NACHWORT

Königsberg und Nidden, 1965

Anfang 1947 kommen die Eltern mit Gundula durch Panama auf einem Transportschiff, wenige Monate später Christoph und sein Sohn Uwe auf einem Emigrantenschiff aus Deutschland nach Melbourne. Das Unerwartete geschah. Die  Familie ist wieder an einem Platz vereinigt, sehr verändert durch Erfahrungen und Zuwachs und mit sehr viel weniger Bindung.

In den folgenden Jahren arbeite ich in Australien, studiere in England, übersetze mathematische Bücher aus dem Russischen und übersiedle 1955 mit Torchie und unseren Töchtern Katharine und Stephanie nach den USA. Anfang der sechziger Jahre wandern wir weiter nach Wien, wo ich versuche für einen amerikanischen Verlag im Osten Manuskripte zu finden. 1963 kehre ich mit meiner Familie nach Australien zurück, um an der Universität von Adelaide Mathematik zu lehren.

1965 ladet uns der Präsident der georgischen Akademie der Wissenschaften, Nikolai Ivanovich Muskhelishvili, dessen Buch ich 1948 ins Englische übersetzte für drei Monate ein, sein Land zu besuchen. So öffnet sich für Torchie und mich das seit zwanzig Jahren verriegelte Tor nach Kaliningrad (Königsberg) und Nida. (Nidden).

Dieser Höhepunkt unseres Besuches in Rußland kommt im November, wenn bereits Schnee fällt. In Begleitung meines Freundes Gleb Konstantinovich Mikhailov fliegen wir nach Kalinigrad. Ungefähr zwei Stunden nach dem Abflug von Moskau gleitet das Flugzeug in geringer Höhe über dem Kurischen Haff und landet auf einem ehemaligen Militärflugplatz in der Nähe der Cranzer Chaussee. Auf dem Weg in die Stadt, in einem voll beladeten Bus stehend, erkenne ich Quednau und dann den Oberteich in Maraunenhof wieder. Der Bus hält vor dem Nordbahnhof mit einem Denkmal von Lenin an.

Als wir kein Taxi finden können, erkläre ich Gleb, daß ein Freund in Moskau mir die Lage des einzigen Hotels beschrieben hätte und es nicht weit weg sei. So wandern wir mit unserem leichten Gepäck entlang der Hufenallee vorbei an den wohlbekannten Auerochsen vor dem einstigen Amts- und Landgericht zum Schillerdenkmal vor dem Schauspielhaus mit einem russischen Vorbau. Gegenüber dem Hufengymnasium und Tiergarteneingang, wo sich die Gluckstraße und Hufenallee treffen, finden wir das Hotel Moskau in einem früheren Etagenhaus.

In den nächsten Tagen besuchen wir die vollkommen zerstörte Innenstadt und den Kneiphof, auf dem nur noch die Domruine mit dem Kantdenkmal und die in Wiederherstellung begriffene Börse stehen. Neben dem Kantdenkmal entdecke ich zu meiner großen Überraschung eine Tafel, die in Russisch erklärt, daß es von dem Architekten Friedrich Lahrs entworfen wurde, der einst alle Radokkinder aquarellierte. Wir wandern dann um die Schloßruine herum, zum Schloßteich und zur Universität mit dem Kapitulationsdenkmal. Dann kommen wir an der Ruine der Löbenichtschen Oberrealschule mit einer ganz vertrauten Straßenbahn, die vielleicht noch von der Waggonfabrik Steinfurt gebaut wurde, vorbei zur Ruine der Boerse mit den Löwen zurück, die ich in dem georgischen Film Der Vater des Soldaten, den man mir vor wenigen Wochen in Tbilisi zeigte, wiedererkannte.

Natürlich bin ich vertrauter mit der Gegend in der Nähe des Hotels, den Hufen und Amalienau, wo ich aufwuchs. Vom ersten Stock des Hufengymnasiums schaue ich herunter in die Gehege des Tiergartens, die immer noch Hirsche beherbergen. Wir folgen der fast unveränderten Hufenallee bis sie den Hammerweg und die Lawsker Allee trifft, die mir sehr schmall zu sein scheint und jetzt eine stadtwärts Einbahnstraße ist. Ich genieße die viel größer gewordenen Bäume, die das Stadtbild heilend überwuchern.

Als wir die Ottorkarstraße erreichen, sehe ich sogleich unseren Gartenzaun mit seinen großen roten Ziegelsäulen. Ein neues Haus steht auf demselben Grundriß und der Stall ist verschwunden. Nur die beiden Linden und die amrikanische Eiche warten auf mich. Während ich mich umschaue, sammelt Torchie Eicheln.

Unser Weg führt uns dann über die jetzt baumlose Körte Allee mit ihrem Reitweg hinweg zur Regentenstraße und am jüdischen Altersheim vorbei zu den Zwillingteichen. mit dem Restaurant Alte Hammerschmiede.

Als wir den Hammerweg erreichen, sehe ich, daß die vielen Etagenhäuser bis zur Hagenstraße hin noch unversehrt stehen.

Am Fürstenteich und Landgraben wird es mir klar, daß für mich meine Heimkehr mehr an die Natur als an die Menschen und ihre Werke gebunden ist.

Die zweistündige Autofahrt nach Nidden durch Cranz und über die asphaltierte Poststraße bringt im Morgengrauen ein erstes Wiedersehen mit den Dünen hinter Sarkau. Wir halten für einige wenige Minuten in Rossitten an der schmalen Mohle, die weit in das gefrorene Haff herausreicht und von der ich hinübersehe zu der Palve, wo früher das Segelfliegerlager lag.

Als die Sonne aufgeht, strahlen im Mischwald zwischen den dunkelgrünen Fichten und schon kahlen Erlen die gelben Herbstblätter der schlanken weißstämmigen Birken.

Wir lassen das Auto auf der Dorfstraße warten und ich beginne einen Gewaltmarsch, an dem Torchie und Gleb ohne zu klagen teilnehmen. Wir besuchen die Kirche ohne Verglasung auf ihrem Hochwald bedeckten Berg und den Friedhof mit hölzernen Kreuzen, auf einem von denen ich den Familiennamen Englien meines Freundes Nurmi lese.. Wir kommen an dem adretten Häuschen des Photographen Isenfels vorbei und steigen ab entlang des Weges den jeden Sonntag die schön angezogenen Fischer und ihre Frauen aus Purwin auf ihrem Kirchgang benützten, zum fast unveränderten Hotel Hermann Blode. und der Dorfsstraße nach Purwin.

Mein nächstes Ziel ist der Strand der Ostsee, zu der wir den Blodeweg entlang wandern, bis ein bewaffneter Posten uns anhält und zurückweist. So steigen wir auf den hohen Schlangenberg hinauf entlang einer Schneise durch Krüppelkiefern und genießen den Blick entlang der Nehrung nach Schwarzort und auf die Brandung der Ostsee.

Nach einem kurzen Besuch zum Italienblick ohne Solokiefer und Thomas Mann Haus, dessen Bau in 1932 ich selbst miterlebte, wandern wir durch das ganze Dorf zum Haffstrand mit dem Blick auf die Wanderdünen. Torchie kehrt zum Auto zurück und wird uns am Fuß der Hohen Düne treffen, während Gleb und ich den Haffstrand entlang zu den Dünen laufen. Nachdem wir den Steilhang der ersten Düne überwunden haben, haben wir einen letzten Blick auf Nidden. Wir steigen dann herab in das Tal des Schweigen und weiter auf die Hohe Düne, von wo ich eine einzigartige Aufnahme von einer Schöpfung des Frostes und dem eisbedeckten Haff mache.