen Briefe an die Eltern müssen geschrieben werden. Sie haben wenig Vorstellungen von meinem augenblicklichen Lebensstil und sind betrübt, wenn keine Briefe kommen. Briefe brauchen ungefähr zwei Monate nach und von New York, sodaß eine wahre Korrespondenz kaum möglich ist.

Ganz selten gehen Torchie und ich am Abend in die "Cinderella" Kaffeebar, oben in der Collinsstraße im Zentrum der Stadt. Eine gigantische Dame in schwarzem Taft serviert hier den Kaffee aus einer großen, quadratischen Kupferkanne. Dazu reicht sie Zimttoast. Das ist ungefähr die beste Imitation europäischer Kaffeehäuser in Melnourne. Überhaupt ist das australische Essen weit entfernt von dem, was wir gewöhnt sind. Die australische Küche ist viel einfacher, für uns wenig schmackvoll und langweilig. Fertig gekochte Mahlzeiten bestehen aus gebackenen wilden Kaninchen, gekochtem Schinken und einfachen Fleisch- und Gemüse-Pasteten. Es gibt nur zwei Sorten Käse, milden und scharfen. Alles dies wird sich in den ersten zwanzig Jahren nach dem Kriege dank der Einwanderer von Europa radikal ändern.

Jan Brown in Schottland war in die Royal Air Force eingetreten. Sein Flugzeug ist abgeschossen worden. Dieser plötzliche direkte Kontakt mit dem Sterben in Europa deprimiert. Er war Bruder Uwes guter Freund. Durch Zufall erhalte ich die Nachricht zuerst. Man entdeckt so, wie pivilegiert man ist, auch wenn es vielen anderen in der Umgebung besser geht. Uwe ist gerade dabei auf Urlaub zu gehen. Ich informiere ihn und biete ihm mein Zimmer für die zwei Wochen an. So verbringe ich mehr Zeit in den Bibliotheken und im Lager.

Wir ziehen wieder einmal um. Dieses Mal weg von der Universität und aus der Stadt heraus nach Broadmeadows, einem großen Armeewarenlager. Anstatt mit sechs Mann pro Zelt wohnen wir wieder, wie in der Internierung, in großen Wellblechhütten. Das verursacht längere Wege und höhere Kosten für die Bahnfahrten. Nur weil ich Bücher inoffiziell ausleihe, kann ich mich weiter für die Examen vorbereiten. Selten komme ich vor 20 Uhr in die Bibliothek.

Mein zweiter Aufsatz zur Modernen Geschichte behandelt die Dreyfus-Affäre und den Antisemitismus in Frankreich am Ende des letzten Jahrhunderts. Ich lese die französischen Zeitungen der Zeit und nicht die angegebenen Buchquellen. Was für Formen der Antisemitismus angenommen hat! Torchie schreibt den Aufsatz für mich auf der Schreibmaschine in ihrem Büro.

Für das deutsche Examen muß ich Goethes Faust I und Tasso lesen. Daneben muß ich die deutsche Literaturgeschichte bis 1740 studieren und 50 Zeilen aus Faust und Tasso auswendig lernen. Ich verwende auf diese Arbeit nur zehn Tage und hoffe, daß ich die Examina gut überstehen werde. Wenn der Armee-Erziehungsdienst bestätigt, daß er die Hälfte meiner Universitätsgebühren bezahlen wird, bin ich sehr zufrieden, denn die wöchentliche Miete mit allen den zusätzlichen Verkehrsausgaben fing an Probleme zu bereiten.

Wird der Krieg zu Ende sein, bevor ich mein Studium beenden kann? Die Ereignisse in Nordafrika und in Rußland machen viel Hoffnung. Es ist immer wieder meine Sorge am Ende des Krieges ohne eine Ausbildung zu sein wie auch ohne Staatsangehörigkeit. In Amerika ist der Eintritt in die Armee automatisch mit dem Erwerb der Staatsangehörigkeit verbunden. In Australien haben wir keine formellen Versprechen der Regierung.

Anfang August 1943 erhalten wir einen Brief von unserem ältesten Bruder Christoph aus Deutschland, natürlich noch über die alte Adresse des Internierungslagers. Es geht ihm gut. Er hat keine Ahnung von unserem Armeedienst. Wir schicken den Brief weiter nach Amerika an die Eltern, die seit dem Eintritt der USA in den Krieg nicht von ihm gehört haben.

Im September 1943 bestehe ich meine beiden mündlichen Examina in Deutsch und Geschichte. Meine Brüder werden zur Arbeit nach  Tocumwal, einer anderen Eisenbahngrenzstation zwischen Victoria und New South Wales, geschickt. Nach den Examina werde ich mit Bruder Uwe tauschen, um meine "Schulden" des vorhergehenden Jahres zu bezahlen, als er mit mir in Albury tauschte. Ein "Ferienaufenthalt auf dem Lande" wird mir dann gut tun. Im November marschiere ich wieder Morgen nach Morgen zu dem Austellungsgebäude für meine acht dreistündigen schriftlichen Examina. Alles geht gut und ich erwarte mit Zuversicht die Resultate. Das Wetter ist schön. Torchie und ich fahren oft am Abend an den Strand zum Schwimmen. Wir besuchen Freunde und unterhalten Besucher in meinem Zimmer. Weihnachten wird traditionell gefeiert in meinem Zimmer mit Anita, Bruder Uwes Freundin und späterer Ehefrau als Gastgeberin. Ein von Klaus Friedeberger, einem unserer Künstler, gemalter Weihnachtsbaum hängt über dem Bett. Es gibt Kerzen, viel Essen und gut zu trinken. Alle gehen nach Mitternacht nach Hause. Ein kritischer Tag ist wieder überwunden.

Anfang 1944 lese ich in der Tageszeitung, daß ich die Examina in allen vier Fächern bestanden habe. Es ist Zeit, nach Tocumwal umzusiedeln. Bruder Uwe kommt Anfang Januar auf Urlaub nach Melbourne. Ich sammle Material für die drei Fächer des letzten Jahres: Reine und Angewandte Mathematik und Griechisch. Ich darf Statistik nicht belegen, weil ich an den wöchentlichen Übungen nicht teilnehmen kann. Ich hoffe, daß ich das trotz meiner schlechten Leistungen in Griechisch vor vielen Jahren schaffen werde. Es ist keine gute Auswahl, aber die Möglichkeiten sind beschränkt. Abend nach Abend, für mehrere Wochen, kopiere ich einige Kapitel von Richard Courants "Differentialrechnung", einer Übersetzung aus dem Deutschen. Die XEROX Maschine kommt erst viele Jahre später. Innerhalb einer Frist von 12 Stunden verlasse ich Melbourne mit einer Kiste voll Bücher und Aufzeichnungen. Uwe zieht in mein Zimmer.

Das Lager in Tocumwal liegt außerhalb der kleinen Grenzstadt zwischen Victoria und New South Wales. Wir sind in Zelten untergebracht, die wegen der großen Hitze noch eine zweite Zeltbahn über sich haben. Ich kann nur in einem großen Zelt mit zwei Tischen studieren, das von allen anderen während der Freizeit benutzt wird. Die Arbeit ist besonders anstrengend. Wir laden meist sehr schwere Gegenstände von einem Eisenbahnwaggon in den anderen über einen Zwischenraum von ungefähr anderthalb Meter. Täglich steigt das Thermometer über 40 Grad Celsius. Die Luft ist sehr trocken und man ist immer durstig.

Kartoffeln kommen in Säcken von 50 Kilo, die auf dem Rücken von Waggon zu Waggon über eine schmale Planke getragen werden. Wir laden auch gewöhnliche Munition und Bomben. Fahrzeuge werden auf Flachwaggons transportiert und müssen mit Seilen befestigt werden, bevor sie mit Zeltbahnen abgedeckt werden, was viel Geschick erfordert. Wir gehen bei Morgengrauen zur Arbeit und kehren kurz vor Dunkelheit ins Lager zurück. Das Leben ist gesund und uninteressant.

An Ruhetagen fahren wir auf Fahrrädern zu nahen Teichen, die von den Farmern gegraben wurden, um Regenwasser für das Vieh zu sammeln. Wir fangen dort Krebse. Ein Stückchen Bindfaden mit ein wenig Fleisch und ein improvisiertes Netz, zum Beispiel ein Paar Unterhosen mit Draht, sind unsere Geräte. Um den Teich herum werfen wir die Leinen ins Wasser und binden sie an Stöckchen, die wir in den Boden am Ufer stecken. Die Krebse ziehen das Fleisch in den Teich hinein und spannen die Fäden. Man hält das Netz hinter sie und wartet, bis sie hineinkriechen. Einer von uns macht ein Feuer und kocht das Wasser in einer großen Konservenbüchse. Wir essen nur die Krebsschwänze und trinken dazu Bier. Für einen Schweden würde dieser Platz ein Schlaraffenland sein. Der einzige Nachteil sind die ungezählten Fliegen. Nur im Schatten der wenigen Eukalyptusbäume, wo es ein wenig Luftbewegung gibt, kann man sich ihrer erwehren.

In diesem letzten Studienjahr wird es weniger Studenten geben, und höhere Qualität ist zu erwarten. Bald sitze ich jeden Abend im Unterhaltungszelt und schreibe meine Übungen, die ich wöchentlich nach Melbourne schicke. Oft bin ich spät in der Nacht allein und genieße den nächtlichen Gesang der Zikaden. Meistens kommt gegen zehn Uhr abends ein kühler Wind.

Ich habe die Erlaubnis erhalten, mich für drei Fächer einzuschreiben. Für eine Weile bestanden Zweifel, weil der Armeeerziehungsdienst in diesem Jahr nur zwei Fächer zuläßt. Man sagt, daß ein höherer Offizier in Darwin seine Pflichten über seinem Studium vernachlässigte. Aber ich muß für die Fächer selbst bezahlen. Es ist es aber wert, weil ich ein Jahr sparen kann. Margaret Holmes von der Australischen Studentenbewegung hilft mir wieder bei diesen Zahlungen.

Griechisch zu lernen ist genau so schwer wie es vor vielen Jahren war, aber ich habe mehr Spaß daran. Ich kann immer noch keine Worte behalten. So bin ich sehr glücklich, als ich erfahre, daß die Benutzung von Wörterbüchern im Examen erlaubt ist. Auch die Mathematik ist schwerer, besonders weil ich niemand habe, den ich fragen kann. Nicht alle Schwierigkeiten lassen sich brieflich erledigen.

Wie auch in den Internierungslagern, die nur 50 Kilometer von hier entfernt liegen, gibt es oft Sandstürme, wenn die Landschaft einen roten Schleier trägt und die Zelte praktisch ausgegraben werden müssen. Mit Tinte und Feder schreiben wird problematisch, weil schon nach wenigen Minuten das Papier mit Staub bedeckt ist und die Tinte auf der Feder trocknet - Kugelschreiber haben nur Amerikaner! Wenn dann schließlich der kalte Wind kommt, gibt es für ein paar Tage Ruhe, bevor der Zyklus wieder beginnt. Während dieser Zeit ist die Arbeit wirklich unangenehm, und große Quantitäten von Bier verschwinden nach der Arbeit in unseren Kehlen in überraschend kurzer Zeit, bevor die Lagerkantine um sechs Uhr abends, wie die Hotelbausschänke überall in Australien, ihre Türen schließt. Manches Mal laufen wir sogar mittags zu den Hotels in der Nähe des Bahnhofs. Während des Tages sind die breiten Straßen ohne Leben. Nicht einmal ein Hund läßt sich sehen.

Im März 1944 erhalte ich 12 Tage Urlaub nach Melbourne. Mein Zimmer steht bereit. Zum ersten Mal komme ich wieder "nach Hause". Ich gehe in die Vorlesungen und verbringe viele Stunden in der Bibliothek. Ich kopiere mehr Material, weil ich erwarte, in Tocumwal bleiben zu müssen. Ich kaufe Übersetzungen von Platos Apologie und Sophokles' Dianeira, den vorgeschriebenen Texten, die ich auswendig lernen will.

Nach meiner Rückkehr aus Melbourne konzentriere ich mich auf mein Studium. Der Herbst kommt und mit ihm kühleres Wetter. Krebsfangen und Schwimmen wird seltener, die Staubstürme hören auf. Je mehr ich mich in die Studien vertiefe, desto mehr bezweifle ich, daß ich es dieses Mal schaffen werde. Ich vermisse den Kontakt mit anderen Studenten und den Lehrern. Ich verbringe zuviel Zeit allein.

Thomas Manns Ansprache an das deutsche Volk am Anfang des Jahres 1944 berührt viele wichtige Probleme. Gibt es nicht in Deutschland Menschen, die nur mitgehen, weil es unmöglich ist, ohne sinnlose Lebensgefahr Widerstand zu leisten? In Deutschland leben die Leute dicht beieinander, und es ist nicht schwer, sie zu bewachen. Es ist die Angst verraten zu werden, die den Nazis hilft. Jeder steht unter dem Verdacht, den anderen zu bewachen. In Australien, wo die Häuser weit voneinander liegen, kann man immer über den Hinterzaun springen, wenn jemand vorne hereinkommt. Es würde unmöglich sein, in diesem Land die ganze Bevölkerung zum Spionieren zu organisieren. Das Land ist zu groß und die Bevölkerung zu klein. Um zu Thomas Mann zurückzukehren: Ich fühle, daß Schuld ein sonderbares Wort ist. Bomben werden den Krieg beenden, aber werden sie die Menschen erziehen? Bomben zerstören, Erziehung baut auf. Manns Rede hilft mir, meine eigenen Ideen zu klären. Und doch kann ich mir nicht vorstellen, wieder in Deutschland zu leben, außer vielleicht, wenn ich Nidden regelmäßig besuchen könnte. Es ist eben doch ein Unterschied zwischen Heimat und Vaterland. Die Heimat ist eine kleine Gegend, wo die Natur herrscht, das Vaterland ist ein politisches und die Ideale verwirrendes Gebilde.

An einem Abend im April wird das Erholungszelt, in dem ich studiere, das Zentrum eines Miniwirbelsturms oder Willy-Willys, wie sie es in Australien nennen. In der Mitte des Sommers haben wir diese Tornados oft in der Ferne gesehen, aber seitdem sind sie nur vereinzelt erschienen. So ein Sturm hebt Staub und Trümmer auf und verteilt sie über die Landschaft. Bei dieser Gelegenheit verteilt Willy-Willy meine Aufzeichnungen über New South Wales und Victoria. Es gibt keine Hoffnung, sie wieder zu finden. Das Zelt fällt über mir und einem Genossen zusammen, der sogleich fragt: "Kamerad, lebst Du noch?".

Jetzt ist meine Arbeit für dieses Jahr gefährdet. Ich würde Wochen brauchen, um die Aufzeichnungen wieder zu kopieren. Ich muß schnellstens zurück nach Melbourne oder die Idee der Examina am Jahresende aufgeben. Am Morgen erzähle ich unserem Kommandanten, was geschah. Innerhalb weniger Tage erhalte ich die Erlaubnis, nach Melbourne zurückzukehren. Ohne unseren Kapitän könnten wir Studenten unter diesen Bedingungen nicht alles das erreichen, was uns mit seiner Hilfe gelang.

Mit der Zeit werde ich immer nervöser, streite mich mit Leuten, bin immer müde und oft erkältet. Meine Mandeln sind fast immer geschwollen. Ich bleibe abends öfters im Lager und versuche, dort zu studieren. Es gibt kein gutes Licht und keinen bequemen Platz. Ich frage mich, ob ich nicht ein Fach, zum Beispiel Griechisch, aufgeben oder, wenn möglich, die Prüfung darin auf den nächsten Februar verschieben soll, wenn regelmäßig Nachexamen stattfinden. Ich erkundige mich deswegen in der Universität und höre, daß meine Arbeit besser als die der Internierten in Tatura ist, die ihre ganze Zeit auf das Studium verwenden können.

Manche der mathematischen Vorlesungen finden abends statt. Es gelingt mir oft, dabei zu sein, zum ersten Mal seit ich mit dem Studium begann. Plötzlich verstehe ich alles besser und finde heraus, daß ich in manchen Gebieten meiner Klasse voraus bin. So erwacht in mir gerade in dem Augenblick, in dem ich es am meisten brauche, etwas mehr Selbstvertrauen.

Die Arbeit in Griechisch geht auch voran, obwohl ich keinen Zweifel daran habe, daß eine Übersetzung von unbekanntem Text mir Schwierigkeiten bereiten wird. Meine Kenntnis der Grammatik ist so schlecht wie vor zehn Jahren. Diese Sprache muß in der nahen Vergangenheit haupsächlich dem Zweck gedient haben, das Gedächtnis zu üben. Ich werde wohl nie verstehen, warum mein Gedächtnis so schlecht für manche Dinge, und so gut für andere Dinge ist. Ich bin ein Augen-, aber kein Ohrenmensch. Wenn ich ein Wort sehe, kann ich seine Bedeutung rekonstruieren.

Juni 1944 bringt die Landung der Alliierten in der Normandie. Das Kriegsende rückt offenbar in greifbare Nähe. Überall findet man Zeichen von Hoffnung und Entspannung. Der Professor für Mathematik, Dr.T.M.Cherry, verlangt, daß ich ihn an einem Wochenende zuhause aufsuchen soll. Ich habe noch nie mit ihm gesprochen. Er ist für mich ein Objekt des tiefsten Respekts und großer Verehrung. Zu dieser Zeit, um einer der wenigen Professoren an der Melbourner Universität zu werden, muß man viel geleistet haben. Unter den Studenten gibt es noch keine Gefühle der Gleichwertigkeit mit Bezug auf ihre Lehrer, wie es viele Jahre später Mode werden wird.

An einem Sonntag Abend suche ich Professor Cherry auf. Als ich sein Haus verlasse, habe ich das Gefühl, daß er meine Lage nicht versteht. Er kann vielleicht nicht einsehen, warum ich das Bestehen der Examina als den Hauptzweck meines Studiums betrachte. Wissen und Verständnis sollen später nachfolgen. Er hat vorgeschlagen, daß ich ein weiteres Jahr auf das Studium verwenden soll, weil es fraglich ist, daß ich die Prüfungen am Jahresende bestehen werde. Jedoch überläßt er mir die Entscheidung.

Ein wichtiger Gesichtspunkt neben dem Wunsch, möglichst schnell das Studium zu beenden, ist auch die Tatsache, daß ich bereits die Gebühren bezahlt habe. Bei nächster Gelegenheit suche ich den Griechischprofessor auf und stelle einen Antrag auf Verschiebung meiner Prüfung in den Februar des folgenden Jahres. Ohne Zögern gibt er die Erlaubnis mit der Bemerkung, daß er dann wohl noch einen Satz Prüfungsfragen entwerfen muß. Mit einem Lächeln wünscht er mir Erfolg.

Anfang Juli 1944 verbringe ich einige Tage im Militärhospital in Melbournes Vorstadt Heidelberg, weil ich, wie schon vor Jahren als Kind, Gallenschmerzen habe. Wahrscheinlich ist es nur die Reaktion auf Druck, vor dem Kriege in Königsberg infolge der allgemeinen Situation, jetzt durch das Studiums. Jedoch habe ich nun eine willkommene Gelegenheit zum Ausruhen. Ich habe meine Bücher bei mir und werde von den Krankenschwestern, die das griechische Alphabet als Hieroglyphen bezeichnen, wegen meiner Lektüre sehr bewundert. Regelmäßiges Schlafen und solides Essen tun das Ihrige, um mich wieder auf die Beine zu bringen.

Bruder Uwe wird aus der Armee entlassen. Er hatte schon vorher einmal ein Vorstellungsgespräch bezüglich einer Stellung als Ingenieur, wurde aber nicht angenommen, weil seine Druckschrift nicht den Normen entsprach. Lettraset läßt noch lange auf sich warten! Nach ein paar Tagen beginnt er seine Arbeit in der Meteorologieabteilung der Universität Melbourne, dank der Anstrengungen von Dr. Loewe, mit dem er seit unserer Entlassung aus der Internierung in engem Kontakt war. Dies ist das beste Ereignis seit der Ankunft der Eltern in New York. Er hat dieses mehr verdient als viele andere. Er ist ohne Frage der talentierteste von uns fünf Kindern, dem die letzten Jahre mehr zusetzten als Jobst und mir. Er findet es zuerst recht schwer, sich in eine regelmäßige Arbeitszeit einzufügen. Ich habe keinen Zweifel, daß er Ungewöhnliches leisten wird.

Anfang August 1944 schneidet sich Jobst mit einer Holzhobelmaschine drei Fingerspitzen der rechten Hand ab. Ich begleite ihn zum Hospital in Heidelberg, weit weg von Melbournes Zentrum, wo er zwei Monate verbleiben muß. Ich besuche ihn oft, denn seine Frau Shirley, die er 1943 heiratete, arbeitet in Hobart als Pianistin. Diese Besuche, die er dringend nötig hat, erfordern viel Zeit.

Die militärischen Operationen im Pazifik nehmen zu und unsere Arbeit in den Schuppen von Broadmeadows wächst, sodaß wir sogar den ganzen Sonnabend arbeiten müssen. Anfang September 1944 arrangiert unser früher Mitinternierte Dr. Behrendt, der jetzt an der Universität Melbourne lehrt, für mich ein Interview mit Herrn H.A.Wills am Aeronautischen Forschungslaboratorium der australischen Organisation für Wissenschaftliche und Industrielle Forschung (CSIR). Bei dieser Gelegenheit deute ich an, daß ich möglicherweise meine Prüfungen wegen des Griechischen nicht vor Ende des nächsten Jahres beenden kann. Mr.Wills versichert mir, daß nur die Prüfungsresultate in der Mathematik von Interesse sein werden. Ich soll in der Elastizitätslehre arbeiten, ein Gebiet innerhalb der Themen, die in diesem Jahr in der Angewandten Mathematik gelehrt werden.

Am 9. September 1944 erscheint in der Sonnabendsausgabe der Melbourner Zeitung "Argus" eine Anzeige, mit der ein mathematischer Assistent gesucht wird. Mit Uwes Hilfe schreibe ich schnell meine Bewerbung. Diese Entwicklung gibt mir einen unerhörten Auftrieb. Später, zum Beispiel beim Lesen dieser Aufzeichnungen, wird man denken, daß alles geplant war, aber in Wirklichkeit ist das Leben eine Kette von Zufallen. Mit neuem Mut nehme ich wieder mein Studium auf, das jetzt zum Schlüssel zur Freiheit wurde. Bald danach werde ich zurück ins Lager Pell überstellt, sodaß ich viel Zeit und Geld sparen kann. Die Bibliothek und die Mathematiklehrer sind plötzlich wieder in erreichbarer Nähe.

Eine Mandelentzündung mit starken Kopfschmerzen zwingt mich, wieder den Kompaniearzt aufzusuchen, der mir mit einem Hospitalaufenthalt droht. Über das Wochenende verschreibt er mir Medikamente, die diese Drohung zeitweise abwenden. Ein paar Wochen danach wiederholt sich die Entzündung, und der Arzt schickt mich nach Heidelberg, wo auf mein Bitten die Operation auf Anfang Dezember verlegt wird. Ich habe wieder Gelegenheit auszuruhen und werde zwei Tage vor der ersten Prüfung aus dem Hospital entlassen.

Bruder Uwe hat gehört, daß der Antrag auf meine Entlassung aus der Armee bereits im Armee-Hauptquartier, den Victoria-Baracken, eingetroffen ist. So beschließen Torchie und ich vor Weihnachten zu heiraten.

Nach meinem letzten Examen kehre ich ins Hospital nach Heidelberg zurück und werde am 23. November 1944 operiert. Drei Tage nach der Operation sehe ich zum ersten Mal Charlie Chaplins sehr tragikomischen Film "The Great Dictator", der für den operierten Hals zu einem äußerst schmerzhaften Erlebnis wird.

Eines Abends im frühen Dezember wandern Torchie und ich durch die Emigrantenvorstadt St.Kilda auf der Suche nach einer Kirche, denn sie hofft, daß eine kirchliche Eheschließung den Widerstand ihrer Mutter gegen diese Verbindung mit einem "feindlichen Ausländer" beseitigen wird. Der Pfarrer erklärt, daß er auf uns gewartet hat. Sicher hat jemand mit derselben Absicht mit ihm telephoniert. Als er meinen Geburtsort nicht buchstabieren kann, zeige ich auf eine Zeitung auf seinem Tisch. Königsberg ist im Augenblick in allen Nachrichten von der Ostfront erwähnt. Wir werden am Freitag, den 22. Dezember 1944, um 19 Uhr 30 heiraten.

Uwe findet für uns ein Zimmer an der Strandstraße in St.Kilda, das nicht weit weg von seinem eigenen Zimmer liegt. Er hat im Vorjahr Anita geheiratet. Torchies Mutter gibt ihren passiven Widerstand auf und bereitet einen Empfang in ihrer Wohnung in der Nähe der St.Kilda Allee vor.

Ich habe die Prüfungen in der Reinen und Angewandten Mathematik bestanden. Sofort schicke ich meinen Eltern ein billiges, Soldaten zugängliches Telegramm, das in chiffrierter Form meldet, daß ich ihnen zum Bestehen des Examen gratuliere. Soldaten bestehen keine Examen!

Am Freiteg, den 22. Dezember 1944, arbeite ich in einem Proviantlager in St.Kildas Aclandstraße, nicht weit weg von der Kirche und unserem Zimmer. Ich bitte unseren bayerischen Sergeanten Knopf um die Erlaubnis, ein wenig früher wegzugehen, weil ich abends heiraten werde. Zuerst glaubt er mir nicht, wird aber von Kameraden, die zu der Hochzeit eingeladen sind, von der Wahrheit überzeugt. Ich habe von einem unserer Stutzer eine Sommeruniform ausgeborgt. Bei Uwe ziehe ich mich um und mache den Fehler, auf den Uniformkragen Australiens aufgehenden Uniformsonnen untergehen zu lassen. Am Abend, nach dem Photographieren, beschäftigen sich zwei mit Torchie befreundete höhere Offiziere damit, die Sonnen des Gemeinen aufgehen zu lassen. Torchies Mutter vergißt in der Aufregung, die Fruchtbowle mit Mineralwasser zu verdünnen. Der fast reine Gin verfehlt seine Wirkung nicht. Es wird eine sich schnell entwickelnde Festlichkeit, die bis in die frühen Morgenstunden die Nachbarn wach hält. Torchie und ich fahren in unser Zimmer vor Mitternacht, denn ich muß am frühen Morgen auf den Paradeplatz.

Griechisch lerne ich jetzt mit voller Kraft. Bald weiß Torchie die Texte besser auswendig als ich. Jedoch gelingt es ihr, mich so weit zu bringen, daß ich nur Anfangsworte brauche, um ganze Abschnitte herunterrasseln zu können.

Am 20 Januar 1945 sagt man mir, daß ich vier Tage später entlassen werde, 5 1/3 Jahre oder 1779 Tage nach der Internierung im Jahr 1939. Am Abend tanze ich St.Kildas Seefront entlang nachhause, um Torchie die gute Nachricht zu überbringen.

Bei den Entlassungsformalitäten erhalte ich einen Hut, den ich nie tragen werde, meine letzte Ration Zigaretten und einen Gutschein für einen Anzug und Schuhe, Gegenstände die in Australien seit langem rationiert sind. Als der Beamte meinen Namen wissen will, kann er mich nicht verstehen. Ich muß meinen Namen hinschreiben, worauf er sagt, daß man wohl das "R" nicht ausspricht. Meine Antwort, daß man es so ausspricht, wie man es kann, erstaunt ihn. Für den Rest meines Lebens werde ich ein Ausländer sein.

Rainer Radok, B.A. (Melb) März 1945