I. Ein Name entsteht

Böhmen 1680 bis 1868

Im siebzehnten Jahrhundert reisen Nachrichten und Epidemien sehr langsam. Im Jahr 1679 sterben in Wien über 76 000 Menschen an der Pest, im Jahr 1681 in Prag 83 000 und die Hälfte der Bevölkerung von Halle. Die kleine Bezirksstadt Moldautein (Tyn nad Vlatavou) in Böhmens Kreis Budweis, wo die Flüsse Moldau (Vltava) und Lausnitz (Luznice) sich treffen, emfängt den Schwarzen Tod 1680. Bald erinnern sich seine Einwohner an ein Jahrhundertealtes "Heilmittel".

Seit uralten Zeiten leben Juden in der Stadt. Vielleicht haben sie sich dort angesiedelt, weil, als ihre Vorfahren Jerusalem verließen, der Hohe Rat (Synedrium) anordnete, daß Scheidungen nur dort legalisiert werden können, wo zwei Flüsse sich treffen. Flüsse behalten ihre Namen länger als Städte! Die Juden treiben Handel und besitzen Grund und Boden. Sie empfangen oft Besuch aus Prag, Wien und von vielen anderen Orten.

Sonntag in Moldautein 1958

Nach ausgedehnten Besprechungen und Verhandlungen entscheiden die Einwohner von Moldautein, daß die Juden die Pest in ihre Stadt gebracht haben. Sie wenden sich an die Bezirksverwaltung, die mit diesem Urteil einverstanden ist und sogleich den Juden hohe Geldstrafen auferlegt. Alle Juden sollen schnellstens die Stadt verlassen. Man gibt ihnen keine Zeit, ihren Grundbesitz zu verkaufen.

Entlang der Lausnitz 1958

Der Rabbi von Moldautein läuft an der Lausnitz entlang durch den Urwald zum jungen Grafen Johann Brandenstein, in Kalladey (Kolodeye), der ihm Land zu hohen Preisen anbietet. Der Rabbi weiß sehr gut, daß der Graf selten genug Geld hat und dieser Gelegenheit nicht widerstehen wird. Schon am nächsten Tag ziehen die Juden mit ihrem beweglichen Besitz und kleinen Kindern auf Karren den Fluß entlang. Sie haben mehr Glück als ein paar Jahre später die Prager Juden, die für lange Zeit nirgendswo Aufnahme finden.

Durchaus Mitteleuropa gehen zu dieser Zeit Menschen an der Pest zugrunde. In Tabor, nicht weit von Moldautein, sterben ganze Familien aus. Der Diener Drazicky, der aus unbekannten Gründen zum Tode verurteilt wurde, wird zeitweise begnadigt, um beim Begraben der Toten mitzuhelfen. Ein Jahr später verschwindet die Pest, man erinnert sich an seine ursprüngliche Strafe und enthauptet ihn in aller Öffentlichkeit. Das sind die Zeiten nach dem Dreißigjährigen Krieg, der Mitteleuropa verwüstete und entvölkerte

Kalladey 1958

Kalladeys Furt ist weit bekannt seit uralten Zeiten. Die Bernsteinstraße von der Samlandküste der Ostsee bis ans Mittelmeer hat sie wohl schon benutzt. Kalladeys Schloß hat einen Graben, der in Zeiten der Not durch die Lausnitz gefüllt werden kann. Es gibt auch ein Gasthaus, eine Molkerei und einige wenige Hütten, deren Bauern für den Grafen arbeiten.

Im Jahr 1695 stirbt der junge Graf. Sein Vater kehrt nach Kalladey zurück und baut für die wachsende jüdische Gemeinde eine großartige Synagoge mit viel Platz für Rabbiner und Lehrer. Bald ist der Rabbiner von Kalladey der Oberrabbiner aller jüdischen Gemeinden von Südböhmen. Er errichtet ein Armenhaus und ein Hospital.

Im Jahr 1726 führt die böhmische Verwaltung den Begriff der Familienväter ein und beschränkt die Anzahl der jüdischen Familien in Böhmen auf 8600. Juden dürfen nicht mehr ihre Wohnplätze wechseln, ihre Häuser erhalten römische, die der Christen arabische Nummern. In jeder jüdischen Familie darf nur ein Sohn heiraten. Geheime Ehen werden mit Schlägen und Verbannung bestraft. Die einzigen Ausnahmen werden gemacht, wenn jemand lange Soldat war oder wenigstens drei Jahre auf dem Land gearbeit hat. Aber sogar dann müssen Bräutigam und Braut einen Besitz von wenigstens 300 Gulden nachweisen, unerschwinglich für fast alle. Die jüngeren Söhne verlassen Böhmen. Man trauert in vielen jüdischen Häusern.

Im Jahr 1740 ordnet man an, daß alle Jüdinnen ein Stück gelbes Material auf ihren Kleidern tragen müssen, um sie von den Christinnen zu unterscheiden. Die Prager Jüdinnen erhalten die Erlaubnis, statt dessen gelbe Stirnbänder zu tragen. Schon seit Jahren müssen ihre Männer Bärte tragen. Wenn die Mode die Bärte kürzer macht, schreibt der Rabbiner die Bartlänge vor, um drohenden Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Aber es ist schon zu spät. Ein neues Gesetz bestimmt, daß auch alle Männer ein Stück gelbes Material auf ihre Kleider nähen müssen. Um Material zu sparen, beantragen sie die Erlaubnis, das gelbe Material nur anzustecken. Aber sie haben keinen Erfolg. Wir wissen nicht, wie groß zu dieser Zeit eine persönliche Garderobe ist.

Das Leben ist kurz und Sorgen gibt es genug. Religiöse Feste und Hochzeiten bieten sehr willkommene Ablenkungen. Sie dauern Tage, und das ganze Dorf macht mit. Die Höhepunkte sind prozessionen und festliche Beleuchtung aller Häuser, farbige Fahnen, eine türkische Kapelle, Verkleidung in biblischen Gewändern, Aufführungen von biblischen und historischen Ereignissen.

Alle jüdischen Gebräuche werden sorgfältig gepflegt. Bei Hochzeiten wird eine Tasse zerbrochen, um sich des Glücks zu versichern. Ihre Scherben werden unter die nächsten Verwandten verteilt. Die Kapelle marschiert durch das Dorf und spielt vor Häusern, in denen bald geheiratet werden soll. Alle, außer den nächsten Verwandten, treffen sich im Gasthaus und durchtanzen die Nacht. Am Hochzeitstag wird die Braut in einen immer dafür benützten Sessel gesetzt. Man schneidet ihren Zopf ab und ersetzt ihn durch eine gestickte Kappe. Verheiratete Frauen führen die Braut in die Synagoge, während die Kapelle musiziert. Die Männer und die Kapelle holen dann den Bräutigam ab, der kleine Münzen unter die Armen der jüdischen Gemeinde wirft, die vor der Synagoge auf ihn warten. Sie wünschen ihm alles Gute.

Im Jahr 1787 hat Kalladey bereits fünfundachtzig Häuser mit Römischen Nummern. In diesem Jahr müssen die Juden Familiennamen annehmen. Kaiser Joseph II. erläßt das Motto: "Ein Reich, eine Sprache, und diese Sprache ist die deutsche". Die Juden müssen ihre Familiennamen aus einer Liste auswählen. Alle offiziellen Bücher und Dokumente müssen in deutscher Sprache geführt werden.

Der Ursprung des Namen Radok ist ungewiß. Habakuk im Haus mit der Hausnummer LXX ist sein erster Träger. Sein Sohn Aron wird 1809 geboren und heiratet die um ein Jahr jüngere Anna Mautner. Ihr erster Sohn Elias erscheint am 16.11.1840 im Hause XXXII.

Aron Radok und sein Sohn Elias, Kalladey um 1863

Im Jahr 1848 finden große Veränderungen in vielen Teilen Europas statt.  Bedrückende Gesetze für die Juden werden aufgehoben. Sie dürfen jetzt ihre Wohnplätze wechseln, heiraten, studieren und Berufe ergreifen, die ihnen vorher versagt waren. 1857 sind unter Kalladeys 1327 Einwohnern 141 jüdische Familien mit 679 Personen. Nach einigen wenigen Jahren sind fast alle diese Familien in andere Teile Europas oder nach Amerika ausgewandert. Im Jahre der Gründung der Tschechoslowakei (1920) gibt es nur noch drei jüdische Familien in Kalladey einschließlich eines Zweiges der Familie Radok mit engen Verwandten in Prag und in Königsberg, der Hauptstadt der Provinz Ostpreußen.

Der Wandel der Zeiten kommt Elias Radok gerade recht. In seiner Jugend streift er, wie alle anderen Jungen des Dorfes, durch die Wälder und sammelt Holz, Pilze und Beeren. Seine erste Erziehung genießt er in der Synagoge. Danach wird er auf die Schulen in Budweis (Ceske Bujedovice) und Linz geschickt. 1858 immatrikuliert er sich in Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Prag. Er ist Primus auf allen Gebieten, einschließlich Mathematik, und erhält beim Abschluß seines Studiums im Jahr 1862, als bester Student des Jahres, das hochgeschätzte Gerstner'sche Reisestipendium, welches laut Stiftsbrief "für die vorzüglichsten Studierenden des Polytechnischen Landes-Instituts von Prag bestimmt ist, welche durch hervorragende Befähigung, ausdauernden Fleiß und entschiedene Eignung für ein technisches Fach der gegründeten Hoffnung Raum geben, in der Industrie oder in den technischen Wissenschaften dereinst Ausgezeichnetes zu leisten".

August Borsig 1804 - 1854

Im Jahr 1863 reist Elias nach Berlin und tritt in die 1837 von August Borsig gegründete Maschinenfabrik ein. In der günstigen Umgebung des Königreichs Preußen des neunzehnten Jahrhunderts, in dem Schutzjuden schon seit hundert Jahren wichtige Beiträge für Staat und Gesellschaft lieferten, bemerken Elias' Vorgesetzten bald seine Fähigkeiten und Energie. Man beauftragt ihn Deutschlands erstes Marineschwimmdock zu bauen, bei dessen Stapellauf in Swinemünde er 1869 dem preußischen Kronprinzen, dem späteren Kaiser Friedrich, vorgestellt wird.

Erstes Schwimmdock der preußischen Kriegsmarine, Stettin 1868

Schon 1868 empfehlt Geheimrat Borsig seinen Ingenieur Elias Radok seinem Freund Gottried Ostendorff in Königsberg, der Hauptstadt der Provinz Preußen. So wird Elias Radok 1869 Oberingenieur in Königsbergs führenden Industrieunternehmen, der Union-Gießerei, die Lokomotiven, Dampfmaschinen, Brücken usw. baut.

Gottfried Ostendorff 1812 - 1876