IX. Meine Auswanderung

England 1939

Im Mai 1939 kündigt die Hochschule an, daß alle Studenten während der Sommerferien in den östlichen Provinzen Landarbeit leisten müssen. Man sagt, daß eine Rekordernte erwartet wird. Im letzten Schuljahr mußte ich an der Kartoffelernte in der Nähe des Tannenbergdenkmals bei Hohenstein teilnehmen. Wenn immer die Möglichkeit besteht, halte ich mich von solchen Massenaktivitäten fern. Vielleicht ist es eine Reaktion auf die Tatsache, daß ich von so vielen Geschehnissen ausgeschlossen war. So mußten, zum Beispiel, Schwester Gundula und ich vor einigen Jahren Privattanzstunden bei Herrn Schmidt erhalten, und ich bekomme vom Direktor Arno Hundertmark der Löbenichtschen Oberrealschule im letzten Schuljahr nicht seine Unterschrift auf meinen Antrag für das Sportsabzeichen, dessen Bedingungen ich mit großer Anstrengung erfüllte. Zulange habe ich ohne Kameradschaft existieren müssen, und es scheint mir, daß die Erntehilfe die letzte Beschäftigung ist, nach der ich mich drängen soll.

Am Tag nach der Bekanntgabe suche ich den Hochschularzt auf und stelle meinen Antrag auf Zurückstellung von der Erntehilfe, weil ich im Vorjahr aus medizinischen Gründen vom Militärdienst zurückgestellt wurde. Der Arzt besteht darauf, daß ich mich noch einmal der Militärmusterungskommission stelle. Nachdem ich nackt mit vielen anderen Gleichaltrigen vor den angezogenen Offizieren gestanden habe, werde ich glücklicherweise wieder zurückgestellt, weil ich körperlich unterentwickelt sein soll. So tanze ich fast aus der Kaserne hinaus im Bewußtsein wenigstens eines weiteren Jahres Freiheit. Der Hochschularzt ist jetzt gezwungen, mich auch vom Erntedienst zu befreien.

Am nächsten Tag stelle ich meinen Antrag auf einen Reisepaß, den Militärdienstpflichtige nur für ein Jahr erhalten können. Als meine Papiere von Königsberg nach München geschickt wurden, vergaß man, meine ungünstige Abstammung mit anzugeben. Wenige Tage später erhalte ich den Paß. Man informiert mich jedoch, daß ich ohne die Erlaubnis der Hitlerjugend Deutschland nicht verlassen dürfe. Angesichts meiner gelben Studentenkarte entscheide ich, das Risiko auf mich zu nehmen und keinen Antrag auf diese Erlaubnis zu stellen. Es wäre das erste Mal, daß ich mit dieser Organisation zu tun haben würde.

Für die nächsten Wochen konzentriere ich mich auf die Vorbereitung für den ersten Teil des wichtigen Vorexamens, das eine mündliche Prüfung in Mathematik einschließt. Mein Gedächtnis läßt mich im Stich und Professor Baldus diskutiert mit mir für einige Minuten die Definition des natürlichen Logarithmus, wobei meine Intuition mich rettet. Ich gebe Herrn Wenzl, seinem Assistenten, eine Postkarte mit meiner zukünftigen Adresse in England. Wochen später erfahre ich, daß ich alle Examina sehr gut bestanden habe.

Seit seiner Entlassung hat Vater mit der Vorbereitung der Anträge auf Einwanderung nach den Vereinigten Staaten und Australien begonnen. Jedoch sind die Wartelisten fast unendlich. Die Hoffnung, bald wegzukommen, ist gering. Die Formalitäten sind kompliziert, die finanziellen Bedingungen schwer zu erfüllen. Seit der Reichskristallnacht verstehen mehr Menschen, daß schnell gehandelt werden muß. Schanghai unter japanischer Besetzung ist der einzige Platz, wo man einfach ankommen und einreisen kann.

Bald nachdem ich nach München kam, suchte ich nach Gelegenheiten, Englisch zu sprechen. Ich gehe oft zur Amerikanischen Kirche bei der Theatinerstraße und mache so die Bekanntschaft von englischen und amerikanischen Studenten, mit denen ich meine freie Zeit verbringe. Wir gehen bisweilen ins Künstlerhaus am Stachus, das Goebbels der wohlbekannten Künstlerkolonie Münchens gestohlen und in einen Klub für sein Propaganda-Ministerium verwandelt hat. Wir sprechen Englisch beim Eintreten und werden nicht hinausgeworfen. Es ist das Jahr des "Lambeth Walk", den man nur spielt, wenn Ausländer ihn verlangen. Wir singen und tanzen ihn bei vielen Gelegenheiten, sogar bei Nacht in den verschneiten Straßen bei der Heimkehr von Faschingsfesten. Sicherlich waren diese Handlungen für mich nicht ganz ungefährlich, aber ich war mir dessen nicht bewußt. Wie in allen Dingen im Leben, man muß Glück haben.

Ich treffe oft mit Norah Trangmar zusammen. Ich erzähle ihr von meinem Familienhintergrund und den Schwierigkeiten meiner Familie. Sie verspricht mir Hilfe und schreibt an einen Freund in England, der mich einlädt, ihn am 15. Juli in Baden-Baden, einem beliebten Kurort der Engländer, zu treffen. Ich bereite mich auf die Möglichkeit einer selbständigen, von der Familie unabhängigen Auswanderung vor. Am letzten Abend wandern Norah und ich durch den Englischen Garten zu einem Gasthaus auf der anderen Seite der Isar, wo wir oft unter einem großen Lindenbaum Abendbrot gegessen haben. Dieses Jahr ist der Sommer wie er nicht besser sein kann. Touristen strömen nach München in großen Mengen.

Am Freitagmorgen, den 15. Juli 1939, fahre ich mit meinem Koffer mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof. In Baden-Baden treffe ich Norahs Freund Herrn Farrow, der, wie sie mir erzählte, im Ersten Weltkrieg eine große Rolle in der Organisation der englischen Handelsmarine gespielt hat. Unser Treffen dauert nur wenige Minuten. Er gibt mir einen Brief an das Britische Generalkonsulat in Berlin und schlägt vor, daß ich ihn am Sonntag, den 17. Juli 1939, nachmittags in Utrecht treffen soll, von wo wir mit seinem Zug über Hoek van Holland und der Fähre nach Harwich reisen werden.

Ich sitze die folgende Nacht in einem Dritterklasseabteil, überfüllt mit Ferienreisenden. Ich sorge mich wegen der Aufgaben des nächsten Tages, denn es ist ein Sonnabend und viel muß getan werden. Werde ich Glück haben und das Unwahrscheinliche erreichen?

Nach Ankunft in Berlin fahre ich mit einem Taxi direkt zum Britischen Konsulat in der Nähe des Tiergartens. Es ist geschlossen. Alle Anträge erfordern persönliches Vorsprechen. Das Konsulat kann wöchentlich nur die Arbeit von fünf Tagen schaffen, aber das Personal arbeitet auch am Sonnabend. Vor dem Konsulat steht ein Polizist, der mir die Telefonnummer des Konsulats gibt und auf eine nahe Telefonzelle hinweist. Mit zitternder Stimme und dem schlechtesten Englisch, das ich seit Monaten gesprochen habe, erkläre ich meine Situation. Ich werde aufgefordert, den Brief durch die kaum geöffnete Tür hereinzureichen. Wenige Minuten später muß ich meinen Paß nachschieben. Ich erhalte ein Besuchervisum für wenige Wochen, um die englische Sprache zu studieren. Vielleicht hat Zeitmangel, der dem Beamten nicht erlaubte, die Anwesenheit meiner Brüder in England zu entdecken, mir geholfen.

Es ist zu spät, das holländische Visum zu erhalten. So muß ich durchreisen und am Sonntagmorgen mit dem FD-Zug fahren, für den die Fahrkarte teurer ist, weil er nur erste und zweite Klasse hat. Er geht direkt nach London durch. Ich habe nicht genug Geld und borge die nötige Summe von Professor Hans Rothfels, dem Königsberger Historiker, einem Freund meiner Eltern. Viele Jahre später werde ich ihn und seine Gemahlin in Amerika wiedertreffen. Am Abend telefoniere ich mit Königsberg. Vater schließt die Unterhaltung mit den Worten: "Sei sicher, nach ein paar Wochen zurückzukehren". Ich wage es nicht, ihm zu erklären, daß ich andere Pläne habe.

Mein ganzes Unternehmen ist instinktiv, und ich habe keinen Zweifel, daß ich auswandere, obwohl ich überhaupt nicht weiß, was ich in England anfangen soll. Ich habe noch keinen Beruf und kann kaum verdienen, zumal in England noch große Arbeitslosigkeit herrscht. Ich hoffe wohl, daß meine Brüder einen Weg finden werden.

Spät am Sonntagmorgen verläßt der Zug mit wenigen Wagen Berlin. Es ist das erste Mal, daß ich durch Norddeutschland reise. Nach einem kurzen Halt in Hannover und Osnabrück beginnt die Paß- und Zoll-Kontrolle im Zug. Skistiefel im Sommer? Postkarten mit entarteter Kunst? Während sie meinen Koffer auspacken, erfinde ich, was mir glaubhaft erscheint. Ich mußte meine Wohnung in München aufgeben, - diese Karten sind nur Papier, - ich kehre bald nach Ostpreußen zur Erntehilfe zurück, - ich soll jemand in Utrecht treffen. Und wie ist es mit der Erlaubnis der Hitlerjugend? Ich bin erstaunt und sage, daß ich davon noch nie etwas gehört habe. Vielleciht helfen meine blauen Augen und blonden Haare. Wieviel Geld habe ich? Ich soll, was ich über 10 Mark habe, der Winterhilfe geben. Der Zug bewegt sich schon, als ich von dieser Spende im Bahnhof Bentheim zurückkehre. Ein paar Minuten später sind wir an der holländischen Grenze und ich bin frei.

In der Dämmerung eines schönen Sommerabends rollt der fast leere Zug durch das Land der Fahrräder. Sie warten an jeder Schranke. Autos sehe ich selten. Überall gibt es Kanäle und Windmühlen. Holland ist so, wie ich es mir vorgestellt habe. Langsam sammle ich meine Gedanken. Ich bin jetzt ein Auswanderer, ein Fremdling, aber warum? Was treibt mich? Ist es die Tatsache, daß zwei meiner Brüder schon heraus sind und ich es ihnen nachmache? Warum will Vater, daß ich zurückkehre, während er selbst für die ganze Familie Anstrengungen unternimmt auszuwandern?

In Utrecht treffe ich, wie geplant, Herrn Farrow. Die Wagen der Züge von Baden-Baden und Berlin fahren als ein Zug weiter. Wir essen im Speisewagen. Bald erreicht der Zug Hoek van Holland, wo wir auf die Fähre steigen. Ich kann nicht schlafen und verbringe den größten Teil der Nacht auf Deck. Paßkontrolle, der Zug nach London, Bahnhofswechsel, Ankunft in Chichester in der Shire of Sussex an Englands Südküste, das Haus im Dorf Old Bosham an einer flachen Bucht des Ärmelkanals - alles geschieht wie in einem Traum.

Das moderne Haus gleicht einer Radiostation auf einer verlassenen Insel. In der Tat, jeden Abend bis in die frühen Morgenstunden quietscht und pfeift es aus dem Schlafzimmer des Hausherrn, der mittels Kurzwellen mit Schiffen auf hoher See in Kontakt ist. Zweimal am Tag füllt sich die Bucht mit Wasser. Die Gezeiten bringen große Unterschiede, eine Neuigkeit für mich, denn die Ostsee hat keine Gezeiten, und in Schottland sind sie nicht so stark. Es gibt keinen Sand, nur schlüpfrige Steine, auf denen man leicht ausrutscht. Ich helfe in dem kleinen Garten, wasche den automatischen Daimler, den ich, obwohl dazu aufgefordert, nicht in die Garage zurückfahre. Ich versuche, mich allgemein nützlich zu machen. Mein Gastgeber und seine Schwester sind alt und nicht an junge Gesellschaft gewöhnt. Nach zwei Wochen fühlen sie sich ganz erlöst, wenn ich von Phillip und Daphne Horner, Freunden meiner Eltern, nach Esher in der Nähe von London eingeladen werde.

Phillip hat uns vor Jahren in Königsberg besucht. Meine Bemühungen, nicht nach Deutschland zurückgeschickt zu werden, beginnen. In dem schönen Haus in Esher gibt es noch weniger für mich zu tun. Ich fahre einige Male nach London, treffe Familienfreunde. Ich spiele zum ersten Mal auf einem Grastennisplatz, dazu noch in Wimbledon. Mit dem Fahrrad besuche ich Grete Giedat, meine Klavierlehrerin in Königsberg, die in England ist, um englisch zu lernen, aber vielleich auch mit der Absicht, dort zu bleiben, weil ihr jüdischer Freund Ernst Cohn nach Australien ausgewandert ist. Sie reist vor Kriegsausbruch mit einem der letzten Züge nach Deutschland zurück. Wir werden wieder zusammentreffen zwölf Jahre später in Köln bei meinem ersten Nachkriegsbesuch.

Nach zwei Wochen kehre ich auf ein paar Tage nach Old Bosham zurück, um meine Sachen zu holen. Meine Brüder haben sich bereit erklärt, mich für ein paar Tage bei sich zu haben. Am Tag, an dem Deutschland und Rußland ihren Nichtangriffspakt unterschreiben, reise ich mit dem Zug nach Glasgow. Bruder Uwe arbeitet in einem technischen Büro als Zeichner. Er hat ein kleines Zimmer in Rutherglen, einem Arbeiterbezirk von Glasgow mit langen Reihen von Terrassenhäusern, kaum einem Baum, viel Rauch und Ruß. Ich habe nichts zu tun und wandere tagsüber in den Straßen herum, während Uwe bei der Arbeit ist. Wir haben wenig Geld, gerade genug für Wohnung und Essen. Die zehn Mark, die ich aus Deutschland mitnehmen durfte, sind schon lange ausgegeben. Dazu kommt noch, daß sehr sorgfältig gespart wird für den Fall, daß Vater herauskommt und die Familienauswanderung realisiert wird.

Das britische Passkontrolbüro ladet Fritz Radok am 9. August, 1939 ein, seinen Pass einzureichen

Endlich kommt die Nachricht, daß australische Visen für die ganze Familie bereit sind und Vater in England einreisen kann. Erst jetzt kann er einen Reisepaß beantragen. Die australischen Visen sind bis zum 10. Mai 1940 gültig. Wir müssen 1,000 Australische Pfund mitbringen. Diese Summe, als Zusatz zu den Fahrkosten für die ganze Familie, ist unvorstellbar hoch. Es ist sehr schwer, Devisen aus Deutschland mitzunehmen. Auch befindet sich Vaters Geld seit der "Reichskristallnacht" auf einem Sperrkonto, was bedeutet, daß jede Summe, die er abheben will, zuerst beantragt und genehmigt werden muß. Diese Verzögerungen sind in diesem Augenblick kritisch. Wieviele Beamte sind in diesen Tagen mit dieser systematischen Ausraubung der Juden beschäftigt? Was denken sie selbst, während sie diese "Gesetze" ausführen?

Ich bin mit einem Besuchervisum, meine Brüder sind mit zeitbegrenzten Visen in England. Es ist jeder Zeit möglich - sollte die Bureaukratie schnell handeln können - daß der eine oder andere von uns, am wahrscheinlichsten ich, plötzlich zurückgeschickt wird. Wir sind keine Juden und in England nicht als Flüchtlinge, zum Teil, weil ein Antrag auf Flüchtlingsstatus große Verzögerungen oder sogar Ablehnung der Visen mit sich bringen kann.

Während der politische Himmel sich verdunkelt und die ersten Zeichen eines deutschen Angriffs auf Polen erscheinen, diskutieren Uwe und Jobst, wo wir alle drei zusammen Unterkunft finden können, bis sich die Lage, wie auch immer, geklärt hat. Schon lange sind meine Brüder im Kontakt mit einem Flüchtlingskomitee in London, dessen Sekretärin Miss Clapham sich um unsere Angelegenheiten und Vaters Ausreise bemüht. Aber alle diese Organisationen sind überarbeitet, und schnelle Entscheidungen sind nicht zu erwarten.

Am Freitag, 1. September 1939, greift Deutschland Polen an. Man sagt, daß es am Wochenende geschieht, wegen des bekannten, traditionell langen Wochenendes der Engländer. Jobsts Freunde Pennyman, die in der Nähe von Middlesborough auf dem Lande in einem großen Haus leben, haben sich bereit erklärt, uns für die kritische Periode aufzunehmen. Aber Middlesborough ist weit weg von Glasgow. Herr Rogerson, ein Freund von Uwe, schlägt vor, daß er uns über Nacht mit seinem Auto dort hinfahren wird, weil eine Zugreise wahrscheinlich zu unserer Verhaftung führen würde. Natürlich weiß niemand, welche Form der Krieg annehmen wird.

Auf der Fahrt durch die verdunkelte Landschaft werden wir oft von nervösen Luftschutzwarten angehalten. Sogar die Reaktion der Englischen Regierung auf diesen Friedensbruch ist schwer vorauszusagen, denn die Erinnerungen an Österreich, die Tschechoslowakei und das Memelgebiet sind noch zu frisch. Auch der Pakt zwischen Deutschland und Rußland hat die Situation nicht vereinfacht, weil man vielleicht bis vor kurzem die Idee hatte, daß Hitler das "kommunistische Problem" auf seine ganz andere Weise, und für die übrige Welt lösen würde. Und wahrscheinlich sind seine bisherigen Erfolge dadurch zu erklären, daß kriegerische Reaktionen Englands, Frankreichs und der Vereinigten Staaten aus diesem Grund ausblieben.

Vor Tagesanbruch des 2. September 1939 erreichen wir bei Morgengrauen unser Ziel und warten für eine Weile im Park vor dem herrschaftlichen Wohnhaus, bis wir es für angemessen halten anzuklopfen. Als der Butler die Tür öffnet, ist es klar, daß neue Erfahrungen vor uns liegen, wie lange auch immer sie dauern mögen. Am Frühstückstisch treffen wir unsere Gastgeber, die für Jahre Flüchtlingen von der republikanischen Seite des Spanischen Bürgerkrieges ihr Dach angeboten haben.

Wir werden sehr rücksichtsvoll behandelt. Das Fenster meines Zimmers geht auf den Park hinaus, hinter dem der Himmel während der ersten Nacht noch die Lichter der Stadt Middlesborough reflektiert. Morgens serviert der Butler Tee im Bett, eine alte englische Sitte. Das Frühstück ist ein großes Buffet mit einer Auswahl von Köstlichkeiten. Wieder gibt es nichts für mich zu tun, sodaß ich zuviel Zeit für Gedanken an die Eltern und die zurückgebliebene Schwester habe. Wir dürfen den Park nicht verlassen, erhalten aber eine spezielle Erlaubnis, wenn für die Rebhuhnjagd Treiber gebraucht werden und wir uns für diese Tätigkeit freiwillig melden. Es ist kaum zu glauben, daß Krieg ist. Ich erinnere mich an ein deutsches Buch "Luftkrieg", das ich im letzten Jahr las. Paris und London wurden da in den ersten Stunden dem Boden gleichgemacht. In Wirklichkeit scheint es ganz anders auszusehen.

Regelmäßig versammeln sich alle Bewohner, um den Nachrichtendienst der Britischen Broadcasting Corporation (BBC) zu hören. Am Sonntag Morgen, den 3. September 1939, um 11 Uhr, wird der Primeminister Neville Chamberlain zur Nation sprechen. Vorher hat man bereits über die Invasion von Polen und die Bombardierung von Warschau berichtet. Frankreich und England haben Ultimaten nach Berlin geschickt, die unbeantwortet bleiben, sodaß der Inhalt der Rede Chamberlains praktisch schon bekannt ist. Alle sind sehr ernst und in Gedanken versunken, während sie auf Chamberlains Rede warten. Der Hausherr, ein Invalide des Ersten Weltkriegs, verheiratet mit der Krankenschwester, die ihn viele Jahre pflegte, mehrere Flüchtlinge aus dem Spanischen Bürgerkrieg und wir drei, Füchtlinge vor deutscher Rassenverfolgung, sitzen und warten. Chamberlain schließt seine Ansprache mit den Worten "und jetzt ist dieses Land im Krieg mit Deutschland", wonach "God save the King" gespielt wird. Alle stehen auf und ich bemerke beeindruckt wie in diesem Augenblick auch der alte Hund vor dem offenen Kamin sich langsam erhebt.

Von meinem Schlafzimmer aus sehe ich schon am Sonntag die Luftabwehrballons über Middlesborough. Eines Abends, während eines Gewitters, wird einer vom Blitz getroffen und fällt brennend zur Erde. Wir hören, daß vor nur wenigen Wochen mehrere solcher Ballone sich losgerissen haben und in Deutschland aufgefangen wurden. Sie wurden mit den Komplimenten von Hermann Göring zurückgeschickt.

Warschau zerstört, Danzig schwer beschädigt, Gdingen in Ruinen. Jeden Tag bringen die Zeitungen diese Nachrichten mit Einzelheiten, die weit über den Erfahrungen des allgemeinen Leser liegen und daher unverständlich sein müssen. Heute scheint es mir, als ob dieses mikroskopische Berichten mehr Unterhaltungs- als Informations-Zwecken dient. Die Zeitungen lesen sich wie historische Romane. Und es hat erst gerade angefangen.

Von der Mobilmachung Englands merken wir wenig oder garnichts. Wir sind praktisch bereits Gefangene. Am Sonnabend, 23. September 1939 werden wir von unserem Gastgeber informiert, daß man nach "sorgfältiger" Untersuchung unseres Falles und Kontakt mit dem Home Office, dem englischen Innenministerium, beschlossen hat, uns als feindliche Ausländer zu internieren. Ich kann nicht verstehen, wie sie zu dieser Entscheidung gekommen sind. Wahrscheinlich ist es wieder das Resultat des nicht der jüdischen Religion Angehören und bestimmt auch unseres Mangels an Kontakt mit einflußreichen Leuten. Auf der anderen Seite ist es wahr, daß endlich etwas geschieht. Die Frage unserer Zukunft muß auf eine Entscheidung warten. Wir können jetzt planen, was als nächstes zu tun ist. So eine Einstellung mag sonderbar klingen, aber durch die nächsten Jahre, wenn viele ungünstige Entscheidungen kommen, führen solche Umstände immer zu Aktivität, und damit verbunden zu Hoffnung.

Noch eine Nacht mit weißen Bettlaken allein in einem Zimmer, noch ein Morgentee im Bett, noch ein Frühstück mit einer Auswahl von gebackenen Tomaten, geräucherten Heringen, Speck, Eiern jeder Art, gebratenen Nieren, Würstchen, Tee, Kaffee. Wie schnell man sich doch an was auch immer gewöhnt. Was erwartet uns heute Abend?

Wir werden von einem Auto mit zwei Beamten abgeholt. Unser Gastgeber verspricht uns Hilfe mit jeglichen Versuchen, unseren Status zu ändern und unsere Freiheit zu erwirken. Der Kampf mit der Bürokratie, dem Phantom des Lebens, beginnt.