II. Willkommen allen fleißigen Zuwanderern

Ostpreußen 1819 bis 1890

Im Jahr 1819 schenkt dem Kleinhändler Josef Pincus seine siebenunddreißig Jahre alte Frau Fanny ihren ersten Sohn Salomon. Sie leben gut in Löbsens, einer Kleinstadt im Gebiet Bromberg, das während der ersten Teilung Polens im Jahr 1772 an Preußen kam. In vielen der kleineren Städte dieser Gegend gibt es jüdische Gemeinden. 1822 zerstört ein Feuer Löbsens. Josef zieht mit seiner Familie nach dem nahen Wirsitz. Das Leben der Familie Pincus wird schwer.

Salomon Pincus geht zur Schule in Wirsitzs Synagoge, wie alle jüdischen Jungen der Stadt. Er erfährt hier am eigenen Leibe im frühen Alter uralte Vorurteile. Im Haus seiner Eltern spricht man ein besseres und reineres Deutsch als in den meisten jüdischen Häusern. Seine Schulkameraden necken und quälen ihn deswegen. Sie interpretieren diese Eigenart als einen Beweis, daß seine Eltern von der wahren jüdischen Lebensweise abgewichen sind. Zur gleichen Zeit beschimpfen ihn christliche Schüler wegen seiner jüdischen Abkunft. Bei jeder Gelegenheit wird er von allen Seiten geschlagen, wie er im Alter von zweiundzwanzig Jahren in einem kurzen Lebenslauf berichtet.

Bis zum fünfzehnten Lebensjahr besucht Salomon die Synagogenschule mit ihrer straffen Disziplin. Zwischen 6 Uhr morgens und 9 Uhr abends nimmt er teil an Gebeten, am Unterricht im Hebräischen, im Lesen, in Arithmetik und jüdischer Literatur. Sein Geist öffnet sich all diesem Wissen mit großem Interesse. Seine Eltern erzählen ihm, was sie von der großen Welt durch die Lektüre von Büchern wissen. Sein Vater beschreibt ihm Reisen in ferne Länder, seine Mutter berichtet ihm über die Leben der Großen der Weltgeschichte. Salomon entwickelt einen starken Wunsch nach Achtung bei Juden und Christen.

Er nimmt Privatunterricht in Französisch, Deutsch, Geographie und Mathematik. Sein gütiger christlicher Lehrer hilft ihm, seine Inferioritätskomplexe zu überwinden, Selbstachtung und Mut zu entwickeln. Im Jahr 1834 besteht er das Eintrittsexamen in das Halbgymnasium in Deutschkrone, das seine Schüler für den Besuch der Vollgymnasien in größeren Städten wie Königsberg vorbereitet.

Die jüdische Gemeinde in Wirsitz weigert sich, ihm finanziell in der neuen Schule beizustehen, weil sie noch nie gehört hat, daß ein Jude von Löbsens auf ein Halbgymnasium ging. So arbeitet sich Salomon in Deutschkrone durch die Schule mit dem Erteilen von Nachhilfestunden. Dreieinhalb Jahre später zieht er weiter auf ein Vollgymnasium in Königsberg. Nach dem Abitur immatrikuliert er an der 1544 gegründeten Königsberger Universität, der Albertina. Er entdeckt, daß in dieser Stadt die jüdische Gemeinde freundlicher ist und ihn mit offenen Armen empfängt. Er fängt an zu fühlen, daß man ihn akzeptiert.

Titelblatt der medizinischen Dissertationdes Salomon Pincus 1845

Salomons Ausbildung beschleunigt sich, sein allgemeines Interesse wächst. Mathematik, Physik und Geschichte werden seine Lieblingsfächer. Das angestrengte Studium trägt ihm ein Lungenleiden ein, das ihn bis an sein Lebensende begleiten soll. Er wird Mediziner. Am 30. Oktober 1845 besteht er die mündliche Doktorprüfung. Er verfaßt seine Dissertation in lateinischer Sprache, dem Brauch der Zeit entsprechend.

Emilie and Salomon Pincus

Salomon findet in Insterburg eine Anstellung als Kreisphysikus (Kreisarzt) und heiratet die um vier Jahre jüngere Königsbergerin Emilie Neumann. Sie haben einschließlich der im Jahr 1852 geborenen Tochter Jenny sechs Kinder, die in einer Umgebung von Gleichheit und geistiger Freiheit aufwachsen.

Emilie Pincus mit ihren Kindern

Salomons Vater stirbt 1857 in Königsberg während einer Cholera-Epidemie. Am 27. August 1868 wird Salomon zum chirurgischen Assessor des Medicinal Collegium der Provinz Preußen ernannt. Bald danach wird er zum Physikus (Stadtarzt) in Königsberg ernannt, wo er auch Lehrtätigkeit an der Universität findet und im Zusammenhang mit der Anatomie das Institut für gerichtliche Medizin gründet. Am 18. Januar 1875 wird ihm der Rote Adler Orden Vierter Klasse verliehen.

Chirurgischer Assessor, Berlin 1868 Roten-Adler-Orden, Berlin 1875

Sein ganzes Leben hindurch forscht Salomon auf Gebieten, die nicht mit seinem eigentlichen Beruf zu tun haben. Er korrespondiert mit Deutschlands führenden Größen der Physik und Chemie wie Justus von Liebig (1803-1873), Robert Kirchhoff (1827 - 1887) und Robert Wilhelm Bunsen (1811-1899) und erfindet eine elektrische Cl-Ag-Zelle, die während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 zur Übermittlung von Nachrichten Anwendung findet.

R. Kirchhoff J. von Liebig R.W.Bunsen

Im Hause ihres Vater trifft Jenny Pincus den jungen Oberingenieur Elias Radok der Union-Gießerei. Bei ihrer Hochzeit am 28. Oktober 1875 tanzt Salomons Mutter Fanny, 93 Jahre alt, die Polonaise.Sie stirbt acht Tage später. 15 Jahre danach wird der Geheime Medizinalrath Professor Dr. Salomon Pincus auf dem jüdischen Friedhof vor dem Königstor beigesetzt.