X. Die Auswanderung der Eltern und Schwester

Deutschland, Italien, Portugal, USA 1939 bis 1941

Die Erfahrungen der Reichskristallnacht, die darauf folgende grobere Behandlung der Juden, die kollektive Geldstrafe, die allen Juden Deutschlands auferlegt wird als Sühne für den Mord an dem Pariser Gesandschaftrat Ernst vom Rath durch Herschel Grynszpan zwingen endlich Vater, die Auswanderung der Familie ernsthaft zu betreiben. Sein Nationalismus entstand aus dem seines Vaters, der in jeder Richtung ein Preuße wurde, und seinem eigenen natürlichen Heimatgefühl, das so stark bei allen Menschen ist. Jedoch scheint es als ob Juden sich das Wohnrecht oft immer wieder erwerben müssen und es nicht bei der Geburt in die Wiege gelegt bekommen.

Am 2. Februar 1939, stellt Vater Antrag auf Quotanummern für sich selbst und alle Familienangehörigen beim Generalkonsulat der Vereinigten Staaten in Berlin. Die Anträge in Australien laufen schon seit einigen Wochen. Er schickt alle persönlichen Daten nach New York, wo Grete Simon versucht, finanzielle Garantien von amerikanischen Staatsangehörigen zu organisieren. Zu dieser Zeit wird die Warteperiode auf zwei Jahre geschätzt. Inzwischen konzentriert Vater sich auf die Probleme der ungewissen Zukunft wie, zum Beispiel, die Kosten der Fahrkarten, neue Kleidung, Korrespondenz mit alten Freunden in Übersee usw.

Dreiundzwanzig Jahre lang hat Vater alle seine Energie der Waggon-Fabrik Steinfurt und Königsberg gewidmet und für sie viele schwere Entscheidungen getroffen. Jetzt muß er an sich selbst und seine Familie denken. Briefe und Telegramme fliegen zwischen ihm und Bruder Uwe in Glasgow und Grete Simon in New York hin und her. In München erfahre ich keine Einzelheiten dieser Versuche. So weiß ich nicht, daß es ein Ziel ist, zuerst einmal Vater herauszuholen, da er ohne Zweifel in Gefahr ist. Aber sogar eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis in einem Land hängt ab von der Gewißheit, daß die Weiterwanderung garantiert ist. Mehr und mehr rassisch gefährdete Menschen wollen Österreich, die Tschechoslowakei, Polen und Deutschland verlassen. Die Schranken, die von der Bürokratie in jedem Zielland errichtet werden, wachsen in den Himmel. Man muß nicht nur an die Probleme dieser verfolgten Menschen denken, denn im Aufnahmeland gibt es viele Arbeitslose und unendliche wirtschaftliche Probleme. Diese Umstände werden vielen Menschen in Europa den Tod in der "Endlösung" der Nationalsozialisten bringen.

Führerscheinentziehung für Juden

Die verzweifelte Lage, in der sich Vater mit vielen anderen Menschen befindet, ist charakterisiert durch seine Suche nach entfernten Verwandten, deren Namen ich viele Jahre später in seinen Papieren fand. In der Vergangenheit haben viele jüdische Familien und Einzelpersonen Deutschland verlassen. Vater sucht nach ihnen, um Hilfe zu finden. Unter ihnen ist Joseph Salomon Moore, ein Bruder von Vaters Großvater Salomon Pincus.

Joseph Salomon Moore

Er verließ Wirsitz 1838, lernte den Kaufmannsberuf in England und heiratete die Tochter seines Arbeitgebers Moore. Er wurde von seinem Schwiegervater adoptiert und ging als sein Vertreter in die Südstaaten von Nordamerika, nahm teil am Goldrausch in Kalifornien, trieb Handel in China, eröffnete in den Fünfziger Jahren ein Geschäft in Melbournes Collinsstraße 221 und etablierte sich schließlich im Jahre 1866 in New Yorks Madison Avenue 1009. Er wurde ein reiches und angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde New Yorks. Sein Nachruf in der New York Times im Jahr 1892 erwähnte seinen Einfluß auf politische Entscheidungen. Bis zum Tode seines Bruders hatte er Briefwechsel mit ihm, in dem er seinem Glauben an die jüdische Tradition Ausdruck gab und den Verfall aller religiösen und anderen Normen tief bedauerte. Vaters Versuche, Salomons Nachkommen zu finden, scheitern an der Entfernung in Zeit und Raum. Jahre später wird er eine Enkelin in New York treffen.

Nach Wochen schickt Grete Simon eidliche Unterstüzungsgarantieen (Affidavits) für Vater. Ständig werden Entscheidungen durch Vaters Wunsch, seine Auswanderung in einer ordentlichen und wirtschaftlichen Weise durchzuführen, kompliziert. Wie so viele Leute in ähnlichen Situationen, zögert er, sein Lebenswerk und seinen Besitz gegen das bloße Überleben auszutauschen. Mit anderen Worten, er trägt jetzt die Last des Erfolges seines früheren Lebens und des damit verbundenen Wohlstandes. Am 17. April 1939 erhält er für sich selbst, Mutter, Gundula und mich die amerikanischen Wartenummern 65 303 bis 65 306; zwei Monate später, als Christoph die Nummer 71 890 erhält, zeigt sich wie viele Menschen in derselben Lage sind. Es existiert keine Organisation, die angesichts der täglich wachsenden Komplikationen mit solchen Anzahlen umgehen kann.

Vater will die Vertreter der amerikanischen Flüchtlingsorganisationen persönlich treffen, um seine Probleme zu besprechen. Er bittet Grete Simon in New York, dem Flüchtlingskommittee vorzuschlagen, zum Zwecke einer Besprechung die Vereinigten Staaten zu besuchen. Dabei ist er sich anscheinend nicht der Tatsache bewußt, daß ein solcher Besuch ihm seinen Platz in der Warteliste kosten würde. Er befragt Grete Simon brieflich oft über sehr schwierige, aber eigentlich nebensächliche Dinge. Soll er seine Möbel verkaufen? Soll er Entscheidungen, die nicht rückgängig gemacht werden können, aufschieben bis seine Nummer aufgerufen wird? Welche Kleider werden er und seine Familie brauchen? Wird er im Norden oder im Süden der Vereinigten Staaten leben? Fragen über Fragen. Die Antworten werden oft nicht sorgfältig studiert, weil in der Zwischenzeit neue Probleme auftauchen.

Vater hat auch Schwierigkeiten als er den Reisepaß beantragt. Jüdische Emigranten können das nur tun, wenn sie beweisen können, daß ihre Einwanderung arrangiert ist. So kann er den Antrag nicht stellen, bis er weiß, wohin er gehen kann. Anträge auf Pässe von Juden brauchen viel Zeit, weil sie automatisch Besitz und Finanzen einbeziehen. Für Nichtjuden braucht der Prozeß nur Tage, wie ich selbst herausgefunden habe. Es besteht Hoffnung, daß er für ein Jahr nach England, Norwegen oder Dänemark gehen kann.

Er leidet unter allen diesen Verzögerungen. Er sieht sich immer noch als einen Deutschen und Ostpreußen, und will eigentlich nicht Ausländer werden, wie sein Vater es wurde. Am 18. April 1939 bestätigt er seine Einsicht in die bestehende Lage in einem Brief an einen Beamten für Auswanderungsprobleme in Königsberg und informiert ihn, daß er sich bemüht auszuwandern, um "den Wünschen der Deutschen Regierung nachzukommen". Ich weiß nicht, was zu dieser Zeit in seinem Kopf herumgeht. Hat er noch Zweifel über die rechtmäßige Handlung der Regierung? Hat er sich mit der Notwendigkeit abgefunden, sein geliebtes Ostpreußen und seinen Geburtsort zu verlieren durch eine Regierung, die er innerlich nicht anerkennt? Sechs Jahre später werden alle Ostpreußen die gleichen Entscheidungen treffen müssen, auch als ein Resultat der Taten derselben Regierung. Bittere Gedanken und unendliches Leiden für Massen von Unschuldigen, für deren Wohlergehen an erster Stelle Regierungen verantwortlich sind. In seinem Brief beantragt er einen Reisepaß für einen kurzen Besuch in Amerika.

Fritz Radoks Passeinreichungaufforderung des britischen Passkontrolbüros, 9. August 1939

Die Sekretärin des amerikanischen Flüchtlingskomitees rät ihm von einem solchen Besuch ab. Wertvolle Monate vergehen bis er am 9. August, 1939 die Erlaubnis erhält, nach England zu kommen und mit der ganzen Familie in Australien vor dem 16. Mai 1940 einzuwandern. Nur jetzt kann er den Paß beantragen. Er reicht die Papiere für den Reisepaß ein und beginnt die Suche nach dem Reise- und Lande-Geld.

Vor ein paar Jahren war er ein reicher Mann, aber jetzt kann er solche Summen, besonders in ausländischer Währung, nicht auftreiben. Sie müssen von Hilfsorganisationen aufgebracht werden. Er zögert, die amerikanischen Pläne fallen zu lassen, während das amerikanische Flüchtlingskomitee, das mit vielen anderen Fällen zu tun hat, ihm nahelegt, diese Gelegenheit zu nützen und zu sehen, was die Zukunft bringt. Er muß sich für das eine oder das andere Land entscheiden. Wieder sucht er, der durch das ganze Leben Entscheidungen traf, wie gelähmt Rat. Am 28. August 1939 bringt ihm ein Brief aus New York die Nachricht, daß seine Akte geschlossen wird, wenn er sich für Australien entscheidet, und daß das Komitee nicht weiter für ihn handeln kann, wenn er am Leben und in Sicherheit sein kann.

Am 2. September 1939 wird Vater verhaftet. Er ist einer der angesehendsten Juden, die noch in Königsberg sind. Er wird in ein Arbeitslager für Arier in der Nähe von Labiau geschickt. Alle Versuche, ihn vor Toresschluß aus Deutschland wegzubringen, sind fehlgeschlagen. Jetzt muß das Unmögliche erreicht werden.

Mutter ist allein in dem großen Haus. Plötzlich muß sie Entscheidungen fällen in Angelegenheiten, die Vater seit 26 Jahren meistens alleine behandelt hat. Sie packt den Koffer aus, der schon für Vaters Reise nach England vorbereitet wurde. Abend nach Abend telephoniert sie mit dem Familienfreund Dr. Karl Kiesel, einem Rechtsanwalt in Berlin. Er gibt ihr Anweisungen und ermutigt sie in ihrer Verzweiflung. Bruder Christoph ist noch bei der Luftwaffe im Westen. Schwester Gundula, die ihre Ausbildung als Sprechstundenhilfe in Gernrode im Harz beendet hat, wartet bei Mutters Schwester in Höxter an der Weser auf eine Gelegenheit nach Ostpreußen zurückzukehren. Im Oktober 1939, nach dem Ende des Feldzugs in Polen, fährt sie nach Königsberg. Die Zugpassagiere müssen die Weichsel zu Fuß überqueren, weil alle Brücken zerstört wurden.

Sowohl Gundula wie Christoph wissen nichts von Vaters Verhaftung, bis er selbst vom Lager aus an sie eine der wenigen Postkarten schickt, die die Gefangenen an Sonntagen schreiben dürfen. Mutter fühlt sich selbst schuldig für Vaters Verhaftung, weil sie glaubt, daß sie Vater nach Berlin hätte schicken sollen, wo, wie im Vorjahr, die Gestapo ihn vielleicht nicht hätte finden können. Sie fährt nach Berlin und sucht die Gestapo auf. Sie bittet viele von Vaters früheren Geschäftsfreunden um Hilfe. Sie findet nur Mitleid. Niemand scheint fähig oder bereit zu sein, ihr zu helfen.

Am 27. September 1939 verlangt ihre Haushilfe, entlassen zu werden. Mutter ist jetzt vollständig allein. Eine Postkarte von Vater am Dienstag und Briefe von Christoph und Gundula sind die einzigen Zeichen aus der Außenwelt. Seit Ausbruch des Krieges hat sie keine direkte Post von ihren anderen Söhnen. Christoph erwähnt in einem Brief an Vater, daß ein Freund in Berlin Anstrengungen macht, ihn herauszubekommen. Eine Untersuchung wird im Lager und in Königsberg eingeleitet. Danach hören die Telefongespräche mit Dr. Kiesel in Berlin auf.

Der Winter fängt früh an. Auf Regen und Kälte folgen ungewöhnlich frühe Schneefälle und niedrige Temperaturen, die bis weit ins neue Jahr anhalten. Es ist niemand da, Schnee zu schaufeln. Das Haus liegt weit von der Straße weg. Für eine Weile hat Mutter sogar Schwierigkeiten, die Straße zu erreichen. Königsberg ist verdunkelt, und nur ein Zimmer im Haus kann abends benutzt werden. Mutter geht selten aus.

Am 27. September 1939 erhält Mutter eine Nachricht aus Lettland, daß es ihren Söhnen in England gut geht und daß sie nach Amerika auszuwandern versuchen. Wenige Wochen später berichtet ein Brief aus London, daß sie verhaftet wurden. Da der Brief nur ihre Verhaftung erwähnt und nicht ihre Internierung, sorgt sie sich für eine lange Zeit über den Unterschied zwischen diesen beiden Situationen. Muß man verhaftet werden, um interniert zu werden?

Eines Abends sucht sie ihren ältesten Bruder Dr.Paul Vageler im Parkhotel auf. Er ist gerade von Brasilien zurückgekehrt und gibt im Parkhotel einen Empfang. Er hat eine wichtige Stellung in der NSDAP. Sie bittet um seine Hilfe für Vater, aber ohne Erfolg. In ihren Aufzeichnungen erwänt sie, wie sie bei dieser Gelegenheit lange auf der einsamen Lawsker Allee mit hochgeschaufeltem Schnee auf eine Straßenbahn wartet.

Endlich wird sie von der Gestapo informiert, daß Vater aus dem Lager entlassen werden kann, vorausgesetzt daß er auswandern wird. Das Karussel fängt wieder an sich zu drehen. An drei aufeinanderfolgenden Sonntagen im November besucht sie Vater, einmal in Begleitung von Christoph, dem es gelingt, von der Luftwaffe Urlaub zu bekommen. Jedes Mal macht sie die lange Reise nach Labiau mit dem Zug. Sie hört mit Freude, daß Vater Arbeit im Innendienst gefunden hat. Er wäscht Kleider, putzt Fußböden und heizt Öfen. Es ist sehr kalt draußen, und er ist nicht gesund. Bei ihrem ersten Besuch bittet Vater sie, Tabak und manche Kleinigkeiten für die anderen Gefangenen mitzubringen.

Fritz Radoks polizeiliche Bescheinigung zwecks Erlangung von Lebensmittelkarte, 23. Dezember 1939

Sie hat keine weitere Nachricht, als Vater sie am 23. Dezember 1939, um 10 Uhr, morgens vom Hauptbahnhof anruft.Weihnachten wird also doch ein Fest. Mutter hat schon alle Hoffnung auf seine Rückkehr in absehbarer Zeit aufgegeben. Es ist mir nie klar geworden wie es zu dieser Entlassung gekommen ist. Hat Mutter von ihrer Jugendfreundin Käthe, der Gemahlin des Generalfeldmarschalls Erhard Milch, Hilfe erhalten? Er war wohl Halbarier und veilleicht der Grund für die Hermann Göring nachgesagte Bemerkung, daß er in Deutschland entscheide, wer ein Jude ist.

Nach vier Monaten unter verhältnismäßig erträglichen Bedingungen findet es Vater schwer, sich umzustellen. Sein Selbstvertrauen hat gelitten durch diese Situation, in der er sich ohne jegliche Möglichkeit einer Selbstverteidigung fand. Dennoch nimmt er bald wieder den Kampf auf, um Deutschland und Europa zu verlassen. Die Korrespondenz beginnt wieder. Unerwartet erscheint Christoph am Sylvesterabend.

Anfang 1940 schlägt das Amerikanische Konsulat eine Auswanderung über San Domingo vor, wo die Kopfsteuer gerade von $500 auf $250 reduziert wurde. Jedoch können die Reisenden San Domingo nur über die Vereinigten Staaten erreichen und amerikanische Durchgangsvisen beeinflußen die Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Man kann auch über Panama reisen. San Domingo verlangt, daß das Geld auf ein spezielles Konto eingezahlt wird. Emigranten aus Deutschland dürfen nur wenig Geld mitnehmen und müssen unglaubliche Wechselraten zahlen. Im Augenblick kostet die billigste Passage unter Deck auf einem italienischen Schiff nach Panama $ 195. Von dort kann man für $ 160 nach San Domingo fliegen. Für Bettler sind dies unerschwingliche Beträge.

Mutters jüngere Schwester Helene Leo, die auch mit einem Juden verheiratet ist, wanderte 1939 nach Venezuela aus. Sie telegraphiert am 24. Januar 1940, daß sie Vorkehrungen für Visen und Reisekosten für Vater und Mutter nach Venezuela via Italien getroffen hat. Sie hat nicht genug Geld für Schwester Gundula. Zur gleichen Zeit eröffnet sich die Möglichkeit, durch Mexiko auszuwandern. In diesem Fall handelt es sich um $ 600 pro Person und $ 125 Ausreise Garantie, die man von einer Mexikanischen Versicherungsgesellschaft für $ 6 pro Jahr Zinsen kaufen kann. Jedoch scheint es den Eltern, daß der Venezuelanische Plan reizvoller ist. Sie versuchen, $ 150 pro Monat für ihren Unterhalt in Caracas zu finden.

Dieser Vorschlag erreicht durch Amerika die drei Brüder im Internierungslager in England. Zu dieser Zeit kommt auch ein Vorschlag nach Chile zu gehen, der aber schnell fallen gelassen wird, als es sich herausstellt, daß man für Chile keine Visen erhalten kann. Man darf eben keine Möglichkeit unausgeschöpft lassen.

Ausschließung der Juden vom Wehrdienst, 11. März 1940

Mutters größte Sorge ist jetzt Gundula, die sie unter keinen Umständen zurücklassen will. Christoph soll in ein paar Wochen aus der Luftwaffe entlassen werden, nachdem ein neues Gesetz ihm als Halbjuden die Möglichkeit eröffnet, seine Entlassung zu beantragen. Seine Zukunft gibt auch Anlaß zu Sorgen.

Brief an Reinhold Radoks Haushälterin mit Drohung des Verlustes ihrer Witwenrente, 7. Dezember 1939

Während alle diese Pläne reifen, verstärkt sich der Druck, so bald wie möglich auszuwandern. Vaters Bruder Reinhold, der in Weitingen, einem kleinen Dorf Württembergs lebt, wurde am 6. Dezember 1939 "wegen treuloser Bemerkungen" verhaftet, was das auch immer heißen soll. Als im Ersten Weltkrieg hochdekorierter Offizier hat er die verschiedensten Autoritäten aufgesucht mit dem Ansinnen, er wolle in die Reichswehr als Freiwilliger eintreten. Nach dem Tode seiner Frau Jula vor ein paar Monaten hat Reinhold seinen Schutz und moralischen Halt verloren und kann mit der augenblicklichen Lage nicht mehr fertig werden.

Anfang 1940 kommt auch ein Brief von Viktor Radok in Kalladey, der um die Zukunft seiner Söhne Alfred und Emil besorgt ist, aber selbst nicht auswandern will in der Hoffnung, daß man zu Hause überleben kann. Er wird Tage vor Kriegsschluß in Kalladey verhaftet und nie wieder gesehen. Sein Söhne Alfred und Emil werden nach dem Krieg hervorragende Theater und Film Spezialisten der Tchechoslowakei.

Am 12. März 1940 bestätigt die Schiffahrtlinie in Genua, daß das Geld für ihre Schiffskarten eingegangen ist. Das Venezuelanische Konsulat in Hamburg hat jedoch noch nichts über die Visen gehört. Zu dieser Zeit kommt ein neuer Vorschlag, nach dem Vater nach Dänemark gehen und dort auf eine Gelegenheit, nach Amerika zu fahren, warten soll. Vater kann immer noch keinen Antrag auf seinen Reisepaß stellen, weil seine Pläne noch nicht abgeschlossen sind. Beide Eltern zögern, mit dem Packen anzufangen. Sie warten und warten. Draußen liegt immer noch viel Schnee, aber die Sonne wird wärmer und die ersten Schneeglöckchen unter dem Paradiesapfelbaum an der Straße stoßen ihre Nasen durch den Schnee. Neue Vögel erscheinen und lassen sich mit den überwinternden Vögeln und Eichhörnchen von Mutter füttern. Es scheint Mutter, daß die Eichhörnchen nie zahmer gewesen sind als in diesem ungewöhnlich kalten Winter.

Ein neuer Gesichtspunkt bezüglich Mutters Ausreise ergibt sich, als die Gestapo andeutet, daß Vaters Bruder Reinhold entlassen werden könnte, vorausgesetzt er könnte in Königsberg unter der Aufsicht eines Mitgliedes seiner Familie leben. Neue Probleme entstehen fast täglich. März und April 1940 gehen ohne Tätigkeit vorbei. Dann plötzlich, am 1. Mai kommt ein Telegramm aus New York, daß die Familie von einer religiösen Gruppe in Louisville, Kentucky, adoptiert worden ist mit dem Ziel, alle Mitglieder wieder zusammenzubringen. Das heißt, daß jetzt auch Geld für Schwester Gundulas Reise vorhanden ist.

Mitte Mai 1940 wird Bruder Christoph aus der Luftwaffe entlassen. Er kommt gerade in Königsberg an, als das Packen nun endlich beginnt. Tropen, Nord Amerika, Australien? Während der nächsten Tage ensteht ein unglaubliches Durcheinander, als Vater versucht, allen Möglichkeiten gerecht zu werden. Man packt nicht nur für die Reise, sondern auch eine enorme Kiste mit Möbeln, Klavier und anderen Dingen, die in der Garage untergebracht und später nachgeschickt werden soll. Über alle Zimmer des großen Hauses sind die zu packenden Sachen verstreut. Mutters älteste Schwester Grete, Frau des Pfarrers Hugo Hasforth in Frauenburg, verspricht, nach der Abfahrt Ordnung zu schaffen. Zwanzig große Koffer und ungezähltes Handgepäck werden am Abend vor der Abfahrt zum Bahnhof geschafft. Unter vielen relativ nutzlosen Artikeln, wie, zum Beispiel, dem Tropenhelm der Afrikareise im Jahr 1913, enthalten sie die Dokumente, die vierzig Jahre später diese Aufschreibungen ermöglichen werden. Mutter hat einen Schlafwagenplatz. Vater darf offiziell keinen buchen. Nach der Abfahrt gelingt es ihm, ein Bett zu bekommen. Jetzt sind auch sie auf dem Weg, Ausländer zu werden. Sie haben ihr Schiff verbrannt. Königsbergs laubbedeckte Bäume und blühenden Büsche des Monats Mai wünschen ihnen Hals- und Bein-Bruch.

Die Reisepässe der Radoks

In Berlin steigen sie nach Hamburg um, wo sie zum Venezuelanischen Konsulat gehen müssen. Zurück in Berlin, geht Vater die Sitzplätze über den Brennerpaß nach Italien buchen. Wenn man seinen Paß mit dem "J" sieht, sagt man ihm, daß seit neun Tagen keine Juden über den Brennerpaß fahren dürfen. Mutter eilt zur italienischen Gesandtschaft. Nach mehreren nutzlosen Unterhaltungen mit verschiedenen Beamten trifft sie eine Sekretärin, die in eigener Initiative nach Rom telegraphiert, um für Vater eine spezielle Erlaubnis zu erhalten. Es ist Freitag, und man kann keine Nachricht vor Montag erwarten. Vor der Gesandtschaft diskutieren Vater und Gundula, was sonst noch alles schief gehen kann. Sie haben kein Heim mehr, wohin sie zurückkehren können, und die Gestapo ist hinter Vater her.

Sie besuchen Vaters Schwester Margarete, deren Mann Max Hartung schon lange tot ist. Sie wird 1943 verhaftet und stirbt kurz nach Kriegsende in einem Berliner Gefängnishospital. Sie besuchen Vaters Schwester Lisbeth, deren Mann Erwin Kroll, ewig unter Verdacht, mit Schwierigkeiten seinen Weg macht, gegen Ende des Krieges auch verhaftet, aber alles überleben wird. Am Montag Morgen geht Mutter wieder zur italienischen Gesandtschaft und erhält mittags ein spezielles Visum für Vater. Am selben Abend verlassen sie Berlin, um in Stuttgart Reinhold im Gefängnis zu besuchen. Sie können ihn nur im Besuchszimmer treffen und eine private Unterhaltung ist unmöglich. Er beendet sein Leben am 11. Januar 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Niemand weiß, ob er seine Onkel Bernhard und Max und andere Verwandte aus Kalladey und Prag dort trifft.

In München entstehen wieder Probleme wegen der Fahrt über den Brennerpaß. Vater darf nicht fahren außer daß. . . . Mutter ruft die italienische Gesandtschaft in Berlin an und hat das Glück, wieder mit der ihr bereits bekannten Dame in Kontakt zu kommen. Als die Eltern mit Gundula in Genua ankommen, sagt man ihnen, daß die Abfahrt des Schiffes um ein paar Tage verschoben ist. Man organisiert für sie auf Kosten der Schiffahrtslinie ein relativ luxuriöses Hotel und sagt ihnen, daß ihre Schiffskarten in Ordnung sind und 200 $ pro Person gezahlt wurden. Nach zwei Tagen hören sie, daß es eine weitere Verzögerung von drei Wochen geben wird. Nur amerikanische Schiffe fahren. Sie haben aber nicht das Geld, auf ihnen zu entkommen.

Ihre 35 Gepäckstücke bereiten jetzt Schwierigkeiten. Vater beschwert sich in Briefen nach New York, daß man ihn nicht gut beraten hat, und will nicht zugeben, daß er dieses Problem selbst hätte lösen können. Jedoch scheint es so zu sein, daß, wenn Leute Haus und Hof verlassen müssen, sie sich mit vielen Dingen belasten, die sie auf Pferdewagen, Fahrrädern, Kinderwagen mit sich führen, bis sie diesen Ballast irgendwo im Straßengraben liegen lassen. Die Sorge um die ungewisse Zukunft scheint erleichtert zu sein durch Besitz, auch wenn er nutzlos ist.

Nach längeren Verhandlungen ziehen sie in ein billigeres Hotel in Genua um und erhalten täglich 35 Lira pro Person. Die wenigen Dollars, die sie bei sich hatten, sind schon fast ausgegeben. Um die Lage noch zu erschweren, erklärt einer der Beamten der Schiffahrtslinie, daß man Vater sowieso nicht mitnehmen würde, denn er hätte nur ein Touristenvisum: "Seit wann reisen Touristen unter Deck!" Unter keinen Umständen würde man es riskieren, ihn wieder nach Genua zurückbringen zu müssen! Es gibt stundenlange Verhandlungen mit der Schiffahrtslinie und dem Venezuelanischen Konsulat. Am Ende kommen sie zu dem Schluß, daß bis zum Eintreffen einer Nachricht aus Christobal nichts getan werden kann. Ihr Geld ist verbraucht, die Abfahrt des Schiffes ist unsicher.

Italien tritt in den Krieg ein, Vater wird verhaftet und in einem primitiven Lager bei Salerno südlich von Neapel interniert, wo er bald an Typhus erkrankt. Mutter nimmt wieder alleine den Kampf für die Flucht aus Europa auf. Sie zieht mit Schwester Gundula in ein noch billigeres Hotel in Nervi, einem Kurort bei Genua. Täglich fährt sie in die Stadt, um Beamte zu treffen und Gelegenheiten für eine Ausreise zu untersuchen. Kurz vor ihrer Abfahrt von München schickten sie 637.40 $, Vaters gesamtes flüssiges Vermögen von 40 000 Reichsmark in Dollars umgewechselt, an eine Bank in Caracas. Wie können sie dieses Geld finden und zurückbekommen? Mutter schreibt Christoph, dem Vater 10 000 Reichsmark gab für den Fall, daß die Brüder in England Hilfe brauchen. Vielleicht kann man das Geld in Devisen umwechseln? Nach Wochen erhalten sie 160 $. Vergebens gehen sie den deutschen protestantischen Pfarrer in Genua um Hilfe an. Es ist zu befürchten, daß bald Mutter und Gundula nach Deutschland zurückgeschickt werden und Vater im Lager bleiben muß.

Jetzt gibt es keine Schiffe mehr, die von Genua direkt nach Christobal fahren. Mutter verhandelt mit der Schiffahrtslinie wegen der Rückzahlung der Fahrtkosten nach Caracas, um auf einem amerikanischen Schiff über New York zu buchen. Die Schiffskarte nach New York kostet 200 $ , die Weiterfahrt nach Guyara 60 $, sodaß die Gesamtausgabe für drei Personen 780 $ ausmacht. Wieder macht das Gepäck Probleme. Soll man es zurücklassen? Wie können sie eine so große Summe auftreiben? Gerade in diesem Augenblick verliert in Caracas der Mann von Mutters Schwester seine Arbeit als Bibliothekar einer hunderte von Jahre alten Klosterbibliothek, weil sich langsam dort auch eine Stimmung gegen Deutsche entwickelt und Juden ja auch Deutsche sind. Auch für sie wird Geld jetzt ein Problem; sie mußten ihre zwei Söhne in Amerika adoptieren lassen.

Am 6. August 1940 erhält Mutter Nachricht aus New York, daß die drei in England internierten Söhne auf dem torpedierten Schiff "Arondara Star" waren und gerettet wurden. Seit Anfang Juli hatten Vater und Mutter, nachdem sie darüber in der Zeitung lasen, das Gefühl, daß sie auf dem Schiff hätten sein können.

Die Kosten der Ausreise aus Europa steigen rasch an. Endlich empfängt Grete Simon in New York doch die 637.40 $ aus Caracas und die Paten in Louisville helfen wiederum. Grete gibt auch Geld, das für die Rettung ihrer Schwester Lotte aus Königsberg bestimmt ist. Am 8. August 1940 erhalten sie zum ersten Mal wieder Geld. Bald danach wird Vater aus der Internierung entlassen. Am 2. September 1940 kommen Vater, Mutter, Gundula und das Gepäck in Lissabon an. Sie reisten bis Barcelona auf einem Schiff, das auf seiner nächsten Reise mit allen Menschen unterging. Die portugiesische Grenze wird neun Tage nach ihrer Ankunft geschlossen.

Nun scheint es klar zu sein, daß die Vereinigten Staaten die einzige realistische Möglichkeit bieten, Europa zu verlassen. Die Eltern haben noch 350 $ und Venezolanische Touristenvisen. Die Verhandlungen in New York fangen wieder an. Ihre Berliner Wartenummern sind sehr hoch, aber nur wenige Menschen schaffen es jetzt, die von Deutschland besetzten Gebiete zu verlassen. Am 25. Oktober 1940 stiehlt jemand Vater alle Papiere und sein letztes Geld, während er in einem Postamt Briefe abholt. Jetzt, vollkommen ohne Geld, erhalten sie Hilfe von der amerikanischen Kirche, um ein Telegramm an Grete Simon in New York zu senden. Gundula verdient ein wenig Geld durch deutschen Unterricht, mit "Babysitting", usw. Nach zwei Wochen erhalten sie 72.24 $, alles was Grete im Augenblick organisieren kann. Am 16. November 1940 kommen Bürgschaften für die Transitvisen für die USA. Langsam und zögernd zahlt die italienische Schiffahrtslinie das Geld zurück, das in Caracas und New York an sie gezahlt wurde. Am 13. Dezember verweigert der amerikanische Konsul ihnen Transitvisen. Sie müssen zuerst Schiffskarten von New York nach Guyara vorweisen. Grete bucht diese Fahrt in New York am 18. Dezember 1940 für 273.50 $. Die Anstrengungen um die Erlaubnis, in den Vereinigten Staaten zu bleiben, gehen weiter.

Am 13. Februar 1941, 273 Tage nach ihrer Abfahrt von Königsberg, erreicht das Schiff mit den Radoks Ellis Island, wo sie empfangen werden von Grete Simon und Norah Trangmar, die seit einiger Zeit in New York lebt.