III. Schaffen und Erfolg

Königsberg 1764 bis 1910

Während der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts kommen manche unternehmungslustigen und gut ausgebildeten Einwanderer vom Westen wie auch vom Osten nach Königsberg und in die Provinz Preußen, vielleicht weil sie nicht nach Amerika gehen können oder wollen. Die Pest, die Cholera und die Napoleonischen Kriege haben die Gegend entvölkert. Die Provinz braucht neue Menschen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts, als die Eisenbahn erstmals den Westen und den Osten Deutschlands verbindet, lebt die Provinz fast ausschließlich von der Landwirtschaft. Wirtschaftliche und industrielle Entwicklungen gelten noch wenig in der Politik. Königsberg ist ein wichtiger Hafen für den russischen landwirtschaftlichen Export und jeglichen Import. Bei diesen Entwicklungen spielen Ausländer, besonders Juden, eine führende Rolle als Händler und im sonstigen Erwerbsleben.

Daniel Itzig

Im Jahr 1764 erhält der Schutzjude Daniel Itzig aus Berlin von Friedrich dem Großen ein Patent für den Bau einer Silbergießerei auf einem Grundstück an der Oberlaak, auf dem später eines der größten und ertragreichsten industriellen Unternehmen Deutschlands arbeiten soll. 1826 kauft die Gemahlin von Charles Hughes aus Birmingham, Frau Maria Theodora Christine aus der angesehenen Königsberger Familie Schnell, das Grundstück. Ihr Mann errichtet dort eine Eisengießerei. So wird die Union-Gießerei begründet, die schnell wächst nachdem 1845 Gottfried Ostendorff aus Thüringen kommt mit Erfahrungen, die er in Deutschland und England über Jahre gesammelt hat.

Gesamtansicht der alten Union-Gießerei auf der Oberlaak, 1891

Im Jahr 1853 wird Königsberg mit Berlin durch die Eisenbahn verbunden. Die Brücken über die Weichsel, deren Konstruktion 1845 in Angriff genommen wurde, werden erst 1857 befahrbar. Die Union-Gießerei liefert 1855 die erste Dampflokomotive an die Königliche Preußische Ost-Bahn. Die hundertste Lokomotive verläßt das Werk 1878, die fünfhundertste 1890, die tausendste 1899.

Lokomotiven der Uniongießerei

Zu dieser Zeit produziert die Union-Gießerei neben Maschinen aller Art auch Schiffe und Brücken, einschließlich der neuen Klappbrücken Königsbergs.

Ostendorff bringt Elias Radok 1869 nach Königsberg. Nach Ostendorffs Tod 1876 führt Radok die Union Giesserei und widmet sein ganzes Leben ihrer Weiterentwicklung und der Entwicklung seiner neuen Heimat. Er ist nicht nur Firmenchef und Ingenieur, sondern spielt auch eine Rolle im öffentlichen Leben und erwirbt sich den Respekt aller, die mit ihm in Verbindung kommen. Er unterstützt die Entwicklung von Heimindustrieen und wird Mitbegründer einer neuen Bank. Von 1896 an ist er Mitglied des Stadtrats von Königsberg. Im Jahr 1899, bei der Feier der Fertigstellung der tausendsten Lokomotive, wird er zum Königlichen Kommerzienrat ernannt.

Elias Radoks Eingang in die Königsberger Handelskammer, 1895

Königliches Patent der Ernennung Elias Radoks zum Kommerzienrat, Berlin 1899

Als Elias Radok 1910 stirbt, ist er ein wohlhabender und hochgeachteter Mann. Sein Begräbnis im Jahr 1910, das größte in Königsberg in jenen Jahren, vereinigt alle Arbeiter und Angestellten der Union-Gießerei mit vielen anderen Einwohnern Königsbergs beim Trauerzug zum Altstädtischen Friedhof an der Alten Pillauer Landstraße. Ein großer Findling, den man bei der Errichtung der neuen Fabrik am Pregel in Contienen fand, bedeckt sein Grab, in dem seine Gemahlin Jenny 1918 beigelegt wird. Das Grab wird ein Opfer der Kämpfe um Königsberg im Jahr 1945, wie ich bei einem Besuch 1965 entdecken werde.

E. Radoks Nachrufe in einer Königsberger Tageszeitung 1910

Elias und Jenny Radok haben drei Töchter Else, Margarete und Lisbeth, und zwei Söhne, Reinhold und Fritz. Else heiratet den bekannten Maler Arwed Seitz, Margarete den Baumeister a.D. Max Hartung, der nach seines Schwiegervaters Tod an der Leitung der Union Gießerei teilnimmt und sie bis zu ihrem Konkurs leitet, Lisbeth den Musikologen Erwin Kroll. Außer Reinhold bleiben alle Kinder dieser Radok Generation bis in die Dreißiger Jahre in Königsberg.

Fritz Radok, November 1883

Fritz Radok wird am 16 Januar, 1883 geboren. Er wächst in der Fabrik auf, in der sein Vater seine offizielle Wohnung hat. Die Fabrik formt sein Leben, das nur durch notwendige Schulbesuche unterbrochen wird.  Kunst und Musik werden zu einem wichtigen Teil des täglichen Leben im Hause. Fritz geht oft auf den Kneiphof zum Violinunterricht. Wie für viele andere Königsberger wird Brahms, nach seinem Besuch in der Stadt, der beliebteste Komponist der Radoks.

Die Uniongießerei und die Wohnung der Radoks an der Oberlaak


Das heiße Wasser für das wöchentliche Bad am Samstag Abend kommt vom Kesselhaus der Gießerei. Nachdem der Herr Direktor gebadet hat, erfreuen sich seine Frau und seine Kinder nacheinander des noch ungewöhnlichen Luxus eines Wannenbades. Wie Fritz später seinen Kindern erzählt, wird zu dieser Zeit in Berlin die kaiserliche Badewanne noch wöchentlich aus dem Kaiserpalais über die Prachtstraße "Unter den Linden" in das Palais des Kronprinzen getragen.

Wo einst die Pferdebahn arbeitete

Mit größtem Interesse beobachtet der junge Fritz bei jeder Gelegenheit das Extrapaar von Pferden, das am Fuße des bergigen Gesekusplatzes am sechshundert Jahre alten Königsberger Schloß vor die Pferdebahn gespannt wird. Er fühlt, daß die Tätigkeit der Aufsicht auf diese Pferde seine Lebensaufgabe werden könnte, vielleicht weil sie im Zentrum des Geschehen liegt und von jedermann gebraucht wird. Fritz ererbt von seinem Vater den Drang und die Fähigkeit, ohne Unterbrechung hart zu arbeiten und dem Gemeinwohl zu dienen.

Villa Radok in Neuhäuser

An der Eisenbahn von Königsberg nach Pillau, dem einzigen eisfreien Hafen in der nördlichen Ostsee, entsteht das Dorf Neuhäuser als Ort der Sommerfrische für wohlhabende Königsberger Bürger wie die Radoks. Einmal im Jahr kommt die Belegschaft der Union-Gießerei für einen Festtag hierher. An Wochenenden wandert Fritz neben seinem Vater Elias durch die nahen Wälder, um Pilze und Beeren zu sammeln. Sein Vater hat diese Ausflüge besonders gern. Sie erinnern ihn an seine Jugend in den Wäldern Böhmens. Der Aufenthalt in Neuhäuser ist eine sehr willkommene Gelegenheit zum Ausspannen.

Kette von rohen Bersteinstückchen

Am Strand der Ostsee sammeln Elias Radok und seine Kinder kleine und große Stücke Bernstein, die nach Stürmen von der See dorthin getragen werden. Sie beobachten die Fischer mit ihren Ringnetzen in der Brandung beim Sammeln des schwimmenden Goldes. Sie spazieren über die Palve nach Pillau, wo man frischgeräucherte Fische kaufen und auf der Mohle verzehren kann. Dort gibt es immer etwas zu sehen. Schiffe, manche von Elias gebaut, laufen den geschäftigen Hafen bei Tag und Nacht auf dem Weg nach Königsberg an.

Im Winter beherrschen Schnee und Eis das Königsberger Leben. Als Fritz Radok zum ersten Mal norwegische Skier am Veilchenberg außerhalb des Stadt ausprobiert, wird dieses Ereignis in der Tageszeitung erwähnt. Schlittschuhlaufen auf dem Schloßteich, Rodeln am Veilchenberg und in Luisenwahl bringen die Kleinen wie die Großen während des kurzen Tageslichtes heraus in die frostige Winterluft. Oft kommt der Ostwind aus den Russischen Ebenen, und die Temperaturen fallen weit unter den Gefrierpunkt.

Elias Radok mit seinen Brüdern Bernhard und Max und seinen Söhnen Reinhold und Fritz, Königsberg 1890

Am 13. November 1890, seinem fünfzigsten Geburtstag, bereitet Frau Jenny ihrem Mann eine große Uberraschung. Während er morgens am Frühstückstisch sitzt, kommt ein Weihnachtsmann ins Zimmer, den er schließlich als seinen jüngeren Bruder Bernhard erkennt. Wenige Minuten später entpuppt sich ein zweiter Weihnachtsmann als sein Halbbruder Max. Alle tragen natürliche Bärte, ein Teil der traditionellen Verkleidung der Weihnachtsmänner. Beide Brüder mit fast allen Nachkommen beenden ihr Leben 1943 im Vernichtungslager Theresienstadt im Alter von 95 und 77 Jahren.

Gedenkblatt der tausendsten Lokomotive, 1899

Am 13. März 1899 wird die Fertigstellung der tausendsten Lokomotive der Union-Gießerei gefeiert. Es ist nicht mehr herauszufinden, wer von den beiden Radok Söhnen für die Belegschaft der Gießerei ein Gedicht aufsagte, das die Vergangenheit und die Zukunft der Dampf-Lokomotive beschreibt. Die Feierlichkeiten finden außerhalb der Stadtbefestigung in Luisenhöh in Gegenwart der Spitzen der Behörden statt. Danach spricht der neu ernannte Kommerzienrat über die Entwicklung der Fabrik und erinnert die Gäste an die Tage von George Stephenson und Gottfried Ostendorff. Ein originaltreues Modell von Stephensons erster Lokomotive ist die technische Überraschung dieses Tages. Elias betont die Wichtigkeit der guten Beziehungen zwischen der Direktion und den Arbeitern, die es der Union-Gießerei ermöglicht haben, die schwierigen Gründerjahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg zu überleben.

Einbürgerungsurkunde

Die Königsberger Radoks werden 1894 in Preußen eingebürgert und 1902 getauft, wenn Elias den Vornamen Emil annimmt. Während dieser Jahre lassen sich viele Juden taufen; ihr Übertritt wird im lokalem Polizeirevier registriert. Er wird die Radok-Familie weder vor Vorurteil noch vor Verfolgung bewahren.

 

Elias Radok, um 1905

Nach Ende der Schulzeit arbeitet Fritz Radok in Fabriken Deutschlands, studiert einige Semester an der Technischen Hochschule in Danzig und beginnt schließlich in der Union-Gießerei unter seinem Vater seine kaufmännische Lehre. Am Ende seiner Lehrzeit geht er für längere Zeit nach Rußland, Frankreich und England, wo er arbeitet und Sprachen lernt. Als der geliebte Vater 1910 in einer Berliner Klinik an einem "tückischen Leiden" stirbt und sein Schwager eine leitende Rolle in der Union-Gießerei übernimmt, sucht Fritz nach einem neuen Tätigkeitsgebiet weit weg von wohlvertrauten Umständen. Er verlobt sich mit Gertrud Vageler, deren älteste Bruder Paul schon seit Jahren in Afrika forscht. Auch sein Bruder Reinhold hat bereits Amerika und Afrika besucht. Fritz folgt in ihren Spuren und beabsichtigt, sich in Deutsch-Ostafrika niederzulassen, um dort Handel zu treiben.