VIII. Meine Erziehung

Königsberg/München 1926 bis 1939

Der Ernst meines Lebens beginnt im Alter von sechs Jahren in der privaten Vorschule der Fräulein Densch und von Brandt in der Hardenbergstraße, die ich nach zwanzig Minuten Trödeln entlang der im Sommer und Herbst von Bäumen beschatteten Körteallee mit einem Reitweg in der Mitte erreiche. Die Schule ist untergebracht in einer Etagenwohnung mit einem langen Gang, in dem die Schuhkisten der Kinder stehen und der auch als Strafplatz für Ungehorsame dient. Nicht selten finde ich dort einen Platz. Während der Morgenpausen, wenn das Wetter es erlaubt, spazieren wir Schüler in Paaren die Straße auf und ab. Kopfrechnen ist meine Stärke, sodaß ich oft Preise gewinne, die ausgesetzt werden, um unser Interesse zu fördern.

Im Jahr 1930 ziehe ich planmäßig ins Hufengymnasium um, wo meine Brüder bereits dienen. Der Marsch in die Schule braucht jetzt eine halbe Stunde ohne Trödeln. Jedoch gibt es entlang der Hufenallee viel mehr zu sehen. Viele der Lehrer sind Veteranen des Ersten Weltkrieges und scheinen wenig Sinn für Humor zu haben. Ich habe schon instinktiv erkannt, daß dieser Sinn unentbehrlich ist, wenn man überleben und seine Unabhängigkeit behalten will. Ihre Versuche, mir Latein, Französisch und Griechisch beizubringen, sind durch wenig Erfolg gekrönt. Hauptsächlich weil ich jetzt, wie auch später, anscheinend unfähig bin "Vokabeln zu lernen". Der Gebrauch von Lexika in Unterricht und Prüfung ist wohl logisch, aber nicht gestattet. Nur durch Absehen verzögere ich das unvermeidliche Sitzenbleiben bis zur Untersekunda im Jahr 1936.

Die jüngeren Lehrer sind beliebter, wechseln aber schnell. Arbeitslosigkeit greift um sich und erfaßt auch den Lehrerberuf. Der Nationalsozialismus findet auch bei den Lehrern eine Basis. Nach 1933 singen wir nicht mehr "Deutschland, Deutschland über alles", sondern "Die Fahne hoch". Jüdische Mitschüler, ursprünglich beneidet, weil sie, wie die Katholiken, nicht am Schulreligionsunterricht teilnehmen müssen, verschwinden von einem Tag zum anderen. Die Schule verliert aus politischen Gründen ihren verehrten Direktor Alfred Postelmann, allgemein bekannt als ungewöhnlicher Pädagoge und Naturforscher.

Eines Tages fragt Bruder Uwe beim Mittagessen, was ein Jude sei. Er sagt, daß ein Junge ihn einen Juden genannt und er ihm geantwortet hätte, daß er keiner sei. Ich kann mich nicht an die Antwort meiner Eltern erinnern. Aber das Thema unseres jüdischen Hintergrundes wird nie erschöpfend behandelt und ich muß in der Zukunft meine Ideen dazu so gut wie möglich improvisieren.

An Donnerstagen kommt Vater nicht nach Hause zum Mittagessen. Er geht zu seinem Stammtisch mit Gutsbesitzern in der Weinstube Steffens & Wolter, Kneiphöfische Langgasse 27. Am Abend erzählt er dann oft politische Witze, die natürlich mit der Regierung zu tun haben. Zum Beispiel, beschreibt er wie Adolf Hitler und Hjalmar Schacht, der Architekt des Endes der Inflation und Hitlers Reichsbank-Präsident und Reichswirtschafts-Minister, immer noch nicht von vielen als Nazi identifiziert, sich über den Unterschied zwischen einem arischen und nicht-arischen Geschäftsmann unterhalten. Um Hitler den Unterschied klar zu machen, gehen sie in ein "arisches" Geschäft und verlangen einen Bierkrug. Der Händler stellt einen Krug mit seiner rechten Hand auf den Ladentisch. Schacht sagt dann, daß der Griff auf der falschen Seite sei, weil er einen Krug für einen Linkshänder brauche. Darauf bedauert der Mann, daß er so etwas im Augenblick nicht habe, aber bestellen könne. Danach gehen sie in ein nicht-arisches Geschäft, wo sich fast dasselbe wiederholt, nur daß der Händler auf Schachts Bemerkung hin den Krug unter den Ladentisch hält, in die andere Hand wechselt und dann zurückstellt. Schacht bezahlt und, nachdem sie den Laden verlassen haben, sagt zu Hitler: "Verstehen Sie nun, mein Führer?" worauf Hitler antwortet: " Ja, er hatte einen solchen Krug vorrätig, Herr Reichswirtschaftsminister."

Mutter besucht bisweilen ihre alte Lehrerinnen-Seminar-Vorsteherin Fräulein Krause. Sie unterhalten sich über Hitlers "Mein Kampf". Am Abend berichtet sie dann Fräulein Krauses Meinung mit den Worten der Lehrerin: "Er war wohl noch sehr jung, als er das geschrieben hat."

Ich bin nicht sicher, daß Mutter dieses Buch gelesen hat oder, wie ich selbst, den Versuch es zu tun nach wenigen Seiten aufgegeben hat. Wie mit unserer Abstammung, hinterlassen solche Unterhaltungen, wenigstens bei meiner Schwester und mir selbst, zuviel ungeklärte Probleme. Wir waren wohl zu jung, um sie ohne Hilfe verstehen zu können. Aber der Mangel an Erklärungen ließ uns unvorbereitet für die Zukunft.

Ich verliere die Krone eines der an Bruder Uwes zwölften Geburtstag beim Eisenbahnspielen in der Diele verlorenen  Vorderzähne, als ich in einer Straße in Ratshof von Buben angehalten werde. Vater, als Direktor von Steinfurt, ist dort wohlbekannt. Mit meinem Freund Lothar Dyck argumentiere ich, daß man anscheinend Religion und Volk verwechselt, kann aber bei ihm wenig Verständnis für diese Meinung finden. Später tritt er in die SS ein und unsere Wege trennen sich bis wir uns mehr als dreißig Jahre später durch meine Initiative in Aschaffenburg wiedertreffen, wo er seine medizinische Praxis hat.

Die Schule findet neue Wege, uns zu beschäftigen. Wir versammeln uns in der Aula, um die vielen Ansprachen der Parteiführer zu hören, die jetzt durch das Radio allen zugänglich gemacht werden müssen. Die Wochenende werden für "Kriegsspiele" benutzt. Bei vielen Gelegenheiten müssen wir an der Straße stehen, wenn wichtige Personen vorbeikommen. Die Frequenz dieser Besuche scheint zu wachsen, nachdem Ostpreußens Gauleiter Erich Koch in das von einem Juden unserem Hause gegenüber gebaute Haus zieht. Unser Stadtteil wird dann öfter das Ziel von Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und anderen Parteigrößen. Wenn sie da sind, finde ich beim Heimkommen von der Schule die Straße gesperrt und erhalte erst Erlaubnis zu passieren, nachdem ich erklärt habe, wo ich wohne.

Einmal werde ich an der Ecke Hammerweg-Lawsker Allee auf der Straße von Hitlerjungen angehalten, weil ich keine Uniform trage, und werde gefragt, warum dem so sei. Dieses Mal verliere ich dabei keinen Zahn. Aber im großen und ganzen geht für mich und meine Schwester das Leben weiter wie zuvor. Die ungewissen Sorgen im Haus, die ich in diesen Jahren fühle und nicht erklären kann, tragen sicher mehr zur inneren Unruhe meiner Schwester und meiner selbst bei als die äußeren Bedingungen.

Vater behält, trotz mehrerer Versuchen seit 1933 seine Entlassung zu verursachen, seine Stellung als kaufmännischer Direktor der Waggonfabrik Steinfurt. Am Ersten Mai, dem "Tag der Arbeit", den man wohl von der Arbeiterbewegung entlehnte, weil an diesem Tag sowieso gefeiert wurde, marschiert er mit der Belegschaft, geht mit ihr danach feiern und wird einmal um drei Uhr morgens nach Hause gebracht, wobei die Blaskapelle, begleitet von den gerade erwachenden Vögeln, ihm ein Ständchen mit "Freut Euch des Lebens" bringt, . Er schlägt dann vor, daß man erst seinen Kollegen, den technischen Direktor Paul Zollitsch, nach Hause bringen müsse. Als Resultat erschallt dieselbe Musik vor unserem Haus ein zweites Mal eine Stunde später .

Es gibt keine plötzlichen Wechsel nach dem ersten Schock von 1933, aber vielleicht ist die Tendenz für die Erwachsenen klar. In den folgenden Jahren verlassen viele jüdische Familien Königsberg. Grete Simon, die Bewunderin meiner Mutter in Elbing, die seit Jahren in Königsberg als Augenärztin tätig und inzwischen durch Freundschaft mit der Familie verbunden ist, wandert 1935 nach den Vereinigten Staaten aus. Bis zu ihrer Auswanderung verbringe ich viele Stunden bei ihr. Sie wird später eine wichtige Rolle bei der Auswanderung der Eltern spielen. Auswanderung ist bereits sehr schwierig und nur wenige Leute landen an denselben Plätzen. Palästina, England, Amerika, Australien, aber auch Südafrika, Shanghai und Südamerika sind ihre Ziele. Die Nünberger Gesetze von 1935 beschleunigen diese Entwicklung. Trotzdem glauben viele Leute noch nicht, daß sie selbst betroffen werden können. Unter ihnen ist Vater, der allerdings nicht mehr, wie früher, öffentliche Ämter bekleidet und gesellschaftlich in Erscheinung tritt.

Die älteren Brüder verlassen einer nach dem anderen Königsberg. Christoph studiert Maschinenbau seit 1932 an der Technischen Hochschule in München . Uwe will sich auf Flugmeteorologie spezialisieren und sein Studium nach einigen Semestern an der Albertina an der Technischen Hochschule in Darnstadt beenden. Jedoch wird er von seinem ausgewählten Professor aus rassischen Gründen abgelehnt und sattelt um in den Flugzeugbau. Er geht 1935 auch nach München. Jobst verläßt das Gymnasium vorzeitig und beginnt 1933 seine kaufmännische Lehre unter Vater bei Steinfurt. Nach 1936 arbeitet er in der Industrie in Essen im Ruhrgebiet. So bleiben Gundula und ich allein im Hause mit den Eltern, und ich allein im Hufengymnasium, bis ich sitzenbleibe. Oberstudienrat Postelmann, der öfters abends von seinem Haus in der nahen Regentenstraße auf Besuch kommt, schlägt vor, daß ich ins Löbenichtsche Realgymnasium umziehen soll, wo er jetzt selbst tätig ist. Ich muß so einige Jahre Englisch nachholen und werde 1936 für die Sommerferien nach Schottland geschickt, nachdem der jüngere Bruder Douglas von Uwes Freund Jan Brown den Sommer 1935 bei uns verlebte. Ich fahre mit dem Fahrrad von Glasgow nach Norden, schlafe in Zelten, erlebe Gezeiten und sehe Loch Ness aber nicht das Ungeheuer. Ich komme mit genug englischer Sprachkenntnis zurück, um 1938 das Abitur ohne Überanstrengung zu bestehen.

Nach dieser Reise verfasse ich mein erstes Buch, das ich sorgfältig mit der Hand schreibe und Vater zu Weihnachten schenke. Mag sein, daß für mich in diesen Jahren die allgemeine Atmosphäre nicht günstig zum Lernen ist. Ich habe, mit Unterstützung von Uwe, nur Interesse an Mathematik, und bin soviel wie möglich aus dem Haus.

Die Nürnberger Gesetze des Jahres 1935 verbieten die Beschäftigung "arischer Frauen" unter einem Alter von 50 Jahren in Haushalten mit jüdischen Männern. So beginnt die gesetzmäßige Quälerei, die ihren Höhepunkt in den Vernichtungslagern finden soll. Es wird für die Eltern immer schwerer, passende Hausangestellte zu finden und oft müssen Gundula und ich Hausarbeit verrichten. Das Haus ist immer noch groß genug nach einem Umbau, der drei Etagenwohnungen mit eigenen Eingängen schaffte und wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen nötig war.

Bei jeder Gelegenheit gehe ich im Winter Skilaufen am Fürstenteich, in Luisenwahl oder am Veilchenberg, und spiele im Sommer Tennis auf einem öffentlichen Platz am Hammerweg, meistens unbewußt mit älteren Juden, bis Oberstudienrat Postelmann am Tennisplatz auf dem Fahrrad vorbeikommt und mir danach rät, davon abzusehen, bis ich das Abitur hinter mir habe. Ein erster Sommeraufenthalt in den Alpen in Mittenwald 1934, obwohl von Gundula und mir sehr erwünscht, wird eine Enttäuschung, teilweise wegen unserer Sehnsucht nach der Ostsee. Jedoch hinterläßt das Deutsche Museum in München einen tiefen Eindruck. Vielleicht haben wir herausgefunden, daß für uns Flachländler das Atmen in tiefen Tälern schwer ist. 1937 begleiten wir die Eltern zum ersten Mal zum Skifahren in die Alpen, und zwar nach Oberstdorf im Allgäu.

Zu jedem Weihnachtsfest und manchen Ferien kehren die Brüder nach Königsberg zurück, bisweilen in der Gesellschaft neu erworbener Freunde, die keine Angst vor Kontakten mit Nichtariern haben oder über unseren Hintergrund nicht informiert sind. Vor 1933 leben englische Universitätslehrer mit uns für mehrere Jahre, hinterlassen aber unter uns wenig sprachliche Fähigkeiten. Einer von ihnen ist Jack Longland, einst Mitglied einer Mount Everest Expedition und nach dem Kriege in England und Australien weit bekannt durch das BBC Radioprogramm "My Word".

Silberne Hochzeit auf Skis in Hirschegg im Kleinen Walsertal, 24. März 1938

Weihnachten 1937 bringt die ersten Anzeichen einer Auswanderung. Vater fotografiert jedes Kind mit seiner altmodischen Kamera, mit der er schon in Afrika Aufnahmen machte. Man spricht von der Silbernen Hochzeit der Eltern am 24. März 1938, die im Ifenhotel in Hirschegg im Kleinen Walsertal außerhalb Oberstdorf gefeiert und mit einem Skiurlaub verbunden werden soll. Man "spielt immer noch Violine, während Rom brennt". So ein Unternehmen mit acht Personen kostet beträchtliches Geld! Gundula und ich reisen allein dorthin, nach dem ich das Abitur bestanden habe, und treffen den Rest der Familie mit Jobsts mutiger Freundin Anneliese. Zum letzten Mal bringt Herr Lemke Gundula und mich zum Bahnhof. Wenige Wochen später verliert schliesslich  Vater nach 23 Jahren Tätigkeit seine Stellung bei Steinfurt und damit sein Dienstauto mit Chauffeur.

Hirschegg liegt im österreichischen Hoheitsgebiet, ist aber unter deutscher Verwaltung, weil im Winter die Pässe durch Schnee gesperrt sind. Am 13 März 1938 wird Österreich "angeschlossen" und die Anzahl der auswanderungsbedürftigen Juden und Antifaschisten unter deutscher Aufsicht nimmt astronomisch zu. Wir merken garnichts davon. Es ist, als ob man noch in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebt, in dem die Leute in einem Tal nichts von dem wußten, was im nächsten Tal geschah. Am Ende der Hochzeitstagsfestlichkeiten nimmt mich Bruder Uwe nach München, um mich an der Technischen Hochschule zu immatrikulieren. Die anderen Familienmitglieder kehren zurück zu ihrer Arbeit, und Vater zu seiner Entlassung.

Ahnennachweis an Münchens Technischer Hochschule

Studiengelegenheiten für "Halb-arier" sind beschränkt. Ich muß bis zum letzten Tag vor Beginn der Vorlesungen warten, bis ich zugelassen werde mit einer gelben Studentenkarte, die meine "rassische" Abstammung andeutet. Vom ersten Tag an arbeite ich schwer. Alles Material interessiert mich. Vielleicht will ich zeigen, daß nur die Bedingungen in Königsberg meine Selbstmotivierung hemmten. Das erste Semester geht schnell vorüber. Ich werde aufgefordert, für ein Wochenende an einem Orientierungslager des N.S.-Studentenbundes teilzunehmen. Ich entdecke, daß die Teilnehmer vorwiegend aus wohlhabenderen Familien kommen, daß sie glaubten, sich von dieser Organisation fernhalten zu dürfen, und daß keiner der Teilnehmer irgendeinen Schritt unternommen hatte, dem Bund beizutreten. Nach Vorträgen wird jeder einzeln verhört. Als man sieht daß die Farbe meiner Studentenkarte gelb und nicht braun ist, ist man verlegen, fordert mich auf, das Lager zu verlassen, und entschuldigt sich sogar. Bei dieser Gelegenheit finde ich heraus, wie meine Abfahrt von manchen mit Neid konstatiert wird wie einst das Nichtteilnehmen der Juden und Katholiken am protestantischen Religionsunterricht.

Ende Juni 1938 kehre ich nach Königsberg zurück, um die für mein Studium vorgeschriebene praktische Arbeit in einer privaten Autogarage und in der Werkstatt der Deutschen Reichsbahn abzuleisten. Früher haben meine Brüder bei Steinfurt gearbeitet, aber das ist seit Vaters Entlassung nicht mehr möglich. Seine Beziehungen haben mir jedoch diese Gelegenheiten eröffnet.

Zu Hause hat sich viel geändert. Die Vorbereitungen für die Auswanderung gehen weiter, aber alles geschieht gemächlich, als ob Zeit keine Rolle spielt. Nach seiner Entlassung sieht sich Vater plötzlich gezwungen, mit der Tatsache fertig zu werden, daß er nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 nicht mehr Reichsbürger sein soll. Er muß seinen Vornamen Emil, Otto und Fritz den Namen Israel beifügen und erhält keine Erlaubnis, stattdessen seines Vaters Namen Elias anzunehmen. Wie viele Leute nehmen teil an der Ausführung dieser lächerlichen Quälereien? Wer denkt sich diese Methoden aus? Hat man in der Bürokratie nichts besseres zu tun? Hat die Bevölkerung keine Scham, so etwas im Namen des eigenen Volkes geschehen zu lassen?

Noch immer kann Vater nicht glauben, daß er von der "Wiedergeburt Deutschlands" ausgeschlossen sein soll, denn in seinem Herzen unterstützt er viele der nationalistischen Ideen dieser Zeit, die das Unrecht des Versailler Vertrages, die Trennung Ostpreußens vom Reich und andere ähnliche Probleme betreffen. Die historische Tatsache der mehrmaligen Teilung Polens, die eng mit dem "Polnischen Korridor" verbunden ist, spielt so wenig eine Rolle in diesem Denken wie in späteren Jahren historische Tatsachen bei Grenzziehungenen in anderen Teilen der Welt. Polnische Staatsangehörige werden als "Pollacken" bezeichnet. Die Unwilligkeit, irgendeine Notiz von der Existenz des hochkultivierten Warschau, des "Klein Paris", und den kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen der Polen zu nehmen, gründet auf den Vorurteilen, auf denen das allgemeine offizielle Denken, wenn man es so zu nennen wünscht, basiert.

Vater war immer sehr aktiv. Die Fabrik und ihre Aufgaben waren sein Leben. So war er sehr stolz darauf, daß unter seiner Führung Steinfurt die vergangene Wirtschaftskrise überlebte, während die Union-Gießerei unter seinem Schwager Max Hartung in Konkurs ging. Er findet es schwer, sich selbst zu beschäftigen, und ist noch nicht bereit, sich der Aufgabe zu widmen, ein Ausländer zu werden.

Im Sommer 1938 geht Bruder Uwe, der nach Abschluß seines Studiums keine Anstellung im Flugzeugbau finden kann, nach Glasgow, wo sein Freund Jan Brown ihm eine Stellung als technischer Zeichner besorgt hat. Bruder Jobst leistet Arbeitsdienst in einem Moor in der Nähe von Königsberg. Findet danach auch keine Arbeit und folgt Uwe im Frühjahr 1939 nach Schottland, um als Dollmetscher bei der Aufstellung deutscher Maschinen in einem Kohlenbergwerk bei Dumferline zu wirken. Mit Vaters Hilfe wird er vom Militär zurückgestellt. Bruder Christoph geht 1938 freiwillig in die Luftwaffe, allerdings nicht als Offizier. Er erwartete, eingezogen zu werden, und hat auf diese Weise wenigstens die Wahl, in welchem Teil der Streitkräfte er dienen wird. Die Grenzziehung zwischen Ariern und nicht-jüdischen Nicht-ariern ist kompliziert. Es ist innerhalb wie auch außerhalb Deutschland schwer, klassifiziert zu werden. Die Taufe der Familie Radok im Jahr 1902 hat die Lage nur verwirrt.

Ich arbeite in einer kleinen Garage und genieße sehr das Wohnen in dem schönen Haus und im Garten nach den Monaten in einem Zimmer in München. Es gelingt mir sogar, einige Male Nidden zu besuchen. Die zweite Hälfte dieser Arbeitsferien verbringe ich in der Werkstatt der Deutschen Reichsbahn, zuerst als Schlosserlehrling, dann bei der Reparatur von Lokomotiven. Ich feile Gußeisen und versuche, einen gefalzten Eimer wasserdicht zu machen. Als Höhepunkt der Arbeit fahre ich mit einer D-Zuglokomotive Probe, 100 Kilometer vorwärts und 100 Kilometer rückwärts.

Es ist die Zeit von Chamberlains und Daladiers Besuchen in München, Berchtesgaden und Bad Godesberg. Furcht ergreift das Land. Im kritischen Augenblick, als Krieg unvermeidlich zu sein scheint, ruft der Direktor der Eisenbahnwerkstatt die ganze Belegschaft in einer großen Montagehalle zusammen und spricht über die allgemeine Lage. Er deutet an, daß "Ruhe die erste Bürgerpflicht" sei, und jeder sich auf das Schlimmste vorbereiten soll. Als er die Versammlung schließt, verlassen alle die Halle mit gesenkten Köpfen und in die eigenen Gedanken versunken. Ganz sicher gibt es dieses Mal keine Kriegsbegeisterung, wie sie den Ausbruch des Ersten Weltkrieges begleitet haben soll.

Zum ersten Mal sollen alle Häuser vollkommen verdunkelt werden; aber nur wenige nehmen die Vorschrift ernst. Ich fülle den Raum zwischen den Doppelfenstern in meinem Zimmer mit Zeitungspapier, weil es wahrscheinlich nur für einige Nächte sein wird. Am Abend spielen die Scheinwerfer der Flak am Himmel mit den eigenen Flugzeugen. Als endlich die Kriegsgefahr vorüber ist, fühle ich die Entspannung der Bevölkerung durch meinen Kontakt mit der Belegschaft der Eisenbahnwerkstätten.

Ich kehre im Oktober 1938 für das zweite Semester nach München zurück. Ich treffe dort Anfang November mit den Eltern und Jobst zusammen. Nach Bendigung seines Arbeitsdienstes sind sie zum ersten Mal mit einem eigenen Auto von Ostpreußen durch den Polnischen Korridor gefahren. Vater hat seit seiner Entlassung Autofahren gelernt, nachdem sein erster Versuch in London im Jahre 1910 scheiterte, als er einen Autobus rammte. Sie halten sich für ein paar Tage am Tegernsee auf und kommen auf dem Rückweg durch München am Morgen nach der "Reichskristallnacht". Ich trenne mich von ihnen in der Nähe von Nymphenburg und wandere durch die Innenstadt, wo Vorhänge aus zerschlagenen Ladenfenstern wehen, Glas in großen Mengen auf den Straßen liegt, Autos mit SA Männern Gefangene transportieren, die Trümmer der niedergebrannten Synagoge in einer Seitenstraße hinter Münchens größten Hotel "Vier Jahreszeiten" noch rauchen und im übrigen die Straßen ungewöhnlich leer sind. Zum ersten Mal bin ich Augenzeuge des Terrors, für den Deutschlands augenblickliche Herrscher ihren internationalen Ruf erworben haben. Bisher sollen es einzelne Episoden gewesen sein, aber dieses Mal ist das ganze Reich von dieser unsinnigen Selbstzerstörung ergriffen. Der Vorwand: Ein junger Jude in Paris erschießt Ernst von Rath, ein Mitglied der Deutschen Gesandtschaft in Paris, als seine Eltern von Hannover ins Gebiet zwischen der Deutschen und Polnischen Grenze deportiert werden und in einem Zug dort stecken bleiben.

Vater blieb nach dem Pogrom in Berlin, als er von Königsberg hörte, daß die Geheime Staats Polizei (GESTAPO) nach ihm suche. Königsberg nimmt natürlich auch an dem Ereignis teil. SA-Männer besuchen das jüdische Altersheim in der Regentenstraße, nicht weit von unserem Haus, das vor nur wenigen Jahren mit den Ersparnissen seiner Insassen und Beiträgen der jüdischen Gemeinde erbaut wurde. Die alten Frauen und Männer, unter ihnen Freunde von uns, werden mitten in der Nacht aus den Betten geholt und dürftig bekleidet in die kalte Novembernacht gejagt. Mehrere suchen Unterkunft in unserem Haus, aber niemand ist da, um sie zu empfangen.

Weihnachten 1938 fahre ich wieder zurück nach Königsberg. Als ich Königsberg erreiche, sind schon viele der Arrestierten entlassen. Vater kehrte einige wenige Tage vor mir zurück und wird nicht weiter behelligt. Im Zug von München nach Berlin treffe ich Norah Trangmar, eine englische Sängerin, die in München studiert und mir in ein paar Monaten hilft, Deutschland selbständig zu verlassen.

Dieses letzte Weihnachten in unserem Haus hat wenig gemeinsam mit den früheren Festlichkeiten. Bruder Uwes Telephonanruf aus Schottland macht für wenige Minuten die Familie komplett. Jedermann scheint seinen eigenen Gedanken nachzugehen. Es wird fast nicht über die augenblicklichen Gefahren gesprochen. Nach dem Abendbrot am Heiligabend verlasse ich das Haus und wandere durch die stillen, tief verschneiten Straßen. Am Pregelfluß beobachte ich an einem Loch im Eis einige Vögel, die jetzt auch ein schweres Leben haben und auf Fische warten. Es fängt an zu schneien. Auf dem Weg nach Hause sehe ich durch die Fenster in das Wohnzimmer meines Freundes Lothar Dyck, wo seine Familie um ihren Weihnachtsbaum versammelt ist. Ich klingele nicht an, da ich schon lange nicht mit ihm gesprochen habe. Ich kehre vor Jahresende nach München zurück.