XI. Internierung der drei Brüder

England,Australien 1939 bis 1942

Wir drei Brüder erleben zusammen in den nächsten drei Jahren die verschiedensten Lager, und lernen immer wieder, uns an neue Umstände zu gewöhnen und das Beste aus gegebenen Bedingungen herauszuholen. Keines der späteren Lager ist so hausbacken wie das erste in Gainsborough in Lincolnshire, wo man uns am Abend nach einer ereignislosen Fahrt südwärts von Middlesborough abliefert. Eine neue Busgarage außerhalb der historischen Marktstadt wurde in ein Armeelager verwandelt. Es hat einen Stacheldrahtzaun mit einem Tor nebst Wache. Im Lager werden neue Rekruten an Disziplin gewöhnt. Eine Ecke der Garage ist durch hölzerne Wände für die Internierten abgeteilt, deren Bewachung augenblicklich die einzige Beschäftigung der freien Lagerinsassen ist.

Ein Offizier studiert unsere Begleitpapiere und akzeptiert uns nach ein paar Minuten. Man untersucht unser Gepäck und numeriert uns 11 007 - 9. Bruder Uwe argumentiert mit dem Offizier über etwas mehr oder minder Unwichtiges, und beide sind sich sofort gegenseitig unsympathisch. Das Resultat ist eine Sorte von intellektuellem Duell, das die Monotonie der folgenden Wochen einige wenige Male bereichern wird.

Man gibt uns harte Wolldecken, einen Blechteller, einen Blechnapf und Besteck. Von gepreßten Strohballen in einer Ecke der Garage dürfen wir unsere Strohsäcke auffüllen. Ich weiß nicht, ob man den Sack voll oder halbvoll stopfen soll. Im nächsten Lager weiß ich schon die Antwort: "Nicht zu voll und nicht zu leer". Mit unserem Gepäck und allen "lebensnötigen" Dingen beladen, marschieren wir wie Kamele zu der Tür des Gefangenenquartiers, das auch von einer Wache beschützt ist. In dem Verschlag ohne Fenster und Lüftung treffen wir die früher eingetroffenen Gefangenen 11 001 - 11 006. Mehr als zwanzig eiserne Betten stehen um den Raum herum. In der Mitte ist ein Tisch mit Bänken und nicht weit von der Tür ein großer Eimer. Zwei Lampen ohne Schirme hängen von der Decke. Es ist kein Zweifel, daß das Lager schnell improvisiert wurde. England ist nicht vorbereitet auf die Unterbringung von Internierten. Der Offizier informiert uns, daß er von uns Anpassung an die Routine erwartet und sieht dabei Bruder Uwe scharf an. Nachdem er den Raum verlassen hat, machen wir die Bekanntschaft unserer Kollegen.

Eine der Charakteristiken dieser Internierungslager ist, daß sie Menschen zusammenwerfen zu dem einzigen Zweck, die meist Schuldlosen hinter Schloß und Riegel zu halten. Sie haben sonst nichts miteinander gemeinsam. Dazu kommt dann noch, daß jeder Gefangene aus England, auf seine Art und Weise, sich als einen Spezialfall betrachtet, der vor allen anderen herauskommen wird. Meine Aufzeichnungen dieser ersten Monate sind leider verloren gegangen, sodaß ich mich zunächst auf mein Gedächtnis verlassen muß.

Unsere Vorgänger kommen ausschließlich von Schiffen, die am Anfang des Krieges zufällig in englischen Häfen in der Nähe von Gainsborough waren. Jim ist ein Koch von einem Passagierschiff, das zwischen Hull und Danzig verkehrte. Er ist der wichtigste Mann unter uns, denn er ist verantwortlich dafür, daß wir während dieser Wochen gut essen. Er erzählt auch gut über seine Erfahrungen auf seinem Schiff. Bald macht er mich, den jüngsten der Besatzung, zu seinem Assistenten, wenn er draußen in der allgemeinen Feldküche unser Essen vorbereitet. Die Wachen und Soldaten haben ihn auch gern, weil er in der Küche für sie die Dinge tut, die sie selbst noch nie getan haben, wie das Zerlegen der Schlachttiere, die täglich geliefert werden. England hat noch keine Rationierung eingeführt. So sind die Fleischrationen reichlich. Wenn Jim das Fleisch zerlegt, stehe ich neben ihm mit einem Sack, in dem er die besten Stücke verschwinden läßt.

Die anderen Männer kommen auch von Schiffen, haben aber für uns weniger wertvolle Erfahrungen. Wir sind die ersten Zivilgefangenen von England, und dazu Nichtarier, obwohl wir garnicht danach aussehen. Alle kommen gut miteinander aus. Während der nächsten Wochen füllt sich das Lager, wenn man es so nennen will, und als ein Resultat bilden sich Gruppen, soweit das in so einem kleinen Raum möglich ist. Alle weiteren 20 Internierten sind Juden, die in der Mitte Englands lebten und irgendwie die eine oder die andere Vorschrift verletzten. Am Ende ist der Raum sehr überfüllt und der Eimer für die Nacht zu klein. Wenn man wirklich auf die Toilette will, ist der Aufwand mit Begleitung einer Wache mit Karabiner beträchtlich.

Die Ankunft einer kleinen Gruppe von Juden bleibt unvergeßlich. Als sie hereinkommen, sagt einer der Seeleute laut: "All dieses haben wir unserem geliebten Führer zu verdanken". Am liebsten wollen die neuen Ankömmlinge wieder hinauslaufen, aber der Offizier steht hinter ihnen und gibt ihnen keine Gelegenheit dazu. Er selbst versteht nicht, was gesagt wird, denn sein Deutsch ist ganz elementar. Als jeder lacht, fangen sie an zu verstehen, daß es nur ein Spaß war, und bald sind sie an die neue Lage gewöhnt.

Einmal am Tag müssen wir alle für eine Stunde an die frische Luft in den Hof der Garage, natürlich unter schwerer Bewachung. Das Licht wird um 10 Uhr abends gelöscht. Es ist sowieso nicht gut genug zum Lesen und Schreiben. In der Dunkelheit hören wir dann das Singen der Soldaten: "We hang our washing on the Siegfried Line", ein Lied das ganz neu und beliebt ist. Wir lernen sehr schnell, auf Befehl zu schlafen, weil es keine Alternative gibt.

Das Planen und Handeln, um entlassen zu werden, wird bei vielen der Gefangenen zur Haupttätigkeit. In diesem ersten Lager müssen wir Papier und Schreibmaterial für Anträge von einem Offizier erbitten, der nicht für eine Minute Zweifel zu haben scheint, daß wir alle sind, wo wir sein sollen. Wenn er dann diese wertvollen Gegenstände ausgibt, zuckt er mit den Schultern und sagt, daß er nichts dagegen habe, diese hoffnungslosen Anträge weiterzuleiten.

Eine andere Seite unserer Existenz ist, daß alles unbestimmt ist. Man weiß nicht, ob man für Wochen, Monate oder Jahre interniert sein wird. Wenn man dazu noch in Betracht zieht, daß die meisten nach England kamen, weil sie in Deutschland unerwünscht und in Gefahr waren, so findet man auch ein wenig Enttäuschung wegen der Behandlung, die einem keineGelegenheit gibt, etwas zu erklären. Ich weiß nicht mehr, wie viele Anträge meine Brüder in diesen Jahren stellten. Ab und zu wird meine Unterschrift benötigt, aber als der Jüngste nehme ich wenig an dem Planen und vorausgehenden Diskussionen teil.

Gegen Ende Oktober werden wir informiert, daß man uns in ein anderes Lager transportieren wird. Da dieses Lager ein wenig wie das Wartezimmer eines Arztes ist, ist es jedermann recht. Es besteht die Hoffnung, daß das nächste Lager bequemer sein und vielleicht sogar eine Unterbringung in kleineren Gruppen bieten könnte. Wir entleeren unsere Strohsäcke, falten unsere Decken und geben unsere Teller, Näpfe und Bestecke zurück. Am Abend bringt ein Bus uns zum Bahnhof, von dem unser Waggon auf seiner Reise ins für uns Ungewisse durch die Nacht rangiert wird. Die Bahnhöfe sind verdunkelt und haben keine Namen. Die Wachen wissen vielleicht selbst nicht das Geheimnis unseres Zieles.

Am Morgen erkennt einer von uns die Gegend wieder. Wir sind in der Nähe von Exeter in Devonshire. Unsere letzte Etappe bringt uns an die Südküste bei Seaton an der Grenze zwischen den Devon und Sommerset Shires. Auf einer Wiese neben dem Bahnhof sehen wir Warner's Holiday Camp, unser zweites Lager! Dieselbe Routine erwartet uns hier, außer daß wir keine neuen Nummern erhalten. Unser Gepäck wird sogar noch genauer durchsucht, als ob man im letzten Lager etwas versäumt hätte oder wir auf der Reise Gelegenheit gehabt hätten, verbotene Gegenstände zu erwerben.

Dieses Lager ist auch neu. Als ein Ferienlager ist es mehr für die Unterbringung im Sommer geeignet. Zwei Doppelreihen von winzigen Sperrholzhütten stehen längs des obligatorischen Stacheldrahtzauns. Zwischen ihnen ist vorn ein großes industrieartiges Gebäude mit Speisesaal, Küche, einem Theater, einem Laden, dahinter ein Schwimmbad, ein Fußballfeld und eine Wiese. Außerhalb des Stacheldrahtzaunes läuft ein Fußweg mit Holzbrettern um das Lager herum, auf dem die Wachen mit Gewehren in Gruppen, einer nach dem anderen, zu ihren Posten marschieren. Auf der anderen Seite ihres Fußweges ist noch ein Stacheldrahtzaun. Schon auf den ersten Blick besteht in unseren Augen kein Zweifel, daß dieses Lager besser als das erste ist.

Vor dem Hauptgebäude läuft die Straße nach Seaton hinein. Dahinter kann man an stürmischen Tagen die See hören. Einige Male läuft sogar Seewasser ins Lager. Dann können die Fußwege zwischen den Hütten mit Eis bedeckt sein. Es ist ja schon spät im Oktober und Baden im Schwimmbad kommt nicht in Frage. Später ist das Bad mit Eis bedeckt, auf dem manche Leute eisschießen mit Margarinebüchsen, die mit Wasser gefüllt und mit einem kurzen Stock in der Mitte über Nacht durchgefroren sind..

Langsam füllt sich das Lager mit Gefangenen von England und Seeleuten von deutschen Schiffen, wobei alle, die sich zu Deutschland bekennen, auf der westlichen Seite des Lagers untergebracht werden, während die anderen auf der östlichen Seite ihre Unterkunft finden, zumeist zwei oder drei Personen in einer Hütte. Bisweilen ziehen Leute von einer Seite auf die andere um. Es gibt auch einige Unterkünfte in Zelten dazwischen, auf der Wiese am Ende des Fußballplatzes, wo die Leute wohnen, die sich nicht entscheiden können. Aber alle arbeiten mehr oder weniger zusammen unter der Leitung des Lagerkommandanten. Es gibt auch einen Dolmetscher und einen Lagerführer der Gefangenen, der vom Kommandanten die Befehle für jedermann erhält. Zweimal am Tag müssen alle Gefangenen im Eßsaal erscheinen und nach Aufruf ihres Namen von der einen Seite auf die andere marschieren, bisweilen am Kommandanten vorbei, der dann auf einem Tisch steht und seinen Schäferhund neben sich hat. Nach geraumer Zeit sind es sechshundert Männer und diese Inspektionen dauern lange. Der Kommandant hat früher in Indien gedient, war wahrscheinlich schon pensioniert und hat durch den Krieg eine neue Gelegenheit bekommen, aktiv zu sein.

Außerhalb des Lagers stehen in großen Abständen die Posten, die sich nachts, im Nebel, im Regen oder bei klarem Wetter, in regelmäßigen Zeitintervallen zurufen: "Nummer Eins Posten, alles ist in Ordnung, Nummer Zwei Posten usw." Nachts liegen wir auf unseren Strohsäcken und hören ihre Rufe.

Es dauert nicht lange bis das Lager sich organisiert hat. Es gibt einen Schuhmacher, einen Schneider, einen Laden, einen Tischler. Das Hospital kümmert sich um leichte Krankheiten, während Schwerkranke aus dem Lager geschickt werden. Man kann auch unter Bewachung zum Zahnarzt in Seaton gehen. Man sagt, daß dort der Dienst nicht nur auf Zähne beschränkt ist und auch andere fundamentale menschliche Bedürfnisse gegen gute Bezahlung befriedigt werden.

Nach einer Weile gibt es auch Vorträge und Unterricht in Sprachen, Volkswirtschaftlehre, Geschichte, sogar von hochgebildeten Professoren, die vom Englischen Innenministerium (Home Office) ohne Entgelt zur Verfügung gestellt werden. Jürgen Kuczinsky ist von der London School of Economics; sein Vater war Reichs-Landwirtschafts-Minister während des Ersten Weltkrieges und der "Schweinemörder" des NS Landwirtschafts-Minister Walther Daré. Franz Eichenberg, ein Rechtsanwalt aus Hamburg, kennt alle europäischen Eisenbahnfahrpläne auswendig. Spanisch, Französisch und Russisch kann man bei fast einheimischen Lehrern lernen. Wir jüngeren Gefangenen fangen an, daran zu denken, unsere unterbrochenen Studien wieder aufzunehmen. Aber die Gefangenschaft hat noch nicht lange genug gedauert, und man ist noch nicht davon überzeugt, daß es eine lebenslange Haft sein könnte. Alles bleibt vorübergehend und ruhelos. Der ungewöhnlich kalte Winter spielt dabei auch eine Rolle. Es gibt nicht genug Heizgelegenheiten. Man ist gezwungen, viel Zeit im Speisesaal bei großem Lärm zu verbringen. Drei kleine eiserne Öfen, die mit Preßkohle geheizt werden, reichen für sechshundert Menschen nicht aus. So trägt man im Hochwinter jedes Kleidungsstück, das man besitzt, und friert trotzdem.

Die Bordkapelle eines deutschen Passagierschiffes, dessen Mannschaft das Schiff versenkte, liefert einen wichtigen Beitrag zum Lagerleben. Die Musiker haben auch ihre Instrumente in die Rettungsboote gerettet. "Die Braut von Ophir" ist eine Operette, die von Franz Eichenberg für Weihnachten geschrieben und vom ganzen Lager produziert wird. Die Offiziere erhalten Einladungen für den ersten Abend. Die Braut in Seidenstrümpfen und dekolletiertem Abendkleid, alias ein Kabinenjunge, ruft großes Erstaunen hervor. Der Zahnarzt half mit dem Erwerb der für ein Männerlager etwas ungewöhnliche Bekleidung, die diese Überraschung möglich machte. Im Allgemeinen findet die Mischung von Alter, Veranlagungen und Bedürfnissen im Lager ihre eigenen Lösungen ohne Sorgen für die Verwaltung. Vielleicht ist das so, weil man sich in England traditionell nicht um diese Dinge kümmert, ausser daß sie einem politischen Zweck dienen können.

Ein großer Vorteil dieses Lagers ist, daß man tags und nachts spazierengehen kann, auch nachdem um 22 Uhr das Licht gelöscht wurde. Da Warner's Holiday Camp eine reine Sommereinrichtung ist, sind die Hütten nicht für einen Winter geeignet. Und in diesem Jahr ist es nicht einmal ein gewöhnlicher englischer Winter, der sowieso für an Zentralheizung gewöhnte Mitteleuropäer unerträglich sein kann. Eis und Schnee herrschen für viele Monate. Nach einer Reihe von Protesten werden kleine elektrische Heizgeräte in den einzelnen, nicht isolierten Hütten eingebaut. Es gibt nicht genug Decken, sodaß man, wie auch meistens während des Tages, alle Kleider trägt und beim Schlafengehen schnell den Schlafanzug darunter anzieht. Das Bettenmachen selbst wird auch zu einer Kunst, über die Erfahrungen ausgetauscht werden.

Als das Lager die erste Stromrechnung erhält, ist die Verwaltung sehr erstaunt. In der Abschätzung der Kosten dieser Heizung hat man nicht mit dem Erfindungsgeist der Gefangenen gerechnet, die durch Verkürzung der Wicklungen bessere Wirkung erzielt, aber auch größere Feuergefahr heraufbeschworen haben. Nach dieser Entdeckung werden die Hütten dauernd von den Soldaten durchsucht, aber trotzdem sinkt die Stromrechnung nie nach Plan.

Das Essen wird sehr schnell sehr schlecht, weil die Rohmaterialien bald kaum eßbar sind. Salzheringe in verschiedenen Stadien des Verfalls und Kartoffeln in ähnlichem Zustand sind der Hauptteil unserer Nahrung. Dazu gibts es Weißbrot, Margarine, Marmelade und Tee. Schmorgerichte der irischen Art mit Mehlklößen sind ein wöchentliches Erlebnis. Internierte, die sich zu Deutschland bekennen, erhalten durch das Rote Kreuz ein kleines Taschengeld, Tabak und andere Kleinigkeiten. Einige wenige Gefangene empfangen regelmäßig Pakete .

Scließlich ergibt sich eine Gelegenheit, Taschengeld zu verdienen. Wir werden aufgefordert, Tarnungsnetze zu stricken. Sobald der Frühling eingesetzt hat und man im Freien arbeiten kann, stehen überall vor den östlichen Hütten eifrige Gefangene beim Stricken. Das Garn wird auch für andere, illegale Zwecke benutzt. Sehr kunstvolle Knüpfartikel, wie Gürtel und Taschen, erscheinen auf dem Markt. Mit dem Geld kann man im Laden zusätzliche Nahrung, wie etwa Suppen in Büchsen, erwerben, die dann auf den Öfen im Speisesaal erwärmt werden und nicht selten explodieren, wenn der glückliche Besitzer sie beim Kartenspiel vergißt. Der Laden verkauft auch eine beschränkte Menge von Kleidung, denn in England existiert noch keine strenge Rationierung.

Im Dezember 1939 gibts es für uns Brüder erste Anzeichen, daß unsere vielen Anträge Aufmerksamkeit gefunden haben. Wir werden nach London geschickt und in unserem dritten Lager, einer Schule im Stadtteil Chelsea, untergebracht, wo wir von schottischen Soldaten in Kilts bewacht werden, die morgens früh um sieben Uhr um den eingebauten Schulhof herummarschieren und ihre Dudelsäcke spielen. Vater hat immer von dieser Musik geschwärmt, aber sicher hat er sie auf Schottlands Bergeshöhen und nicht in einem Londoner Hof erlebt.

Das erste Stadium der Untersuchung ist eine Sitzung bei dem berüchtigten MI5, Englands militärischem Spionagebüro. Jede Person wird für ungefähr dreißig Minuten untersucht; bei mir dauert es wegen meines Alters etwas kürzer. Es ergibt sich nichts Besonderes. Man tut, was zu tun ist. Nach diesem Verhör werden wir in unser viertes Lager geschickt, den Rennplatz in Lingfield, südlich von London, wo wir Weihnachten verbringen.

Dieses Lager besteht fast nur aus Tribünen hinter einem einfachen Stacheldrahtzaun mit zahlreichen Wachen außerhalb, die man fast berühren kann. Die Unterkunft und die Eßräume sind improvisiert, sodaß wir ganz zufrieden sind, als es sich herausstellt, daß wir nur zehn Tage dort sein müssen. Das Lager hat eine kleine privilegierte Gruppe von Gefangenen, die für ihr Essen und sogar für ihre Bedienung bezahlen und in relativem Luxus neben uns Untermenschen existieren. Unter ihnen ist Ernst, genannt "Putzi", Hanfstaengl, einst Hitlers Pressesekretär und Besitzer der Münchener Firma, die ausschließlich in Deutschland Bilder von Hitler produzierte. Ein anderer ist der deutsche Flugzeugkonstrukteur K. Lachmann, für den Bruder Uwe einen erfolglosen Empfehlungsbrief hatte, als er zuerst nach England kam. Vielleicht fand man bei ihm diese Empfehlung und kann so den Grund für unsere Internierung entdecken.

Am Heiligabend spielt Putzi für uns anstatt für seinen Führer Beethovens Appassionata. Der Flügel ist Mobiliar der privaten Mitgliederräume des Rennplatzes, in denen die erlauchten Gefangenen residieren. Am Ersten Feiertag dürfen wir in die Lingfielder Dorfkirche gehen. Natürlich bewacht, sitzen wir im Hinterteil der Kirche. Während des Gottesdienstes drehen die Kinder sich um und starren uns an. Draußen liegt ein wenig Schnee und bringt Erinnerungen an frühere Weihnachten.

Burlington House in Londons Picadilly ist der Sitz vieler englischer wissenschaftlicher Gesellschaften, einschließlich der Royal Society. Im Jahr 1940 ist es der Standort der Beratenden Kommission für Internierte des englischen Innenministers (Home Secretary). Der Vorsitzende der Kommission ist Norman Birkett, ein Londoner Advokat, der später als Sir Norman eine führende Rolle in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen spielen wird. Margaret Bondfield, bekannte Quäkerin, fragt mich, ob ich in Deutschland zu leiden hatte. Ich antworte zögernd, daß ich physisch nicht gelitten hätte. Meine Antwort führt zu betroffenem Schweigen bis Margaret Bondfield sagt: "aber innerlich". Die Atmosphäre im Komitee ist freundlich, man ist menschlich interessiert. Man sagt uns, daß wir uns nicht sorgen sollen. Wir kehren nach Seaton zurück in der Überzeugung, daß unser Fall gut steht und eine baldige Entlassung möglich ist.

Am 25. Februar 1940 erscheint Wilhelm Georg Arnold Theobald Solf, fünfundzwanzigjähriger Sohn des früheren deutschen Gesandten in Tokio, vor dem Polizeigericht in Abingdon in der Oxfordshire. Ein vierzehnjähriges Mädchen, Linda Volante, aus London evakuiert, hat ihn beim Fotografieren eines abgestürzten Flugzeuges beobachtet und dies der Polizei gemeldet. Solf hat gegen das Fremdengesetz von 1920 verstoßen, das Fotografieren militärischer Objekte verbietet. Er wird zu einem Monat Gefängnis und zur Kostenübernahme verurteilt. In seiner Verteidigung beruft Solf sich auf Sir Horace Rumbold, einst englischer Gesandter in Berlin, Sir George Ogilvie-Forbes und andere hochstehende Persönlichkeiten. Das Kreuzverhör zeigt, daß er in einem deutschen Kavallerieregiment gedient hat, danach in der deutschen Flugzeugindustrie arbeitete, deutscher Reserveoffizier ist, seit drei Jahren in Oxford studiert und beabsichtigt, sein Studium fortzusetzen. Er kehrte drei Tage vor Kriegsausbruch nach England zurück.

Die "Solfaffäre" soll unser aller Schicksal erheblich beeinflußen. Bereits am 2.März 1940 erscheint in der London Times eine Antwort des Innenministers, Sir John Anderson, auf eine Frage im Parlament bezüglich der Internierung von Fremden. Er sagt, daß bei Beginn des Krieges 74 233 Österreicher und Deutsche polizeilich in England gemeldet waren, daß von diesen Männern und Frauen 55 457 als Flüchtlinge vor der Verfolgung durch die Nazis anerkannt waren und daß 569 interniert wurden. Zum ersten Mal hören wir Zahlen. Die Solfaffäre lehrt uns, daß es nicht wichtig ist, wer man ist, sondern wen man kennt. Die Tatsache, daß wir zu der "Elite" gehören, verbessert auch nicht unsere Stimmung. Die Hoffnungen, die das Verhör im Januar brachte, verschwinden umgehend. In absehbarer Zeit werden wir nicht eine Gelegenheit finden, an dem Kampf gegen das System in Deutschland teilzunehmen.

Die Zahl der Internierten steigt schnell an. Nicht viele von ihnen kommen in unser Lager. Die meisten werden nach der Isle of Man geschickt, wo sie viel bessere Bedingungen und mehr Freiheit haben. Jedoch eines Tages erscheint Solf bei uns. Als die Lage Deutschlands sich verbessert, wechselt er die Lagerseite. Später berichtet eine Zeitung, daß Putzi Hanfstaengl Erlaubnis erhalten hat, sich auf seine Farm in Kanada zurückzuziehen!

Um diese Zeit hören wir zum ersten Mal von Vaters Verhaftung. Grete Simon in New York unternimmt weiter große Anstrengungen, ihn erst einmal so schnell wie möglich aus Deutschland herauszuholen. Meine Brüder stellen ihre kargen Ersparnisse diesem Zweck zur Verfügung. Sie schreiben auch neue Anträge auf unsere Entlassung, in denen sie die neue Tatsache von Vaters Inhaftierung erwähnen. Aber wir sind jetzt ein Teil des bürokratischen Systems, das vollkommen unbeeinflußt durch Gefühle, Mitgefühle und Menschlichkeit uns zum Nachweis seiner Existenzberechtigung braucht. Wir sind Nummern in Akten, deren Seitenanzahlen schnell anwachsen.

Nachdem Deutschland am 9. April 1940 Dänemark und Norwegen besetzt, erhalten wir keine Zeitungen mehr. Gerüchte spielen dann in unserer Existenz eine große Rolle. Jeder kleine Wechsel in der Bewachung, wie zum Beispiel der Austausch moderner Karabiner gegen altmodische, man kann fast sagen, Flinten, wird übersetzt in Anzeichen des Kriegszustandes. Die Nazis im Lager jubeln, die Atmosphäre wird gespannt.

Am Ende eines sehr schweren Winters sind die Strahlen der Sonne gütig zu uns. Wir erhalten die Erlaubnis, auf einer kleinen Parzelle neben dem Lager Gärten einzurichten und so unsere Verpflegung zu verbessern. Salat, Radieschen und Tomaten werden gepflanzt. Das Schwimmbad wird seinem eigentlichen Zweck zugeführt. Unsere Haut wird braun.

Mitte Juni beginnen Vorbereitungen für die Evakuierung des Lagers. Die Kantine macht einen Ausverkauf. Essen wird billiger, Schuhe teurer. Die Netzproduktion hört auf. Wir werden ausgezahlt. Am 22. Juni 1940 ruft man während des Abendappells dreihundert Namen auf. Diese Leute werden am nächsten Morgen abtransportiert, man sagt nicht wohin. Persönliches Gepäck ist beschränkt auf fünfzig Pfund. Wer mehr hat, muß es in den wenigen Stunden vor der Abfahrt für Lagerung in einem bereitgestellten Raum abliefern. Das Mitnehmen von Streichhölzern ist verboten. Geht es vielleicht auf ein Schiff? Diese Gruppe umfaßt Nazis und andere, aber offenbar niemand, der in der Lagerverwaltung aktiv tätig ist, wie Bruder Jobst, der vielleicht besser informiert ist, aber nie zu mir darüber spricht.

Nach der Abreise der ersten Gruppe bereiten wir uns auf unsere eigene Abfahrt vor, obwohl man uns noch nicht informiert hat. Wir Brüder schicken unser Extragepäck an Herrn Rogerson in Glasgow, der uns vor neun Monaten nach Middlesbrough transportierte. Manche dieser Sachen, einschließlich meines Tagebuches, werden während eines Luftangriffs auf Glasgow verbrennen.

Das Lager wird allgemein aufgeräumt und gesäubert. Alle verbleibenden Leute müssen in die ersten Hütten beim Schwimmbad ziehen. Wir sind sicher, daß wir bald an die Reihe kommen. Am 29. Juni 1940, beim Abendappell, sagt man uns, daß es am nächsten Morgen losgehen wird. Wecken ist um zwei Uhr, Appell um vier Uhr und Zugabfahrt um sechs Uhr. Der Besitz von Streichhölzern ist verboten.

Zum letzten Mal essen wir vor unserer Hütte unsere selbstgezogenen Gemüse. Es wird wenig gesprochen. Jeder macht sich seine eigenen Gedanken über das, was diese Reise bringen wird. Die letzten Nachrichten über die Eltern sagen, daß sie mit Gundula auf dem Weg durch Italien nach Südamerika sind. Ein Gerücht läuft herum, demzufolge Italien auch in den Krieg eingetreten ist. Wie wird diese Entwicklung das Schicksal der Eltern beinflußen? Unsere Abfahrt von Seaton wird uns für eine unbestimmte Zeit von jeglichen Verbindungen abschneiden. Einer der Offiziere sagt uns noch am Bahnhof bei der Zugabfahrt, daß wir uns nicht sorgen sollen. Wie oft haben wir diese Worte gehört und werden sie noch hören, und wie wenig Gründe werden wir finden, solch einem Rat zu folgen?

Am Sonntag, dem 30. Juni 1940, reist unsere Gruppe von ungefähr zweihundert Personen in einem Extrazug mit sechs Personenwagen nach Liverpool, das wir am Abend erreichen. Hinter einem langen Tunnel hält der Zug neben dem Luxus Blue Funnel Liner "Arandora Star", unserem Lager Nummer fünf. Auf dem Fallreep steht ein Arzt, der jedem beim Heraufkommen in die Augen sieht. Als wir oben anlangen, weist uns ein Steward Kabinen zu, die wir nicht verlassen dürfen. Das Schiff ist ohne Zweifel ein Luxusschiff, aber mit doppelt so vielen Menschen in jeder Kabine wie es Betten gibt hört der Luxus schon auf. Um 22 Uhr muß eine Person pro Kabine von der Küche Essen holen. Wir erhalten die beste Mahlzeit seit die Tore sich hinter uns schlossen, und sogar auf Porzellantellern.

Überall in den Gängen stehen Posten, die uns allerdings nicht davon abhalten, in andere Kabinen zu gehen. Wir entdecken, daß die Internierten vom Lager Paignton, in Somersetshire, nicht weit von Seaton, auch an Bord sind. Iin ihrem Lager zahlten die Gefangenen, wie im Lager Lingfield, einen Beitrag zu den Kosten der Unterkunft und Essen. Außerdem gibt es ungefähr achthundert Italiener. So wissen wir jetzt, daß Italien in den Krieg eingetreten ist.

Um vier Uhr am Morgen des ersten Juli verläßt die "Arandora Star" Liverpool. Als wir aus unseren Kabinen an Deck gehen dürfen, ist das Schiff bereits unterwegs in der Irischen See. Die Gefangenen organisieren sich, tauschen Kabinenplätze und wählen Gruppenvertreter. Wir vermuten, daß das Ziel Kanada ist. Mittags sehen wir die Isle of Man, auf der die Frauen mancher der Gefangenen interniert sind. Das Schiff fährt in keinem Geleitzug, wird aber für einen Teil des Tages von einem aufgetauchten Unterseeboot begleitet. Nach Verlassen der Irischen See fährt es im Zickzack in westlicher Richtung. Ab und zu sehen wir ein Sunderland-Flugboot. Unter den Gefangenen entwickelt sich eine Art von Ferienstimmung. Niemand denkt mehr an den Krieg und seine Gefahren. Niemand denkt an Bootdrill. Wir sind auf dem Weg nach Kanada! Wenn wir erst einmal dort sind, sollte eine Weiterwanderung nach den Vereinigten Staaten nicht zu schwierig sein. Unser Schicksal hat sich in einem Augenblick gewendet. Vor dem Schlafengehen führen wir auf dem oberen Deck ein angeregtes Gespräch mit dem Schiffsarzt. Dieser Kontakt mit der Außenwelt erlaubt es uns, die Nachrichten der zeitungslosen Monate nachzuholen. Erstaunt hören wir von der kritischen Lage des Krieges und der Gefahr, in der sich England befindet. Man fragt sich automatisch, warum man unter diesen Umständen zur Untätigkeit verurteilt sein muß.

Am Dienstag Morgen, dem 2. Juli, um sechs Uhr, soll ich das Frühstück für unsere Kabine holen, die ich mit den Brüdern und einem anderen Mann teile. Ich bin mir nicht der Tatsache bewußt, daß wir schon weit nach Westen gefahren sind und die Uhren um eine Stunde zurückgestellt wurden. So ziehe ich mich nach meiner Uhr um kurz vor fünf Uhr dreißig an und lasse meine Brille, die ich vor ein paar Wochen auf Umwegen von Deutschland erhalten habe, auf dem Tisch in der Kabine. Bruder Uwe steht mit mir auf, legt sich aber wieder hin, als wir den Zeitwechsel entdecken. Nachdem ich Brot geholt habe, stehe ich am Ende des kurzen Seitenganges, der zu unserer Kabine führt, und unterhalte mich mit einem Wachposten. Wir sehen gerade einige Soldaten mit Gewehren den Hauptgang entlang marschieren. Plötzlich geht das Licht aus, eine Explosion erschüttert das Schiff, Rauch kommt die Passage entlang, das monotone Geräusch der Schiffsmaschinen hört auf. Die Soldaten nehmen mich in ihre Mitte und gehen die Treppe hinauf auf das untere offene Deck. Auf dem Weg höre ich Stimmen, die aus den verschiedenen Kabinen kommen. Unter meinen Füßen fühle ich brechendes Glas, das wahrscheinlich von Glühbirnen und Glasscheiben stammt. Viele können in der Dunkelheit ihre Schuhe nicht finden und kommen so mit blutenden Füßen an Deck.

Sobald wir draußen sind, lassen die Soldaten mich frei. Das Schiff neigt sich schon nach einer Seite. Gegen den Strom der herauskommenden Gefangenen kämpfend, versuche ich, in die Kabine zurückzugehen, ein Thema von Beethovens Pastorale pfeifend, ein Signal, das wir bisweilen unter uns Brüdern benutzt haben. Schon höre ich Bruder Uwes Antwort und er erscheint mit Jobst, jeder mit einem Schwimmgürtel in der Hand. Ein Italiener mit zwei Gürteln kommt an mir vorbei und gibt mir einen.

Inzwischen entwickel sich auf dem Deck eine erstaunliche Szene. Viele der Italiener sind in Panik geraten, manche von ihnen knieen auf dem Deck und beten, andere klettern auf das obere Deck. Wir stehen an der Reling, unsicher, was zu tun ist. Deutsche und englische Seeleute arbeiten auf dem obersten Deck an den Rettungsbooten, um sie ins Wasser hinunter zu lassen. Andere werfen, was auch immer schwimmen wird, ins Wasser. Manche Leute springen mit Koffern in der Hand ins Wasser, andere ziehen sich Schwimmgürtel an, springen vom oberen Deck und brechen sich den Hals. Sie treiben dann zwischen den Trümmern und Schwimmern. Es ist ein wildes Durcheinander.

Ich spreche mit einem fast gleichaltrigen Soldaten, der ruhig mit seinem Karabiner auf dem unteren Deck Wache steht. Niemand hat ihm einen Befehl gegeben, und er wartet. Er meint jedoch, daß ich ins Wasser springen soll. Als ich mich zurück zu den Brüdern wende, sind sie verschwunden. Eine Tauleiter hängt neben mir ins Wasser. Ich klettere hinunter und laße mich mit dem Schwimmgürtel in der Hand fallen. Schnell ziehe ich den Gürtel über meinen Kopf und schwimme vom treibenden Schiff weg, um nicht von ins Wasser geworfenen Gegenständen getroffen zu werden. Es ist zu gefährlich und sicher auch sinnlos, zu nahe beim Schiff zu bleiben, dessen Heck sich schon etwas aus dem Wasser gehoben hat. Ich sehe mehrere Rettungsboote, die sich auch vom Schiff weghalten und warten, und entscheide zu einem von ihnen zu schwimmen.

Weit vor mir sehe ich dann Bruder Uwe, der gerade dabei ist, einen treibenden Gegenstand auf seine Tragfähigkeit zu untersuchen. Anscheinend zweifelt er an der Nützlichkeit seines Fundes und schwimmt weiter auf dasselbe Boot zu, das ich ausgesucht habe. Ich erreiche das Boot, bald nachdem er hereingezogen wurde. Ein älterer Italiener hängt tot an einem Seil, das um die Reling des Bootes läuft. Man hilft mir, über ihn ins Boot zu klettern. Uwe sagt mir, daß Jobst inzwischen in einem anderen Boot untergekommen ist.

Im Boot ist man hoch genug über der Wasserfläche, um das Trümmerfeld übersehen zu können, das sich hinter dem sich immer noch langsam bewegenden Schiff ausbreitet. Dazwischen treiben Tote und größere Gegenstände wie hölzerne Bänke und Flöße, auf denen Leute sitzen. Außerhalb des Feldes sehe ich mehrere Rettungsboote, von denen manche noch nicht voll besetzt sind. Andere Rettungsboote sind wahrscheinlich hinter dem Schiff, sodaß ich nicht weiß, wieviele von den zwölf Rettungsbooten auf dem Wasser schwimmen.

Zuerst liege ich auf dem Boden des Boots, das langsam in der Dünung steigt und fällt, anscheinend genug, um manche von den Leuten seekrank zu machen. Die nassen Kleider kleben am Körper. Ich fühle die Kälte und möchte mich erbrechen, vielleicht, weil ich Öl und Seewasser geschluckt habe. Bald jedoch ist das vorbei. Gleich nehme ich einen Platz neben Uwe und einem Naziseemann an einem Ruder ein. So habe ich die Möglichkeit, den Untergang der "Arondara Star" zu beobachten. Plötzlich richtet sie sich auf, Menschen rollen das Deck entlang, die Planken des Heckdecks öffnen sich an zwei Stellen und Ströme von Rauch blasen heraus, langsam gleitet das Schiff in den Ozean. Es hinterläßt ein Feld von Trümmern, Toten und wenigen Schwimmern.

Unser Boot hat einen Offizier der "Arandora Star" an Bord, der bereits das Rudern organisiert hat. Weil das Boot, das für achtzig Mann ausgelegt ist, schon von hundertzwanzig Menschen besetzt ist, wechselt er zu einem weniger vollen Boot über und beginnt, in dem Trümmerfeld nach Überlebenden zu suchen. Es ist unser Glück, daß der Himmel bewölkt ist, daß kein starker Wind bläst und keine Brecher entstehen.

Von einem anderen Boot hören wir, daß ein SOS ausgesandt wurde und ein Flugzeug uns bald finden wird. Kurz nach neun Uhr sehen wir es am Horizont. Wir stellen unsere Ruder senkrecht auf und schießen Raketen ab, die wir im Boot finden, um des Piloten Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Bald danach donnert das Sunderland-Flugboot über uns hinweg und läßt ein Bündel fallen. Es wird von einem anderen Boot aufgelesen. Es enthält die Nachricht, daß ein Zerstörer auf dem Weg ist, und eine kleine Menge von Keksen, Schokolade und Zigaretten, die zwischen den Booten verteilt werden.

Die Boote werden durch Rudern in der Richtung gehalten, von der die Dünung kommt. Es wird nicht viel gesprochen. Gegen 14 Uhr erscheint ein schwarzer Punkt am Horizont. Bald danach kehrt das Flugzeug zurück und hilft dem Motorboot des kanadischen Zerstörers "St. Laurent" mit der Nummer H 83 die inzwischen abgetriebenen Boote und Flöße aufzusammeln. Unser Boot rudert zum Zerstörer. Es ist das dritte, dessen Insassen aufgenommen werden. Die Dünung drückt das Boot gegen das Schiff und hebt und senkt es über mehrere Meter. Drei hölzerne Leitern hängen von der Reling. Wenn das Boot auf dem Kamm einer Welle ist, muß man auf eine der Leitern springen und schnell hinaufklettern. Oben stehen mehrere Matrosen, die die Ankömmlinge flink auf das Deck heben.

Das eiserne Deck ist heiß. Schiffbrüchige, die keine Schuhe haben, einschließlich Jobst, verschwinden schleunigst unter Deck. Ich gehe selbst dorthin, um zu sehen, wer alles überlebt hat. Überall liegen erschöpfte und verwundete Menschen herum. Die schwersten Fälle werden ins Hospital gebracht. Man bietet jedem, der herunter kommt, ein Glas Branntwein und eine Zigarette an. Die Luft ist dick, fast unerträglich. Zurück auf Deck, helfe ich Neuankömmlingen. Unter ihnen ist Herr Rusche, ein großer, fetter Mann ohne Kleider, der nicht mehr gehen kann. Meine Hände greifen nicht auf seinem ölbedeckten Körper. Andere Leute helfen mir, ihn ins Hospital schaffen.

Es dauert nicht zu lange, bis der Zerstörer alle Überlebenden aufgelesen hat und sich auf den Weg nach Schottland macht. Den größten Teil der Nacht verbringe ich in einer Ecke unter der Schiffsbrücke mit mehreren gleichaltrigen Matrosen, die uns nicht wie Gefangene behandeln. Ich entwickle ein wenig das Gefühl dazu zu gehören.

Am frühen Mittwoch Morgen taucht Ailsa Craig im Firth of Clyde aus dem Nebel auf. Ich erinnere mich noch an seine Form von meinem Besuch in Jahr 1936. Die ganze Gegend ist mir wohlbekannt, denn in dem Jahr fuhr ich mit Douglas Brown auf Dampfern zu verschiedenen Inseln. Als der Zerstörer in Greenock landet, stehen viele Soldaten, aber keine Zivilisten am Pier. Zuerst verlassen die Mannschaft der "Arandora Star" und unsere Wachen das Schiff. Sie werden begeistert empfangen. Als wir aussteigen, werden wir schweigend angeschaut und gezählt; wir sind wieder Nummern! Im Gegensatz zu dem Empfang, der uns an Land erwartet, schütteln die Matrosen des Zerstörers unsere Hände und wünschen uns Glück, das wir sicher gebrauchen können. Viele unserer Leute sind nur in Decken eingehüllt, manche tragen Matrosenkleidung. Die Schwerverletzten bleiben auf dem Schiff bis später. Während der Nacht starben noch vier Gefangene.

Der erste Verwaltungsakt ist, uns in Italiener und Deutsche zu sortieren. Franz Eichenberg, der für uns Flüchtlinge spricht, verlangt, daß wir separat von den Nazis gruppiert werden. Nach einigen Besprechungen wanken wir langsam, weil viele keine Schuhe haben, in drei Gruppen durch Greenocks Kopfsteinpflasterstraßen, bewacht von Soldaten auf allen Seiten, bis wir ein vielstöckiges Fabrikgebäude erreichen, das dasselbe ist, in dem die Schiffbrüchigen der "Athenia", des ersten torpedierten Passagierschiffs dieses Krieges, im September 1939 untergebracht wurden. Unterwegs starrt die Bevölkerung auf uns Ungeheuer. Die Morgenzeitungen berichten bereits über die Torpedierung der "Arandora" Star, den Verlust von ungefähr neunhundert Soldaten, Seeleuten und Gefangenen, und die Panik, die die Gefangenen verursachten!

Am Ziel angelangt, werden die Nazis auf dem obersten Stock untergebracht, die Italiener unter ihnen, und unsere Gruppe von 63 Mann im Erdgeschoß. Es dauert ziemlich lange, bis überhaupt etwas geschieht. Wir stehen auf dem Zementfußboden herum und warten auf Kleidung, Decken und Nahrung. Einer nach dem anderen gibt das Warten auf und sinkt auf dem Boden in ein schlafendes Häufchen von Unglück zusammen, nicht überraschend nach sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf und Essen. Es scheint Tatsache zu sein, daß keine Vorkehrungen für unsere Ankunft getroffen wurden. Nach Stunden werden trockene Kekse und Zigaretten unter uns verteilt. Später gibt es für jeden eine Wolldecke.

Am späten Morgen werden die Italiener weitertransportiert, man sagt, nach Liverpool auf ein anderes Schiff. Wir sind allein mit den Nazis, deren Jubeln und Singen uns durch einen zentralen Luftschacht der Fabrik erreicht. Sie haben sich schnell erholt, nachdem sie in den Zeitungen über den Fall Frankreichs und die Evakuierung von Dünkirchen gelesen haben.

Fleischkonserven und Brot mit Tee stellen die Mahlzeiten der nächsten drei Tage dar. Manche der Fenster unseres großen Raums sind zerbrochen und erlauben uns Kontakt mit der Bevölkerung. So erhalten wir Zeitungen und lesen mit Erstaunen, daß die ganze "Arondara Star"-Tragödie unser Fehler war. Wir wären undiszipliniert gewesen und angesichts der Tapferkeit und des Heldentums der Besatzung und der Wachmannschaft in Panik geraten. Natürlich waren wir alle Nazis. Die Tatsachen, daß man keine Rettungsübungen organisiert hatte, obwohl wir schon den zweiten Tag auf See waren, und daß mehrere der Rettungsboote seeuntauglich waren, werden nicht erwähnt.

In den nächsten Tagen erfahren wir die Nachrichten, die uns seit dem Fall von Dänemark und Norwegen vorenthalten wurden. Wir verstehen noch immer nicht den Zweck dieses Zeitungsverbotes.

Am Nachmittag spreche ich mit einer Krankenschwester, die mir verspricht, unsere Freunde Brown im nahen Bridge of Weir anzurufen. Am Abend erscheint Jan Brown. Wir haben unseren ersten persönlichen Kontakt nach neun Monaten mit einem befreundeten Außenseiter. Er verspricht uns, daß er Kleider bringen und Herrn Rogerson benachrichtigen wird. Am nächsten Tag kommt ein lokaler Pfarrer und hält einen kurzen Gedächtnisgottesdienst für die Toten ab. Danach gibt man uns heißen Tee und Kuchen. Weitere Pfarrer besuchen uns in den folgenden Tagen und bringen Kleidungsstücke. Sie ermöglichen manchen von uns, inoffiziell Verwandte zu benachrichtigen. Bisher dürfen wir offiziell nicht die Post benutzen.

Alle unsere Wachen sind ältere Männer. Sie behandeln uns gütig und drücken hier und dort die Augen zu, wenn wir versuchen, Nachrichten zu schicken. Während der Nacht des 4. Juli 1940 kommt Uwes Freund Rogerson von Glasgow mit Kleidung, die wir ihm vor zwei Wochen von Seaton schickten. Er bringt uns auch Geld und Erdbeeren, die mir der Offizier gibt, nachem er mich in der Mitte der Nacht aufweckt. Jan Brown kommt noch einmal. Am Freitag erhalten alle Gefangenen Militäruniformen des Ersten Weltkrieges. Haufen von langen Unterhosen, Hosen, Stiefeln und Jacken verschiedener Größen liegen in einer Ecke des Raums, der für diesen Zweck reserviert ist. Es ist unsere Aufgabe, das beste daraus zu machen. Auf dem Weg aus dem Raum werden die Rücken unserer Jacken, die wir sogleich anziehen müssen, mit roter Ölfarbe durch ein großes Kreuz dekoriert. Anscheinend sind wir jetzt für was auch geschehen mag vorbereitet.

Die Zeitung des nächsten Tages berichtet, wie unsere Wachen uns gegen die wütende Bevölkerung verteidigen müssen. So lerne ich etwas wichtiges für den Rest des Lebens, nämlich, fast nichts zu glauben, was an dieser Art von Tatsachen in Zeitungen beschrieben ist. Seit Tagen haben wir durch unsere zerbrochenen Fenster nur Güte und Hilfe empfangen.

Endlich haben die offiziellen Stellen zu unserem Problem der Benachrichtigung von Verwandten Stellung genommen. Man gibt jedem von uns zwei offene Postkarten mit dem Aufdruck: " Wir sind unversehrt (We are safe) ". Wir dürfen nicht erklären, warum die Karten geschickt werden. Nur Unterschriften sind erlaubt. Es wird den Verwandten überlassen, unsere Lage sich selbst auszumalen. Es ist schwer, sich den Gedankengang des Verantwortlichen für diese Lösung der Postbenützung vorzustellen.

Nach längeren Besprechungen kommen wir zu dem Schluß, daß 106 Personen von Seaton und Paignton ertranken oder danach starben. Wir hören, daß 45 Nazis und 450 Italiener umkamen. Es ist uns nicht möglich herauszufinden, wie viele Mitglieder der Schiffsmannschaft und der Bewachung ertranken. Unsere Antinazi-Gruppe hat 63 Mitglieder, die der Nazis ungefähr 200. Unser Bestreben, von den Nazis getrennt zu werden, wird bei jeder Gelegenheit dem kommandierenden Offizier vorgetragen. Er verspricht, sich darum zu kümmern.

Am Sonnabend Morgen, den 6. Juli, sagt man uns, daß es weiter geht, aber nicht wohin. Auf unsere Frage, ob wir mit den Nazis zusammenbleiben werden, sagt man, daß wir uns nicht sorgen sollen! Wir marschieren in unseren Kakiuniformen zum Bahnhof. Die Bevölkerung entdeckt unsere roten Kreuze erst, wenn wir vorbei sind. So ist es eine gemischtes öffentliches Unternehmen. Am Zug entdeckt man, daß nicht genügend Soldaten zur Verfügung sind, um uns und die Nazis zu bewachen. So reisen wir Antinazis ohne Wachen. Wenn es ihnen paßt, sind sie bereit, einen Unterschied zu machen! Auf dem Wege nach Edinburgh, um Glasgow herum, erleben wir fast etwas wie einen Triumphzug, denn wir sehen aus den Fenstern, und man sieht nur unsere Vorderseiten. Überall wird uns zugejubelt.

Am Abend werden wir auf einer kleinen Station südlich von Edinburgh ausgeladen. Während einer halbstündigen Autobusfahrt passieren wir einige Straßenkontrollen, die wahrscheinlich angesichts der drohenden Invasion eingerichtet wurden. Unser siebentes Lager trägt ein Schild: "Zugang verboten! Militärgebiet". Das rechteckige Lager mit doppeltem Stacheldrahtzaun enthält achtzig kleine Achtmannzelte, größere Wirtschaftszelte und Wellblech-Badeschuppen und -Latrinen. Es besteht keine Möglichkeit, von den Nazis getrennt zu werden. Während der vier Tage im Lager Woodhouselea vermehren wir unsere Anstrengungen, eine Trennung zu erreichen, aber der kommandierende Offizier, ein stotternder Leutnant in einem typischen Kilt erklärt uns am Schluß, daß sein Leben viel leichter gewesen wäre, wenn wir alle ertrunken wären. Dazu kommt noch, daß wir die ganze Zeit hungrig sind und frieren. Sogar im Juli ist eine solche Unterkunft für das schottische Klima nicht geeignet.

Welcher Gegensatz zwischen der Umgebung des Lagers und unserer Existenz! Am Fuße der Westseite hohe Hügel, uralte Bäume, weidende Schafe und Heidekraut: Schottland von seiner besten Seite. Dazu, auch typisch schottisch, regnet es täglich. Unsere Zelte stehen unter Wasser, und alles ist dauernd naß. Jeden Morgen und Abend müssen wir durch den Gang zwischen den Stacheldrahtzäunen zum Zählappell marschieren. Zuerst die Nazis, dann wir wenigen hinterher. Jedes Mal, wenn die Luftschutzsirenen im nahen Edinburgh aufheulen, wird das Lager von Soldaten umringt, die ihre Gewehre auf uns richten. Zu diesem Zweck werden sie durch ein recht sonderbares System von elektrischen Pfeifen alarmiert, die wie Minisirenen klingen.

Am Mittwoch, dem 10. Juli 1940, weckt uns um fünf Uhr morgens eine Trompete ohne Vorwarnung. Bald sind wir wieder in einem Zug unterwegs, dieses Mal nach Süden. Man sagt uns nicht einmal, daß wir uns nicht sorgen sollen. Am Ende des Tages wissen wir, wo wir sind, denn wir fahren wieder durch der Tunnel bei Liverpool, durch den wir die "Arandora Star" erreichten. Während wir auf dem Pier neben dem "H.M.T. Dunera" warten, sehen wir Soldaten das Schiff verlassen. Manche von ihnen halten Armbanduhren in den Hand und winken mit ihnen zu uns herüber.

HMT Dunera

Keiner von uns kann verstehen, was diese Handlungen andeuten. Beim Einsteigen werden wir von einem Offizier mit einem mechanischen Zählgerät registriert. Einmal auf dem Schiff, werden wir das Deck entlang getrieben, wobei die Wachen uns untersuchen, uns unser kleines Gepäck abnehmen, Zigaretten und Geld entwenden. Manche von uns verlieren dabei auch Uhren und Ringe. Einigen gelingt es, solche Wertgegenstände schnell zu verstecken. Jetzt ist es nicht mehr schwer, den ganzen Vorgang zu verstehen.

Aber schon werden wir durch ein Tor in einem Stacheldrahtzaun gedrängt, der einige Meter von der Reling das Deck unterteilt. Lager Nummer 8 hat in diesem Sinne etwas mit den meisten früheren Lagern gemeinsam. Ein Offizier führt uns mit den Nazis in dasselbe obere Heckdeck des Schiffs. Sofort weigern wir uns, in dieser Gesellschaft zu verbleiben; wir stehen für eine Weile im Dunkeln herum, während Franz Eichenberg mit dem Offizier verhandelt. Er gibt schließlich nach und führt uns auf das unterste Hinterdeck. Auf dem Zwischendeck sind die Italiener. Alle Heckdecks sind miteinander durch eine zentrale Treppe verbunden und haben gemeinsame Waschräume und Latrinen.

Es ist uns nicht erlaubt, an Deck zu gehen. Um zweiundzwanzig Uhr bekommen wir etwas zu essen. Niemand stört uns, und wir treffen Vorkehrungen für die Nacht. Da es keine Decken oder Matratzen gibt, liegen wir auf Tischen, Bänken und dem Fußboden und frieren erbärmlich. Viele von uns klagen über den Verlust ihrer wenigen persönlichen Schätze wie auch ihres sowieso elementaren Gepäckes. Wir sind deprimiert und voller Sorgen.

Gegen Morgen wird die Kälte für mich unerträglich. Ich stehe auf, versuche an Deck zu gehen und entdecke, daß wir von der Reling vollkommen durch Stacheldraht abgeschnitten sind. Wir sind in einem Käfig. Nach der Erfahrung der vorhergehenden Woche ist es nur zu natürlich, nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen für den Fall, daß das Schiff wieder torpediert wird. Es gibt nur einen sechzig Quadratmeter großen Platz auf Deck, wo außerhalb des Zaunes ein Posten mit Gewehr Wache steht. Er schickt mich sofort wieder hinunter, ohne meine Fragen zu beantworten. Ich habe gerade Zeit zu sehen, daß wir bereits unterwegs in der Irischen See in Begleitung zweier Zerstörer und eines großen Transportschiffes sind.

Auf dem Rückweg zu meinem Deck treffe ich einen Unteroffizier, der mir unter Drohungen meine Tresor Armbanduhr abnimmt, die ich zur Konfirmation für das ganze Leben erhielt. Sie ist sowieso wertlos, denn obwohl aus Nirosta-Stahl und wasserdicht, hat sie den Atlantik nicht vertragen. In den folgenden Stunden verlieren viele von uns auf dieselbe Weise ihre letzten Wertgegenstände, oder verstecken, was noch zu verstecken wert ist. Man gibt uns Decken und Hängematten, die wir während der Nacht in dem für unsere Gruppe recht kleinen Raum so gut wie möglich aufhängen. Während des Tages sind zu wenig Sitzplätze für alle, ob sie nun lesen, schreiben, essen oder Karten spielen wollen. Das Schiff ist mit über 3000 Gefangenen weit überfüllt.

Die Routine des Tages beginnt damit, daß ausgewählte Leute von der Küche, zwei Deck über uns, das Frühstück holen, das aus geräuchertem Fisch oder Würstchen, Brot, Margarine, Marmelade und Tee besteht. Die Teller und Gefäße werden sofort danach in dem primitiven Waschraum gewaschen, der mit der Küche auf demselben Deck liegt. Entlang einer Seite dieses halboffenen Raumes, der von der einen Seite des Schiffes zur anderen läuft, gibt es ein halbmeterbreites, offenes, halbrundes Spundloch mit einem Geländer darüber, auf dem man hocken kann. Die See flutet durch dieses Spundloch und trägt jedermanns Beitrag mit sich weg. Bei Sturm erfordert dieser Ort viel Kraft und Talent. Der am meisten dabei leidende ist Manfred Adam, der künstlerisch und musikalisch hochtalentierte Bruder von Leonhard Adam, einem hohen Berliner Justizbeamten und bekannten Autor von Büchern über buddisthische Kunst, eines von denen ich zur Konfirmation als Geschenk erhielt.

Jeden Morgen um 9 Uhr 30 kommen die Soldaten in unsere "Zellen" und jagen jeden durch den Ausgang im Drahtzaun auf das Deck hinaus, wo einer hinter dem anderen mehrere Male um das Deck marschieren muß. An beiden Enden, auf beiden Seiten des Decks, stehen Maschinengewehre mit Soldaten in Bereitschaft. Würden die Zeitungen überhaupt, und wenn doch, was berichten, sollte eines Tages einer von ihnen auf den Knopf drücken? Ab und zu gelingt es mir, mich unten zu verstecken und an diesen Übungen nicht teilzunehmen.

Während die Gefangenen auf Deck sind, werden unsere Räume mit Desinfektionsmitteln gewaschen. Die Wachmannschaften sind äußerst unhöflich und grob zu uns. Man hat den Eindruck, daß die Offiziere, die wir selten sehen, wenig Kontrolle haben. Wenn man bedenkt, daß manche von uns nach England kamen, um den deutschen Lagern zu entgehen, ist es nicht schwer zu verstehen, daß wir Zeit brauchen, um uns an diese unerwartete Lage zu gewöhnen.

Das tägliche Mittagessen besteht aus einer Suppe, kleinen gekochten Fleischstücken mit einer Soße und Kartoffeln, und einem Nachtisch. Das klingt fast aufregend, jedoch ist das Essen öfters angebrannt und es ist schwer seinen Geschmack zu beschreiben. Mit der Zeit wird es immer schlechter, und verdorbene Mägen werden zur Regel des Tages mit wiederholten Übungen am Heck. Um sechzehn Uhr wird Tee oder Kaffee gereicht: Brot, Marmelade oder bisweilen ein Stück Käse, Obst oder ein typischer Englischer Kuchen, der getrockenes Obst enthält. Das Abendessen um neunzehn Uhr besteht aus Fisch oder Makkaroni mit geriebenem Käse, Marmelade und Brot. Außer über der Treppe und im Waschraum wird das Licht um 22 Uhr gelöscht.

Nach wenigen Tagen gelingt es Franz Eichenberg, mit einem der Offiziere zu sprechen und sich über den Sinn des Zaunes und die Diebstähle zu erkundigen. So hört er wieder einmal die Aufforderung, sich nicht zu sorgen, vielleicht weil im Falle einer Torpedierung alle von uns ertrinken werden. Franz wagt danach noch einmal, sich nach Rettungsübungen zu erkundigen, worauf der Offizier nur lacht. Jedoch verspricht er, die Diebstähle zu untersuchen.

Es ist ein Glück, daß die Salzwasserbrausen laufend benützt werden können. Als wir die Tropen erreichen, verbringen wir viel Zeit unter ihnen. Während Stürmen steht der ganze Raum unter Wasser und man watet knietief in scmutziger Brühe. Es ist ein Wunder, daß keine gefährliche Epidemie ausbricht.

Während der ersten Tage ist die unermüdliche Suche der Wachmannschaften nach Wertgegenständen unsere Hauptsorge. Ein Offizier schlägt vor, daß wir was noch übrig ist sammeln und ihm zum Aufbewahren geben sollen. Er bringt Umschläge und Schreibmaterial für diesen Zweck. Wir folgen seinem Rat. Jeder Wertgegenstand wird sorgfältig registriert und mit einem Etikette versehen. Er nimmt die Sachen an sich und wir sehen sie so zum letzten Mal. Eines Tages taucht ein Haufen von Kleidungsstücken auf, ein Teil von dem, was uns am ersten Abend abgenommen wurde. Auf jedem Deck wird eine Ausstellung organisiert, die zum Wiedersehen mit einigen wenigen Einzelstücken führt. Zu dieser Zeit hat jemand die Galgenhumor Idee, unser Schiff "Dunera" in "Taschendiebschlachtschiff" (Pick-Pocket-Battleship) umzutaufen. Die folgende Umschreibung eines bekannten Limericks beschreibt gut den Humor dieser Zeit:  

There was a young man from Larkie There was a young man from Eira
who had an affair with a darkie who sailed on the troopship Dunera
the result of his sins were the result of his sins
quadruplets not twins was a wristwatch not twins,
one white, one black and two khaki. for he lived in a civilized era.

Am Freitag, dem 12. Juli 1940, krieche ich nach dem Frühstück zurück in meine Hängematte, um noch ein wenig zu schlafen. Plötzlich weckt Bruder Jobst mich mit den Worten: "Steh auf, es geht schon wieder los!" Alle sind aufgeregt, laufen sinnlos herum und schreien. Das Schiff wurde zweimal erschüttert. Kleine Explosionen? Viele denken, es ist wieder ein Torpedo gewesen und drängen sich die enge Treppe zur Küche und dem kleinen Platz auf Deck hinauf. Einer von den Gefangenen klettert am Stacheldrahtzaun des inneren Lichthofs herauf, während unser Hundert-Kilo-Mann, der Berliner Klaviertransporteur Kaminsky, sein volles Gewicht gegen die Tür im Drahtzaun auf dem Deck wirft und sie aufbricht. Ein Schuß fällt, und unser Schwergewicht erhält einen oberflächlichen Bajonettstich. Langsam ebbt die allgemeine Aufregung ab, da das Schiff ruhig weiterfährt. Dieser, wahrscheinlich falsche Alarm zeigt uns, was im Ernstfall geschehen wird. Ich erfahre erst viele Jahre später, aus deutschen Aufzeichnungen, was an diesem Tag passierte: Das Torpedo traf nicht das Schiff, das plötzlich, wahrscheinlich unbewußt seine Richtung änderte. Aber die nächsten Wochen vergehen unter dem Eindruck dieses Ereignisses.

Am 13. Juli 1940 trennt sich unser Schiff von dem anderen Transport und den Zerstörern, von denen einer unser Retter H 83 nach der Torpedierung der "Arandora Star" ist. Im Zickzack fahren wir in südlicher Richtung weiter. Jetzt wissen wir schon, daß Kanada nicht unser Ziel sein kann. Wohin kann es wohl gehen? Bald sehen wir die ersten fliegenden Fische. Es wird warm; die Sonne steht in der Mitte des Tages über uns. Auch frieren wir nachts nicht mehr. Nun brauchen wir als Tagesanzug nur ein Stück Tuch - anstandshalber. Lange Hosen werden kurze Hosen. Ein großer Schlauch wird von oben in den Lichtschacht gehängt und sorgt für Luftzirkulation. Wer sich nachts nicht gut zudeckt, zieht sich Erkältungen und Magenbeschwerden zu. Wartelisten regeln den Aufenthalt auf unseren sechzig Quadratmetern auf dem offenen Deck.

Am Mittwoch, 24. Juli 1940 erreichen wir Freetown in der Sierra Leone. Zunächst sehen wir Eingeborene, die einzeln von kleinen Kanus aus auf offener See fischen. Das Schiff läßt den Anker auf der Außenreede fallen. Es gibt Palmen, Neger, runde strohgedeckte Hütten mit Kegeldächern und Bungalows unter Bäumen und Büschen. Für mich ist dieses visuelle Erlebnis beschränkt durch den Verlust meiner Brille bei der Torpedierung. Der Aufenthalt dauert nur kurz, denn aus der Gerüchteküche hören wir, daß es in Freetown für das Schiff weder Wasser noch frische Nahrung gibt. Nach drei Tagen laufen wir Tacoradi an der Goldküste an, wo die Eingeborenen von größeren Kanus aus, aber zu zweit oder sogar in größerer Gesellschaft fischen. Auch sind ihre Ruder anders geformt.

Dieses Mal legt das Schiff für zwei Tage an einer kleinen Mole an. Tacoradi ist nicht groß, aber schön gelegen. Es hat eine winzige Eisenbahnstation bei der Mole, eine Radiostation auf einem Hügel hinter der Stadt, ein neues Hospital, Negerwachen auf der Mole und einen nie aufhörenden Strom von Eingeborenen, die kommen, um gefangene Weiße in einem Käfig anzugaffen. Am Abend führt einer unser Offiziere französische Kollegen und Soldaten durch unser Deck.

Während dieser Tage gelingt es mir, einen Vorrat an Toilettenpapier zu beschaffen. Mein größter Schatz wird ein Stückchen Bleistift. Ich beginne meine Aufzeichnungen über die vergangenen Wochen und führe fortan ein Tagebuch, sodaß schon seitdem wir Seaton verließen, meine Darstellungen nicht auf meinem Gedächtnis beruhen. Wir sind schon zehn Monate interniert und ein Ende ist nicht abzusehen. Niemand zweifelt daran, daß wir wieder in ein Lager kommen werden, sodaß es eigentlich nicht eine Reise ins Blaue ist. Wir werden noch viele Anträge stellen müssen. Zu dieser Zeit meint auch einer oder der andere, daß das Ziel Australien ist. Es wäre eine Ironie des Schicksals, daß wir vor fast einem Jahr die australischen Visen erhielten.

Alle sind körperlich schon sehr heruntergekommen. Die Seatonleute, die nach dem harten Winter von der Sonne ganz schön verbrannt waren, haben alle Farbe verloren. Ich bin sehr nervös und dazu geneigt, mich wegen ganz nebensächlichen Dingen zu streiten. Bruder Uwes primitive Messungen des Sonnenstandes deuten uns an, daß wir elf Grad südlich des Äquators sind. Die See ist sehr bewegt, aber die meisten haben sich schon an die Schiffsbewegungen gewöhnt. Auf unserem Deck ist niemand mehr seekrank.

Am Donnerstag, den 8. August 1940 erreichen wir Kapstadt. Durch unseren Zaun sehen wir diese schöne Stadt, die an den Hängen des Tafelbergs hinaufklettert. Sein Gipfel ist fast immer durch Wolken verdeckt, doch zeigt er sich uns einige Male. Der Hafen ist voller Schiffe. Abends hören wir den Verkehr und sehen die Straßenlichter, denn Kapstadt ist nicht verdunkelt. Ich erinnere mich an eine Postkarte aus Kapstadt, die unser Königsberger Arzt Hans Landecker auf seiner Ausreise nach Australien letztes Jahr an die Eltern schickte, auf der er ähnliche Eindrücke schilderte.

Es wird Proviant geladen, und ein Naziinternierter wird von Bord genommen. Man sagt, daß Australien sich weigert, ihn hereinzulassen, oder hat er Freunde mit Einfluß in Südafrika? Es gelingt uns, eine Zeitung zu lesen. So hören wir von Trotskis Ermordung in Mexiko. Der ursprünglich polnische Internierte Sufit erzählt, wie er Trotzki vor 20 Jahren sprechen hörte und drückt seine große Bewunderung für ihn aus. In was für einer Welt leben wir, in der aus Steuergeldern bezahlte Morde so engagiert werden?

Von Kapstadt geht es nach Südosten in den Südlichen Ozean. Das Wetter verschlechtert sich, als wir in die Zone der starken Westwinde einfahren. Die Schiffsbewegungen werden immer wilder. Nachts liege ich in der Hängematte während die Welt sich um mich dreht. Die Seile der vielen Hängematten spannen sich und stöhnen. In der Nacht des Montag, des 19. August 1940 hört plötzlich das monotone Geräusch der Schiffmaschinen für drei Stunden auf. In der Küche über uns führen Töpfe und Pfannen ein unerwartetes Eigenleben, das einem das Gruseln beibringen könnte. Porzellan fällt auf den Boden, zerbricht und rutsch in dem rollenden und stampfenden Schiff hin und her. Die Italiener auf dem Deck über uns reagieren sehr schnell mit lautem Geschrei. Wieder setzt eine Panik ein, und viele Leute stürmen die enge Treppe aufs Deck hinauf. Nach einem Crescendo dieses Duetts der Menschen und Küchengeräte arbeiten die Motore wieder wie ein Uhrwerk, und das Schiff verfolgt seinen Kurs nach Australien.

Dieses Ereignis veranlaßt uns, erneut Rettungs-Übungen und -Gürtel zu verlangen. Jedoch wissen alle, daß nur Glück uns am Leben erhalten kann. Falls alle von uns ertrinken und die Schiffs- und Wach-Mannschaften ohne uns auftauchen sollten, würde uns eine nachfolgende Parlamentarische Untersuchung nichts nützen.

Am Mittwoch, dem 21. August 1940 springt während des Morgenspazierganges der vierzigjährige Herr Weiß vom Vorderdeck über Bord. Unerwarteterweise schießen die Wachen nicht auf ihn. Das Schiff hält sogar an und fährt zurück. Aber der Ozean ist kalt, und Weiß ist nirgendswo zu sehen. Mag sein, daß die Sorgen um die Zukunft und seine Familie zuviel für ihn waren. Man sagt, daß er alle seine Papiere für die Einwanderung nach den USA verlor.

In vier Tagen sollen wir Freemantle an der australischen Westküste erreichen. Angesichts der sich abzeichnenden Veränderung sprechen viele von ihrer Angst, daß im letzten Augenblick noch etwas schief gehen könnte. Die Älteren erinnern sich an ähnliche Gefühle während des Ersten Weltkriegs an Tagen vor einem Urlaub.

Am 22. August 1940 sitze ich abends am Tisch und schreibe mein Tagebuch, als ein vollkommen betrunkener Offizier die Treppe in unser Deck herunterfällt. Er besteht darauf, daß ich und einige Kartenspieler schlafen gehen. Obwohl es nur eine Lampe auf dem Deck gibt, haben einige von uns begonnen, nachts aufzubleiben und am Tag zu schlafen. Alle sind gespannt.

Ein Gerücht macht die Runde, daß Australien viele Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich interniert hat und daß wenigstens alle Männer unter fünfundsechzig in Lagern sind. Ihre Fälle sollen revidiert werden, und wir wissen nur zu gut, was das bedeutet. Können wir drei Brüder vielleicht unsere Papiere von Canberra bekommen und richtig einwandern? Seit wir auf der "Arandora Star" alle unsere Papiere verloren haben, ist die Sorge um Dokumente groß. Ich kann nicht einmal beweisen, daß ich das Abitur bestanden habe und in München immatrikuliert war. Andere "Nachrichten" sagen, daß wir von Freemantle mit dem Zug weiterfahren, daß wir alle in Melbourne oder Sydney ausgeladen werden usw. Niemand scheint etwas von anderen australischen Städten zu wissen.

Ein letzter, nicht lange andauernder Sturm vor Freemantle hält uns durch ein Küchengerätkonzert wach. Aber alle sind jetzt an Stürme gewöhnt und niemand überreagiert. Am letzten Tag, bevor wir Land erreichen, habe ich eine Gelegenheit, das viel größere "Lager" im Bugteil des Schiffs zu besuchen. Da befinden sich über zweitausen Mann, die kurz vor dem Fall Frankreichs interniert wurden. Solche Besuche sind nur dadurch möglich, daß man zu den Trägern gehört, die täglich Nahrungsmittel vom Hauptspeicher in einem Bugraum holen. Die Träger sind die einzige Verbindung zwischen den zwei Schiffsteilen. Ich muß mir Zivilkleider borgen, denn meine aliasenglische Uniform kennzeichnet mich als "Arandora Mann". Ich verlasse zum ersten Mal das Lager am Heck am Morgen nach dem Frühstück und kehre mittags zurück. Im Bug treffe ich den Bruder von Professor Rothfels, der mir am letzten Tag in Berlin das Geld für die Reise auf dem FD-Zug borgte. Wie klein doch die Welt sein kann! Ich erhalte auch Nachrichten über einige der aus Seaton Entlassenen und dann wieder Internierten. Viele der Leute im Bug haben sich freiwillig für Kanada gemeldet und sind aus diesem Grund enttäuscht. Unter ihnen sind mehrere hochgebildete Leute und Künstler. Ich kehre zurück mit der Hoffnung, daß wir in Australien mit ihnen im selben Lager sein werden. Das würde ein Schritt in der richtigen Richtung sein. Es würde mir vielleicht ermöglichen, mein Studium wieder aufzunehmen, wenn Krieg und Internierung noch viel länger andauern sollten.

Am Dienstag, dem 27. August 1940, ungefähr um acht Uhr, tauchen die Inseln der australischen Westküste auf. Sechs australische Ärzte kommen mit dem Lotsen auf hoher See an Bord und wir müssen nacheinander an ihnen vorbeimarschieren. Unsere Unterarme werden geprüft. Jedes Land scheint seine eigene Methode für die Untersuchung von Gefangenen zu haben! Um zehn Uhr ankern wir auf der Reede von Freemantle, einem kleinen, sauberen Hafen. Wir sehen Schiffe, Züge, Autos. Auf nahen Hügeln stehen sonderbar aussehende, dreieckige Bäume - Norfolk Pines. Unser erster Eindruck ist gut. Den ganzen Tag bunkert das Schiff neuen Proviant. Am Abend fahren wir weiter. Niemand von uns weiß wohin, aber wir denken daß es nur zwei Möglichkeiten gibt: Melbourne oder Sydney. Niemand hat von Adelaide gehört.

Auf dem Wege nach Süden ruft die Küste Erinnerungen an Nidden in mir wach. Strand mit Sand, nackte Dünen, im Hintergrund hohe Bäume, an einigen wenigen Stellen mehrere Häuser. An diesem Abend sehen wir den ersten der schönen, farbigen Sonnenuntergänge, die für Australien so typisch sind. Am nächsten Tag, um dieselbe Zeit, fahren wir auf einen gewaltigen Regenbogen zu, der wie ein Tor den Himmel vor dem Schiff überspannt. Sonst ereignet sich nichts bis wir Melbourne am ersten Jahrestag des Ausbruchs des Krieges erreichen.

Vor dem Schlafengehen am Abend des Montag, des 2. September 1940 kann man schon einen Leuchtturm sehen. Ich schlafe schlecht und stehe um zwei Uhr auf, um zu duschen bevor alle dieselbe Idee haben. Danach gehe ich auf das Deck und beobachte wie das Schiff in einen Kanal zwischen Scheinwerfern einläuft, die von zwei Lotsenbooten stammen. Ich sehe die letzten Wellen des Ozeans leuchten und dann die dunkle Oberfläche ruhigen Wassers. Die Wache schickt mich dann unter Deck. Erst als die Sonne aufgegangen ist, dürfen wir wieder herauf. Wir sind in der Bucht vor Melbourne - Port Phillip Bay - mit Strand und Hügeln hinter uns. Vor uns liegt eine Nebelschicht. Plötzlich tauchen zwei Schlepper daraus auf. Die Existenz der Stadt Melbourne kan man nur erahnen.

Am Abend vor der Ankunft in Melbourne hat man uns mitgeteilt, daß unsere Gruppe zusammen mit den Nazis, Italienern und einigen anderen Deutschen hier ausgeladen wird. Unserer erster Kampf wird wieder der Trennung von den Nazis gelten. Die Hoffnung, mit den Leuten aus dem Buglager zusammenzubleiben, ist bereits illusorisch. Wir waren fünfundfünfzig Tage auf der "Dunera". Es tut niemand leid, sie zu verlassen.

Während wir auf dem Deck unsere Ausladung erwarten, beobachten wir den Verkehr am Ende der Mole. Wir sehen nicht viel mehr von Melbourne, das immer noch im Nebel liegt. Die Nazis verlassen als erste das Schiff, gefolgt von den Italienern und dann uns Anti-Nazis. Alle Namen werden auf einer Liste abgehakt. Dann geht es eine Treppe hinunter zum wartenden Zug mit kleinen Abteilen für je acht Mann. Unsere neuen Wachen sind ältere, freundliche und redefreudige Männer, die mit viel Geduld auf unsere vielen Fragen antworten. So erfahren wir sogleich, daß eine mehrstündige Zugreise vor uns liegt. Gegen Mittag fängt der Zug sich zu bewegen an. Er enthält ungefähr zweihundertzwanzig Nazis, zweihundert Italiener und hundertzehn von uns. Auf dem Weg durch Melbournes Vorstädte sehen wir eine Vegetation, die uns ganz fremd ist. Viele Bäume mit Rauten von gelben Blüten, die mit Europas Mimosen verwandt zu sein scheinen, Palmen und Eucalyptus beherrschen die Szene. Viele Gärten haben blühende Obstbäume.

Auf dem Weg durch das Zentrum von Melbourne hält der Zug mehrere Male an und wird umrangiert. Wir sehen große Gebäude und breite Straßen mit vielen Menschen, Autos, Straßenbahnen und Reklamen. Ich bekomme einen Eindruck von dem, was uns erwartet hätte, wären wir als wahre Einwanderer anstatt als Sträflinge hier angekommen. Vom Zug aus sehen wir in den Vorstädten hinein in lange schmale Gärten mit meist hölzernen, weißen Bungalows dahinter, die fast ohne Ausnahme Zitronenbäume und Außentoiletten haben. Die Seitenzäune aus Wellblech oder Latten sind so hoch, daß man nicht zum Nachbarn hinübersehen kann.

Außerhalb Melbourne reisen wir durch offenes Land mit wenigen sehr großen Bäumen, mit Grasland und mit weidenden Schafen. "Keine Känguruhs, keine Emus?". "Ihr müßt euch etwas gedulden", sagt unser Schäfer. Während des Ersten Weltkriegs war er in Ägypten und Frankreich.

Wir erreichen am Nachmittag um 2 Uhr die Seymour-Station, wo wir zum ersten Mal in allen diesen Monaten der Internierung Vorkehrungen für unser Wohlbefinden antreffen. Mehrere, schön angezogene, junge Damen und eine Gruppe höherer Offiziere empfangen uns. Jeder von uns erhält ein Päckchen mit belegten Broten und Kuchen. Das Brot ist mit Butter bestrichen! Dazu gibt es frisches Obst und Tee, sehr starken, süßen Tee mit Milch. Wir fangen an, uns wieder wie Menschen zu fühlen.

Gegen siebzehn Uhr erreichen wir die kleine Station Rushworth, wo viele Zuschauer und mehrere Omnibusse auf uns warten. Nach einer Autobusfahrt von dreißig Minuten kommen wir zum sehr großen Tatura Lager 2 an einem Hügelabhang mit Blick auf einen See, unserem neunten Lager. Lange Hütten stehen in geraden Reihen den Hügel hinauf. Jede Hütte enthält in zwei zentralen Reihen, an einer gemeinsamen Wand entlang, achtundzwanzig, doppelstöckige Schlafkojen. Das Lager ist durh einen Zaun in zwei Teile geteilt. Jeder Lagerteil hat zwei Kantinen und dazwischen eine geräumige Küche. Anfangs ist die Verbindung zwischen den beiden Lagern offen, aber bald bestehen die Italiener darauf, von den Nicht-Italienern getrennt zu sein. Wir müssen mit den Nazis zusammen bleiben, haben aber unsere eigene Kantine. Alle Gebäude stehen auf kurzen Stelzen, haben Holzrahmen, Wellblech-Wände und -Dächer. Das Lager wurde anscheinend erst gerade fertiggestellt. Es gibt viele Anzeichen eines überstürzten Bauabschlußes. Nägel, Holzüberreste, Zementsäcke liegen überall herum bis wir sauber machen.

Während der ersten Tage ist es sehr kalt. Die Wachen sagen uns, daß dies die kältesten Septembertage seit fünfundachtzig Jahren sind! Es gibt viel zu essen, täglich vier Mahlzeiten. Während der ersten Wochen essen wir unaufhörlich, bis wir fast platzen. Die Hütten sind überhaupt nicht isoliert, sodaß wir bei den kalten Temperaturen bald merken, daß vier Wolldecken für die Nacht nicht genügen. In meinem ganzen Leben habe ich nicht mehr gefroren als während dieser ersten Wochen in Australien. Es gibt außerhalb der Küche keinen warmen Ort. Nach einiger Zeit erhalten wir auf Verlangen eine fünfte Decke.

Unangenehme Resultate unseres Lagerlebens ergeben sich aus dauernden Streitigkeiten mit den Nazis. Da sie die Majorität sind, den besten demokratischen Prinzipien folgend, haben wir keinen Vertreter in der inneren Lagerverwaltung, die unter dem australischen Lagerkommandanten arbeitet. So ist es nicht erstaunlich, daß man uns regelmäßig das Säubern der Latrinen zuteilt, die in einer ununterbrochenen Reihe in einem halboffenen Wellblechschuppen stehen. Wir bringen eine Beschwerde beim Kommandanten vor, der anordnet, daß wir an allen Aktivitäten und Diskussionen teilzunehmen haben. Schon nach wenigen Stunden werden unsere Vertreter wieder an die Luft gesetzt. So geschieht es, daß wir am Ende "nichtarbeitende Gäste der Partei" werden. Bald nachdem wir diesen Status erreichen, hören wirt, daß wir  getrennt und bald in unser zehntes Lager befördert werden.

Dieses große Ereignis findet am Mittwoch, dem 25. September 1940 statt. Zunächst müssen wir ein Dokument unterzeichnen, daß wir auf dem Transport keinen Fluchtversuch unternehmen werden! Wohin? Dann fahren uns mehrere Lastwagen mit unserem ärmlichen Gepäck zu dem etwa zwanzig km entfernten Tatura Lager 10. Anscheinend ist die ganze Gegend mit Gefangenenlagern belegt, die alle erst kürzlich errichtet wurden. Unser Lager hat vier dreieckige Sektoren, in einem Quadrat. Breite Diagonalstraßen trennen die Sektoren, von denen jeder Schlafgelegenheiten für ungefähr zweihundert Personen hat. Jede Hütte hat sechzehn kleine Räume für je zwei Mann. Die Hütten stehen auf Stelzen, und kleine Treppen führen zu je zwei Stübchen hinauf. Die Hütten sind durch Holzrahmen und Tischlerplatten unterteilt. Alles ist unglaublich zivilisiert und bequem.

Es wird uns bald klar, daß eine neue Gruppe von Gefangenen erwartet wird. Am 27. September 1940 kommen sie aus Singapur an. Sie sind auf der " Queen Mary" der Cunard-Linie hierher gereist. Die beiden "Queens" sind zu Truppentransporten umgebaut worden und sollen wahrscheinlich australische Truppen in den Nahen Osten bringen. Unserem Sektor werden 65 allein stehende Männer zugeteilt. Ehepaare und ihre Kinder werden im Sektor neben uns untergebracht. Nachts hören wir Kinder weinen, am Tage sehen wir unsere Nachbarn und sprechen mit ihnen. Es ist gut, daß bei uns ein neuer Wind weht. Es gibt unter den Neulingen eine Tanzkapelle, Berufsmusiker, einen Zahnarzt, zwei Ärzte, Ingenieure, einen Photografen - viele Jahre später weltbekannt als Helmut Newton- , einen Bildhauer, einen Nationalökonomen und andere Berufstätige.

Sie haben ihren gesamten Besitz in ungezählten Kisten mitgebracht, sodaß wir plötzlich Dinge zu sehen bekommen, deren Existenz wir schon längst vergessen haben. Franz Lebrecht aus Mainz, der vier Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald hinter sich hat, wurde 1934 mit Blumen an Rosa Luxemburgs Grab verhaftet. Er hat eine schöne Bücherei. Für mehrere Tage arbeiten wir am Bahnhof Rushworth beim Ausladen dieser Sachen und fahren mit den Lastwagen hin und her. Schon lange war das Leben nicht so interessant.

Meine Brüder fangen wieder mit dem Schreiben von Entlassungsanträgen an, die jetzt nach England adressiert werden müssen. Wir versuchen auch in Kontakt mit den wenigen Leuten aus Königsberg zu kommen, von denen wir wissen, daß sie in Australien sind. Einer von ihnen ist unser Arzt Hans Landecker in Sydney. Ich erinnere mich an einen Geologen, dessen Namen und Adresse ich vergessen habe. Er war ursprünglich ein Schüler im Hufengymnasium und gab dort einen Vortrag über Wegeners Grönland Expedition. Jede Woche schreibe ich einen von den zwei Briefen, die uns erlaubt sind, an eine andere australische Universität mit losen Angaben seiner Biographie. Nach ein paar Wochen habe ich Erfolg. Kurt Teichert antwortet, schickt mir später Mathematikbücher und erwähnt den Meteorologen Dr. Fritz Loewe in Melbourne, der für Bruder Uwe von großem Interesse ist und für seine Zukunft entscheidend sein wird. Der andere wöchentliche Brief wird an die Eltern oder an Freunde abgesandt, die wissen könnten, wo die Eltern sind. Wir haben von ihnen nicht gehört, seit wir Seaton verließen. Sind sie in Italien, Venezuela oder in den USA?

Es sieht so aus, als ob dieses Lager uns für längere Zeit beherbergen wird. Wir richten uns häuslich ein. Überall liegt Baumaterial herum, das wir sehr gut zum Möbelbau gebrauchen können. So entstehen Tische, Stühle und Bücherbretter. Das Papier der Zementsäcke wird zum Schreiben umfunktioniert und herumliegende Steine zu Kreide. Es gibt verschiedene Arbeitsgelegenheiten in der Küche, im Lager und im Badehaus, bei denen man sich ein Taschengeld verdienen kann. Sonst kommt kein Geld in das Lager, weil das Rote Kreuz für uns nicht verantwortlich ist, nachdem wir unsere Verbindung mit Nazideutschland negierten. So arbeite ich hier und dort. Schließlich hacke ich für längere Zeit das Brennholz für die Küche und mache am frühen Morgen Feuer, bevor ich den Koch und seine Assistenten aufwecke. Ich liebe diese Morgen, wenn die funkelnden Sterne langsam dem Tag platzmachen und die Elstern dieses Naturschauspiel mit Chorälen begleiten. Ich bin allein und sehr zufrieden.

Jeden Tag haben wir Appell auf einem freien Platz vor dem Badehaus und eine Besichtigung aller Wohnräume. Wir müssen dann vor den Stufen zu unseren Räumen stehen, während der Kommandant, seine Offiziere, sein Feldwebel und unser eigener Lagerleiter mit seinem Stellvertreter vorbeikommen und sich davon überzeugen, daß die Decken richtig gefaltet auf dem zusammengeklappten Strohsack liegen. Nur einmal hat der Appell sich gelohnt, das heißt, jemand ist ausgebrochen. Das wird uns dadurch bekannt, daß unser Jazztrompeter Oskar Fleischer uns früher als gewöhnlich zum Appell ruft. Ein in Australien Internierter, der kürzlich in unser Lager kam, hat während der recht warmen Nächte hinter einer Decke am inneren Stacheldrahtzaun geschlafen. Wir und die Wachtposten haben ihn dort gesehen und die Posten haben sich sogar mit ihm unterhalten. An diesem Morgen war nur noch die Decke am Zaun. Er ist aber nicht weit gekommen, obwohl er sich in Australien auskennt und einen guten australischen Akzent hat.

Das australische Brennholz ist sehr hart. Ich zerbreche viele Axtstiele, bis ich mit dem Holz unter den Augen meines Hüttengenossen und Freundes Albin Schramml aus Grundlsee in der Steiermark fertig werde. Vor dem sogenannten "Anschluß" Österreichs hat er dort Skiunterricht gegeben und Verbindugen gefunden, die ihm seine Flucht nach England ermöglichten. Er verließ seine Heimat, weil er nicht organisiert werden und nicht zu Vereinigungen gehören wollte, zu denen man gehören mußte. Stunde um Stunde liegt er auf seinem Strohsack, raucht und beobachtet mich beim Studieren. Wir sprechen nicht viel miteinander, verstehen einander aber sehr gut.

Franz Eichenberg, unser gewählter Lagerleiter seit den Seatontagen, findet heraus, daß die neuen Mitglieder unserer Gesellschaft aus Singapur auch einen Konkurrenten brachten, Franz Rosenthal, einen Geschäftsmann aus Berlin. Wochenlang heizt sich das politische Klima auf. Bei einer Gelegenheit verbringt Rosenthal sogar einige Tage im Hungerstreik in einer Einzelzelle außerhalb des Lagers. Es ist wie die große Welt im kleinen. Jede Art von Abwechslung ist willkommen.

Vor einem Jahr hörte ich auf, systematisch zu studieren. Allmählich fasse ich wieder Tritt, mein Studium erneut aufzunehmen. Wir stellen Anträge auf Bücher, Schreibmaterial, usw. Eines Tages empfangen wir die erste Sendung der Australischen Christlichen Studenten-Bewegung (ASCM), deren Sekretärin Margaret Holmes sich unserer Studenten annimmt. Das ist der Beginn des "Collegium Taturense", ein etwas ehrgeiziger Name, den Leonhard Adam vorschlägt mit der Idee Bruder Uwe zum Rektor zu ernennen. Schließlich fällt die Leitung in die Hände unseres Physikers Dr. Felix Guttmann. Er und sein Freund Bruno Breyer, ein Chemiker aus Wien, lehren Physik und Chemie, während Uwe und ich Mathematik unterrichten. Mit neuen Ankömmlingen wächst bald die Gruppe der Studenten. Mathematik, Physik, Chemie, Philosophie, Geschichte, und mehrere Sprachen einschließlich Englisch werden in formellen Kursen gelehrt. An Abenden gibt es allgemeine Vorträge für alle Lagermitglieder. Franz Borkenau, jahrelang Mitglied der kommunistischen Partei, die er dann negierte, interpretiert für uns Churchill. Es gibt aufgeregte Diskussionen mit den mehr linken Lagermitgliedern, aber keine Gewalttätigkeiten. Leonard Adam berichtet über die Amerikanischen Indianer, eine seiner Privatleidenschaften neben dem Buddhismus. Er beginnt nun ein Studium der Australischen Eingeborenen. Walter Würzburger, ein Mitglied der Jazzkapelle, lehrt Musiktheorie. Und jedermann versucht natürlich sein Englisch zu verbessern, jedoch bleibt die Verkehrssprache im Lager deutsch.

Bis die Sendungen von Fräulein Holmes anfangen, gibt es weder Papier noch Schreibmaterial. Schreibfedern werden nur für Briefe benutzt, die mit wenig Hoffnung auf Antwort zweimal in der Woche geschrieben werden. Die Post kann von Australien per Clipper-Luftpost befördert werden, für deren Extrakosten wir selten das Geld haben.

Am 20. November 1940 erhalten wir zum ersten Mal Nachricht über unsere Eltern. Sie sind in Portugal und warten auf die Übersiedlung nach Amerika. Jedermann im Lager teilt unsere Freude. Andere haben schon ähnliche Nachrichten früher gehabt. Die Sorge um die nächsten Verwandten ist allgemein.

Um diese Zeit beginnen auch die Verhandlungen wegen unserer Teilnahme an öffentlichen Examina in Melbourne und London. Viele von uns haben alle ihre Dokumente verloren und kaum Gelegenheit, Ersatz aus Deutschland oder Österreich zu beschaffen. Mit anderen Worten, wir müssen zuerst das Examen, das dem Abitur entspricht, wiederholen. Nicht nur sind nun zweiundhalb Jahre vergangen seit ich das Abitur bestand, sondern der Lehrplan ist hier auch ein vollkommen anderer. Mit den drei Semestern Mathematik in München bin ich auf diesem Gebiet ohne Sorge, aber in Englisch und Geschichte muß ich erheblich nachlernen.

Auf manchen Stubenwänden entstehen mittels Kreide Landkarten, auf denen die Entwicklungen des Krieges eingetragen werden. Wir erhalten täglich Zeitungen und können so an den Ereignissen der Außenwelt teilnehmen. Aber die Lage ist noch sehr verworren, und die Deutschen sind überall siegreich. Wir wollen an diesem Kampf teilnehmen, sind zu allem bereit und geben dieser Einstellung bei jeder Gelegenheit Ausdruck, mündlich und schriftlich. Diese, unsere Standpunkte werden endlich von hochgestellten Personen in England unterstützt. Warum sollen wir in Lagern sitzen, Ausgaben verursachen und uns selbst beschäftigen, wenn wir aktiv und produktiv sein könnten?

Am 6. Dezember 1940 läuft ein Gerücht durch das Lager, daß alle Einwanderungen in die USA aufhören sollen. So verlieren wir schon wegen der Eltern noch eine Hoffnung. Für Wochen davor verfolgten meine Brüder die Möglichkeit, unsere Berliner Wartenummern zu benützen. Der erste Brief der Eltern aus Portugal deutet an, daß eine direkte Weiterwanderung von dort aus nach Venezuela sehr schwierig, wenn nicht unmöglich sein wird. Wir sind bitter, denn hätte man das Versprechen der Kommission im Januar gehalten, uns zu entlassen, hätten wir den Eltern schon lange helfen können. Die Besprechungen ohne Lösung gehen weiter, und so warten wir nach wie vor auf Verbesserung unser Situation.

Am 11. Dezember 1940 schreiben die Eltern, daß ihre Visen für Venezuela erneuert wurden und daß sie das Land vor Weihnachten zu erreichen hoffen. Wir sind optimistischer, aber auch zur gleichen Zeit deprimiert durch die Nachricht, daß die nach Kanada verschifften Internierten dort frei sind und studieren. Wäre nur die "Arandora Star" nicht torpediert worden! Viele Jahre später werde ich hören, daß dies nicht so war und daß es ihnen schlechter als uns erging.

Nach sehr heißen, nordwestlichen Winden verdunkeln Sandstürme die Sonne und bedecken alles dick mit rotem Staub. Eine kalte Front kündigt sich durch den Farbwechsel des Himmels und eine Änderung der Windrichtung an. Ein paar Tropfen Regen und ein Temperaturabfall von 15 bis 20 Grad Celsius bringen für ein paar Tage Erleichterung.

Weihnachten 1940 schmecken wir zum ersten Mal australisches Bier, von dem die Soldaten uns schon erzählt haben. Es gibt deutschen Kuchen und besonders gutes Essen. Jeder erhält einen Teller mit Süßigkeiten, Nüssen und Kuchen. Nach Weihnachten zeigt man uns einen Charlie-Chaplin-Film. Aber die größte Aufregung erzeugt ein Telegramm vom englischen Innenministerium, das die Namen aller Internierten anfordert, die amerikanische Wartenummern haben.

Vorgeschriebenes Briefformular für Gefangene, das keine Geheimtinte annehmen soll

Das Jahr 1941 beginnt mit der Vorschrift, daß spezielle, keine Geheimtinte annehmende, einseitige Formulare für alle Briefe benutzt werden müssen. Was für Geheimnisse können wir schon von hier berichten? Jeder Brief hat nur 22 Linien, und wir müssen sehr deutlich schreiben.

Nach den "akademischen" Ferien des Kollegiums beginnen wieder die "Vorlesungen" in der zweiten Woche des Januar. Das ist ein wichtiges Ereignis, denn wir sollen vor Ostern in das erste Examen gehen. Es gibt noch viel Arbeit bis dahin. In der gesamten Zeit habe ich ohne Brille arbeiten müssen. Endlich erhalten wir Brillen nach Augenuntersuchungen vor einigen Monaten. Die brillenlose Zeit war nicht leicht für mich, besonders auf dem Schiff mit seiner unzureichenden Beleuchtung. Unser Singapurer Zahnarzt, Dr. Seefeld aus Hamburg, zieht mir einen Weisheitszahn. Man hat ihm erlaubt, sich außerhalb des Lagers einzurichten und auch Soldaten zu behandeln. Sein Bohrer ist ein mittelalterliches Gerät, das er mit einem Fuß betreibt. Was es auch alles gibt.

Am 24. Januar 1941 kommt wieder ein Brief aus Portugal, der einen Monat alt ist. Die Eltern warten immer noch. Zum ersten Mal berichten sie über die Ereignisse vor ihrer Abfahrt von Königsberg. Sie haben auch viele Fragen an uns. Sie wissen nur durch eine der Postkarten, die wir in Greenock schreiben durften, daß wir auf der "Arandora Star" waren.

Am 7. Februar 1941 erhalten wir die Nachricht, daß die Eltern am 25.Januar nach New York abfahren würden. Es gibt eine Feier mit einer unserer wertvollen Flaschen, in dem Stil von zuhause. Wir haben nämlich einen Anfang mit der Produktion von alkoholischen Getränken gemacht, denn Obst und Zucker sind leicht zu beschaffen. Die Flaschen werden unter der Hütte für die Gärung vergraben. Natürlich ist diese Tätigkeit verboten, und man muß sehr vorsichtig dabei sein. Trotzdem wird es bekannt. Eines Tages werden wir beim Appell lange aufgehalten, während die Soldaten die Hütten durchsuchen. Sie finden einige Flaschen. Am Abend glauben wir mehr Singen als sonst aus ihrem Lager zu hören. Ein anderes Mal explodiert eine Flasche unter einer Hütte, gerade als der Lagerkommandant seine tägliche Inspektion macht. Wieder stehen wir für eine Weile auf dem Paradeplatz, während die Soldaten suchen.

Unsere Beschwerden über die Behandlung auf der "Dunera" haben endlich eine positive Reaktion gebracht. Jeder soll aufschreiben, was er verloren hat, um entschädigt zu werden. Wir hören, daß der kommandierende Offizier O'Brien im Ersten Weltkrieg das Victoria-Kreuz erhielt, aber jetzt ehrlos entlassen wurde.

Zu dieser Zeit erhalten wir das Geld, das man uns bei der Internierung vor vielen Monaten abnahm. Es ist erstaunlich wie lange eine Organisation braucht, um triviale Selbstverständigkeiten zu erledigen. Die Brüder erhalten auch das Geld zurück, das vor einem Jahr für die australischen Visen gezahlt wurde. So bestellen wir bei der neu eingerichteten Lagerschneiderei Flanellhosen. Wann werden wir eine Gelegenheit finden, sie öffentlich zur Schau zu tragen?

Am 18. Februar 1941, meinem einundzwanzigsten Geburtstag, erhalten wir ein Telegramm, das von der Ankunft der Eltern in New York berichtet. Wir wissen nicht, ob sie weiterziehen müssen oder in Amerika bleiben dürfen.

Ende Februar kommt die Erlaubnis der Universität von Melbourne und des Melbourner Technikums, daß wir uns für ihre Kurse einschreiben dürfen. Zunächst müssen wir das Eintrittsexamen absolvieren. Wir wissen jetzt, daß wir die Möglichkeit zur formellen Anerkennung unserer Anstrengungen haben und daß wir die Zukunft planen können. Bisher war meine größte Sorge, daß wir noch einige Jahre ohne die Möglichkeit, offizielle Examina ablegen zu können, im Lager sein könnten. Es ist wohl wahr, daß es am Ende wichtiger ist, was man tatsächlich weiß als was man auf einem Prüfungspapier hat. Aber ist das wirklich so? Wie wird man die Gelegenheit finden, ohne ein Dokument seine Fähigkeiten nachzuweisen? Es ist klar, daß ich jetzt meinen Plan, Ingenieur zu werden, aufgeben muß. Ohne praktische Arbeit, ohne technisches Zeichnen usw. ist es unmöglich, sich als Ingenieur zu qualifizieren. Ich habe die Wahl zwischen theoretischen Studien der Mathematik oder Physik. Manche Studenten sprechen auch von Philosophie und Sprachen. Solche Studien sind nicht für mich.

Die Post von Übersee braucht viel Zeit. Der erste Brief der Eltern aus New York erreicht uns im frühen April 1941. Das Wissen, daß sie gesund und in Sicherheit sind, bedeutet viel. Es ist ein Wunder, daß jetzt sechs von den sieben Mitgliedern unserer engsten Familie herausgekommen sind. Wenn man von den Erfahrungen anderer Leute hört, haben wir ungeheures Glück gehabt.

Der Winter bahnt sich an. April ist schon ein kalter Monat, aber die Umgebung zeigt nur Staub und trockenes Gras. Sobald ein paar Tropfen Regen fallen, ändert sich alles. Die trocknen Eukalyptusbäume beginnen neu zu leben, ihre Blätter fangen an zu glänzen. Wir haben noch kein volles Jahr in Australien hinter uns. Darum beobachten wir alle diese Wechsel mit größtem Interesse. Wir bauen Gemüse und Blumen in unseren kleinen Gärten vor den Hütten an.

Es gibt viel klassische Musik im Lager. Das Lagerradio wird von außerhalb angestellt. Jeden Tag hören wir um vierzehn Uhr von einem Melbourner Radiosender die Stunde des Musikliebhabers mit einem sehr umfänglichen Programm. Am Sonntag Abend hat der Melbourner Organist Dr.Floyd seine eigene Stunde, die wir nie versäumen. Einige wenige Male spielen zwei Internierte aus einem anderen Teil des Lagers höchst professionell Beethovens Kreuzersonate und andere Violinsonaten. Es gibt auch Schallplatten und man kann bisweilen ein Grammophon ausleihen.

Der erste Internierte verläßt das Lager, um sein amerikanisches Visum abzuholen. Sein Vater wartet auf ihn in New York. Er kommt nach zwei Tagen aus Melbourne zurück und hat viel zu erzählen über die amerikanischen Vorschriften. Meine Brüder haben genug Geld, um uns nach San Francisco zu schaffen. Es soll ungefähr siebzig Australische Pfund kosten.

Was werden wir tun, wenn wir jetzt Gelegenheit erhalten zum Eintritt in eine Armee, wo auch immer? Man spricht davon, daß den Internierten erlaubt werden soll, nach England zurückzukehren und dort in ein Pionier-Regiment einzutreten. Oder auch davon, daß Australien so eine Armee-Einheit aufstellen wird. Ich selbst würde die USA vorziehen. In Deutschland waren wir schon einmal Bürger zweiter Klasse. Nach allem, was geschehen ist, wollen wir endlich freie normale Menschen sein. In Amerika wird man beim Eintritt in die Streitkräfte automatisch Staatsangehöriger.

Wir dürfen jetzt bisweilen das Lager zu Spaziergängen und zur Gartenarbeit verlassen. Wir werden nur wegen Vorschriften von einigen wenigen Wachen begleitet. Wir haben angesichts der großen Hitze immer Mitleid mit ihnen und böten ihnen gern an, ihre schweren Karabiner zu tragen. Schließlich sind sie alle viel älter als die meisten von uns. Aber so eine Geste könnte falsch ausgelegt werden. Auf diesen Spaziergängen gehen wir zum nahen See und schwimmen.

Am 7. Mai 1941 kommt ein Paket für uns aus New York. Es enthält mathematische Bücher und eine Brille, die Vater noch in Königsberg für mich kaufte. Die Brille, die ich hier bekam, war nicht gut. Mein Hüttenkamerad Albin Schramml versichert mir, daß ich mit der neuen Brille einen so guten Eindruck mache wie die Österreichische Kreditanstalt.

Um diese Zeit erhalten wir eine Antwort von Norman Birkett, dem Vorsitzenden der Kommission, vor der wir im Januar 1940 erschienen. Die Brüder hatten an ihn geschrieben. Er versichert uns, daß er uns bei unserer Entlassung helfen wird. Zur gleichen Zeit kommt ein Brief vom Sekretär des Flüchtlingskomitees in London, der uns informiert, daß unsere Entlassung in Australien unmöglich ist. Vielleicht wird man uns erlauben, nach England zurückzukehren, um bei den Pionieren einzutreten oder nach Amerika zu gehen. Anscheinend braucht Australien noch keine Menschen. Wie lange wird das noch dauern?

Ich fange an, Russisch zu lernen. Das Alphabet bereitet keine Probleme, aber das Lernen von Vokabeln fällt mir, wie schon früher auf der Schule mit den klassischen Sprachen, recht schwer. Unser Lehrer Herr von Skerst ist aus Lettland und ist mit Russisch aufgewachsen. Leider gibt es nicht genug Grammatiken und Texte. Ich sehe erneut, daß mir die Mathematik mehr zusagt.

Am 22. Juni 1941 greift Deutschland Rußland an. Große Hoffnung und Aufregung! Wir zeichnen Landkarten von Osteuropa, um die Bewegungen der Front zu verfolgen. Wir haben keine Zweifel, daß hier Hitlers Waterloo entsteht. Er beginnt diesen Krieg, um an unglaublich reiche Bodenschätze heranzukommen, die er für sein Wahnsinnsunternehmen benötigt. Mag sein, daß wir jetzt nicht mehr lange warten müssen bis man in Australien für uns eine Tätigkeit findet. Wir sprechen von den Leiden, die nun ungezählte Millionen von Menschen erwarten.

In ihrem letzten Brief bestätigen die Eltern den Empfang von Briefen, die vor mehr als einem Jahr in Seaton geschrieben wurden. Wieviel geschah seitdem! Diese Briefe aus der Vergangenheit müssen ihnen ganz sonderbar erscheinen. Diese Nachricht der Eltern gibt uns das Gefühl, daß die Zeit doch vergangen ist. Unter den augenblicklichen Umständen gibt es solche Sensationen selten. Jeder Tag ist wie jeder andere. Nur der Fortschritt bei den Studien zeigt, daß die Zeit fließt.

Wir hören mehr und mehr über die Erfahrungen der Eltern. Ich fange an die Geduldsproben zu verstehen, die unsere Schwester Gundula als jüngste von uns sich abverlangen mußte. Bald wird sie 20 Jahre alt sein. Beide haben wir keine abgeschlossene berufliche Ausbildung. Wir waren auf der Schule zu einer Zeit, als die Naziherrschaft sich voll entwickelte. Diese Geschehnisse haben unsere Leben auf eine ganz andere Weise beeinflußt wie die der Brüder. Wir fühlten die Sorgen und Gefahren, die die Eltern beschäftigten. Unterhaltungen über diese Probleme gab es jedoch nicht, weil wir "zu jung" waren. Aber wie ist es dann möglich, nicht zu jung zu sein, um sein eigenes Leben ohne Hilfe durch Schwimmen zu retten oder einen Onkel im Gefängnis zu besuchen? Man hat sich nicht darum gesorgt, uns für die Zukunft vorzubereiten, weil man zu sehr mit den eigenen großen Problemen beschäftigt war.

Vater arbeitet seit Monaten in Passaic, südlich von New York, in einer Waggonfabrik als Inspektor. Er verletzt seinen rechten Arm und verliert die Arbeit. Mutter macht Hausarbeit bei fremden Leuten. Sollen die Sorgen nie aufhören? Hier sind wir drei, gesund und jung. Wir haben Essen und Wohnung ohne Pflichten und Verantwortung. Wir können nichts für unsere Eltern tun.

Bisweilen versuche ich nachzuvollziehen, mit welchen Gefühlen ich ins Wasser sprang, nachdem die "Arandora Star" torpediert wurde. Ich bin sicher, daß ich keine Angst hatte zu ertrinken. Es gab einfach keine Zeit für Angst. Ganz kindisch stelle ich mir vor, wie sich die Bewohner des großen Hotel "Erde" aufführen. Dieses Hotel ist ein unsicheres Fahrzeug, das irgendwann Panne erleiden kann. Die Menschen kämpfen über Ideen und um Lokalitäten, während sie sich mit fantastischer Geschwindigkeit durch den Weltraum von nirgendswo nach nirgendswo bewegen. Wann werden sie endlich verstehen, daß jeder ein wenig Freude finden möchte, und das nicht auf Kosten anderer? Alle Berichte legen zu viel Gewicht auf Gewalt. Ist es nicht grausam Menschen jeden Alters, und besonders alte Leute, aus ihrer gewohnten Ungebung zu reißen, und sie dann zu zwingen wie Tiere zu leben? Dies erscheint mir viel schlimmer als wenn sie unter diesen Umständen umgebracht werden. Plötzliche Wechsel in den Lebensumständen verursachen die größten Spannungen und Unglück. Jedoch, wenn eine neue Situation anhält, gewöhnt man sich an die Umstände, was auch immer sie sein mögen.

Im August 1941 ziehen wir in unser elftes Lager um. Es ist uns nicht klar, warum dieser Umzug sein muß, aber das neue Lager ist landschaftlich schöner. Von seinem höchsten Punkt aus haben wir einen Blick über das flache Land im Nordwesten und Südosten. Wir können den ganzen See übersehen. Wir erhalten mehr Freiheit, können draußen ohne Wachen Golf und Tennis spielen. Es gibt Kontakt mit den anderen Lagerteilen, und demzufolge auch neue Bekanntschaften. Ich werde Vorlesungen über Differentialgleichungen für eine neue Gruppe von in Australien Internierten halten. Wir sind jetzt sicher, daß wir im November die Examina für das australische Abitur haben werden.

Am 12.September 1941 spricht Präsident Roosevelt in Washington zu der Welt. Wir stehen alle vor dem Hospital und hören seine Ankündigung, daß England volle amerikanische Unterstützung mit Waffen erhalten wird. Da kann kein Zweifel sein, daß dies der erste Schritt der USA in den Krieg ist. Hitler kann jetzt nicht mehr zurück. Amerika und Rußland haben es in der Hand, die Welt von dieser Gefahr zu befreien. Was wird nach Hitler kommen? Wer wird seine Handlungen und Worte studieren, und dann versuchen alles ein wenig besser zu machen. Was wird mit Deutschland nach diesem Kriege geschehen?

Titelblatt einer im Lager veröffentlichen Gedichtesammlung

Major Layton, ein Vertreter des Britischen Innenministeriums, ist aus England gekommen, um sich unserer anzunehmen. Er sagt Albin Schramml, daß seine "A" Gruppierung nicht geändert werden kann und er interniert bleiben wird. Es gibt "A", "B" und "C" Fälle, eine Tatsache, die plötzlich wichtig wird. Wir drei Brüder sind ";A" Fälle und wurden daher früh interniert. "B" Fälle wurden später eingezogen. Schließlich hat man auch "C" Fälle geschnappt. Solange man als "A" Fall klassifiziert ist, hat man keine Hoffnung entlassen zu werden, weil man als Nazi identifiziert ist.

"Kindderreim" aus der Gedichtesammlung :"Im Stachelkreis"

Albin ist schwer aus der Ruhe zu bringen, aber dieses Mal sagt er dem Major: "Ich will nur meine Ruhe und Frieden haben, aber wenn ich einen Brief erhalte, der sagt, daß ich ein schmutziger Verbrecher bin, dann ärgere ich mich sehr, weil das nicht wahr ist". Ich wünsche mir, daß ich das Gesicht des Majors hätte sehen können. Wir sind alle nur sterbliche "Fälle", und die Bürokratie, die "Fälle" behandelt, besteht aus Positionen, die unsterblich sind.

Der Feldzug in Rußland ist vor Moskau steckengeblieben. Unser Russischlehrer hält mehrere Vorträge über die Bewegungen der russischen Front. Ich zeichne für ihn die Landkarten und werde vertraut mit den Ortsnamen der Gegend. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie groß die Leiden der Leute sind, die garnicht so weit von Königsberg leben. Und wie reagiert die deutsche Bevölkerung auf die Verwüstung eines Landes nach dem anderen?

Am 7. Dezember 1941 bombardiert Japan Pearl Harbour und die USA treten auch in den Krieg ein. Man kann jetzt erwarten, daß unsere Zukunft sich ändern wird. Es ist jetzt kein Zweifel mehr, daß wir bis zum Kriegsende in Australien bleiben werden und daß man bald Arbeit für uns finden wird. Es ist nur eine Frage der Zeit. Man hat uns schon gefragt, ob wir bereit sind, in das australische Arbeitsbataillon einzutreten. Obwohl wir es gerne sehen würden, daß man uns als gleichwertig behandelt, ist jetzt keine Zeit für Diskussionen. Wir wollen aus dem Lager heraus und mitarbeiten, sogar dann wenn wir das nicht unter allgemein gültigen Bedingungen tun müssen. Wir haben nicht verdient, was mit uns geschah. Wir werden wahrscheinlich nie herausfinden, wie es geschah.

Neujahrskarte 1942

Im Februar 1942 kommt noch eine Ablehnung unserer Entlassungsanträge. Gleichzeitig ist die Verbindung mit den Eltern unterbrochen. Wir sind wieder einmal auf einem Tiefpunkt unser Internierung angelangt. Wir kämpfen mit Schatten. Bürokraten sind Schatten, denn man kann nie herausfinden, wie sie zu ihren Entscheidungen gekommen sind. Man müßte sein ganzes Leben darauf verwenden, um eine einzige Entscheidung durch alle Stadien hindurch zu verfolgen. Wer würde ein Leben dafür hergeben?

Wir ziehen wieder um, und zwar in das Tatura-Lager 2, in dem wir einst untergebracht waren. Die Nazis sind nicht mehr da, sondern Internierte vom Bugdeck der "Dunera", von denen wir 1940 getrennt wurden. Wir hören von ihnen, daß sie in Sydney ausgeladen wurden und lange in einem Lager bei Hay, im Inneren von New South Wales, untergebracht waren. Plötzlich gibt es viele junge Leute, Studenten und Lehrer, und ich bin nicht mehr oben im Spektrum, sondern ganz unten, was Fähigkeit und Wissen anbetrifft. Es gibt ganz außerordentliche Gelegenheiten für das Studium der Mathematik. Für mich beginnt eine ganz neue Art von Studium, als ich mich bemühe nachzuholen, was die anderen Studenten hier mir weit voraushaben. Um diese Zeit beginnen auch die Entlassungen in das australische Arbeitsbataillon. Dr.Felix Behrendt, unser Mathematiklehrer, der in Berlin und Prag studierte, wird entlassen, um an der Universität Melbourne zu lehren. Ich studierte vor Jahren Trigonometrie aus einem Buch, das sein Vater geschrieben hat und Oberstudienrat Postelmann mir seinerzeit gab. Die Welt ist nicht groß.

Am 19. Februar 1942 findet in Darwin der erste Luftangriff auf australischen Boden statt. Das ganze Land, nicht nur Darwin, ist erschüttert. Es soll ruhig weiter wackeln, bis es aufwacht und unsere Zäune fallen.

Ich habe alle Examen, außer dem im Englischen, bestanden. Ich soll bald ein Nachexamen machen, aber man hat in Melbourne vergessen, meinen Namen in die Liste einzutragen, sodaß ein Zweifel besteht, ob meine Arbeit beurteilt werden wird. Margaret Holmes hat mit Verhandlungen begonnen, um mir den Eintritt in das erste Universitätsjahr zu ermöglichen.

Angesichts der Tatsache, daß jetzt die Möglichkeit zur Immatrikulation in Melbourne und zur Beendigung eines Studiums besteht, frage ich mich, ob ich in das Arbeitsbataillon gehen soll, falls die Erlaubnis dafür kommen sollte. Ich bin besorgt, daß der Krieg enden wird und ich ohne jegliche Qualifikation in einem fremden Land sein werde. Wenn ich mit den Brüdern darüber spreche, meinen sie, daß ich so ihre Entlassung sabotieren würde. So muß ich mit ihnen zusammenbleiben und Anstrengungen machen, ein Diplom als Soldat zuerarbeiten. Wie kann man das wohl tun?

Am 12. Mai 1942 hören wir, daß wir am nächsten Tag entlassen werden, um auch in die australische Arbeitskompanie einzutreten. Wir haben 962 Tage hinter Stacheldraht verbracht. Am nächsten Morgen fahren wir mit einem Mann von der Lagerwache, der dieses Mal kein Gewehr trägt, zum Bahnhof Rushworth und steigen auf den Zug nach Melbourne. Wir haben unsere neuen Flanellhosen an.

Rainer Radok 1942 (Photo Helmut Newton)