IV. Eine Provinz sucht neue Bauern

Preußen 1800 bis 1913

Am Anfang des 19. Jahrhunderts verläßt die Familie Vageler Holstein , wo sie für Generationen Land besitzen. Sie kommen ursprünglich aus Holland. Drei Söhne und sechs Töchter sind der Grund für einen etwas eingeschränkten, zukünftigen Lebensstil im Holsteinschen. Hans Vageler beschließt, die Existenzmöglichkeiten in Ostpreußen zu prüfen. Sie scheinen ihm günstiger, weil dort Kriege und Krankheiten die Bevölkerung dezimierten. Er reist mit seinem Verwalter Jagemann über die Ostsee, und pachtet ohne Zögern südlich von Elbing drei Güter, einschließlich Maeken im Kreis Preußisch Holland. Während Jagemann in der Provinz verbleibt, kehrt Hans nach Holstein zurück, um die Auswanderung seiner großen Familie und den Transport seines beweglichen Besitztums und seines Viehs zu organisieren. Alles wird auf einem Segelboot verstaut, zusammen mit der Familie und dem grünen Papagei, den Hans vor langer Zeit von einem Seemann kaufte. Hans selbst reist mit der Postkutsche, um schneller an Ort und Stelle zu sein und die Familie in Elbing empfangen zu können. Sein zweiter Sohn Wilhelm bleibt zurück in Holstein, um erst die Schule abzuschließen.

Grete, Frieda, Gertrud, Ella, Liese und Helene Vageler

Wilhelm Vageler folgt später. Er wird ein Bauer wie sein Vater, heiratet Marie Falkner von einem benachbarten Gut und erhält von seinem Vater die Pachtung des Gutes Maeken. Später wechselt er auf das nahe größere Gut Groß Thierbach über. Beide Güter gehören zum Familienbesitz der Grafen Dönhoff. Wilhelm und Marie haben zwei Söhne, Paul und Hans, und sechs Töchter, Grete, Frieda, Gertrud, die Zwillinge Ella und Liese, und Helene. Meine Mutter Gertrud wird am 30 September 1891 in Maeken geboren.

Gertrud Vageler um 1910

Viele Jahre leben die sechs Mädchen unter der strengen Aufsicht ihres liebevollen zweiten Bruders Hans, dem Lieblingssohn ihres Vaters Wilhelm. Sie besuchen oft das nahe Gut des Großvater, wo das interessanteste eine Volière mit vielen einheimischen und exotischen Vögeln ist, unter denen der grüne Papagei die Szene beherrscht. Die Vögel sind ganz zahm und sitzen auf den Schultern des Großvaters, während er sie füttert. Eine Schildkröte spaziert auf dem Fußboden umher. Es ist ein Paradies auf Erden. Wenn der Großvater in den Wald geht, begleitet ihn sein Eichhörnchen. Es läuft voraus, kommt zurück und hüpft ab und zu in seine große Tasche. Der Großvater veträgt sich gut mit allen ihn umgebenden Lebewesen. Der grüne Papagei spricht zu dieser Zeit nur Plattdeutsch. Als der Großvater stirbt, lernt der Papagei hochdeutsch.

Wilhelm und Marie Vageler mit
Enkelinnen Giesela und Gundula
, um 1925

Die Kinder erhalten ihre erste Erziehung von Privatlehrern auf dem Gut. Ihr Bruder Hans macht sicher, daß die Mädchen pünktlich sind. Nach dem Unterricht lebt Gertrud mit ihren Tieren. Wenn sie später nach Elbing auf ein Internat geschickt wird, vermißt sie am meisten ihre Tiere auf dem Gut. Elbing ist zu weit entfernt, um Besuche an Wochenenden zu erlauben. Bald kennt jeder in Elbing die blonden Vageler-Schwestern. Unter ihren Bewunderern sind die Töchter Grete und Lotte des Elbinger Stadtarztes Simon. Grete wird viele Jahre später eine große Rolle im Leben der Familie Radok spielen.

Hochzeitsphoto von Fritz und Gertrud Radok Königsberg 1913

Gertrud will Lehrerin werden. Sie wird nach Königsberg zum Lehrerinnenseminar von Fräulein Maria Karoline Krause in der Jägerhofstraße geschickt. Eines Tages trifft sie den reichen eleganten Weltmann Fritz Radok. Seine jüngere Schwester Lisbeth beschreibt viele Jahre später wie er zu dieser Zeit ein besonderes Paar Schuhe für jeden Tag des Monats hatte. In einem Brief aus England hält Fritz um Gertrudes Hand an. Er erzählt später seinen Kindern, daß es viel einfacher ist solche Dinge brieflich zu erledigen. Sie heiraten in der Luisenkirche, in Königsbergs Vorort Amalienau, am 24. März 1913.

Luisenkirche 1965